Feuertaufe
Sonntag. Es schneit. Taschentuchgrosse Schneeflocken schweben federleicht vom Himmel. Der Hundespaziergang führte durch verschneite Wege, während sich der Hund im tiefen Schnee vergnügte, kämpften wir uns durch die ungastlichen Verwehungen.
Heute Abend erste Lesung aus meinen neuen Manuskript, das irgendwann zu einem Buch werden soll. Ich bin - obwohl altgedient - doch etwas nervös. Schliesslich werde ich meine Thesen zum Thema vorstellen, einige Stellen daraus lesen und dann mit dem Publikum diskutieren. Das Thema ist die Mutter. ich gehe der Frage nach, weshalb wollen die meisten Töchter nicht werden wie ihre Mütter - ich übrigens ebenfalls nicht. Ich habe viele Interviews mit Frauen geführt und habe immer wieder die gleiche Antwort erhalten: so, wie sie, unter keinen Umständen. Und weil ich das auch aus eigener Erfahrung kenne, wollte ich mehr über die Hintergründe wissen.
Nach meinem heutigen Wissenstand kann ich sagen: die meisten Mütter sind entwertete, gedemütigte und gekränkte Frauen. Und dass die Tochter nicht in diese Rolle schlüpfen will, ist eigentlich verständlich. Und weil diese These nicht sehr schmeichelhaft ist, werden sie auch einige Frauen ablehnen und behaupten, dies treffe für ihre Mutter nicht zu.
Deshalb möchte ich kurz das Bild einer Mutter entwerfen, die keinerlei Entwertung erfahren hat. Sie erlebt innerhalb der Famlie ein hohes Ansehen und erhält für ihre Leistung, die sie tagein tagaus für die Familie erbringt, Anerkennung und Wertschätzung. Ihr Anteil am wirtschaftlichen Ertrag ist selbstverständlich, man spricht von unserem Einkommen, von unserem Haus, von unserem Geschäft usw. Ausserhalb der Familie begegnet man ihr mit grossem Respekt. Ihr Wort gilt, wo auch immer sie sich meldet. Im Rentenalter erhält sie für ihren rundum das JAHR-Job eine angemessene Rente, die es ihr erlaubt, das Alter zu geniessen, sich mal eine schöne Reise zu leisten oder was auch immer sie machen wollte aber noch nie so richtig Zeit dafür hatte.
Nach meinen Recherchen gibt es wenige Mütter, auf die diese Skizzierung zutrifft.
Die Folgen der entwertenten Mutter sind für die Töchter verheerend. So ist mangelndes Selbstwertgefühl für viele Frauen an der Tagesordnung. Und weil ich nicht gleich das ganze Buch hier beschreiben möchte höre ich jetzt auf und mache mich auf die Reise durch die verschneiten Strassen.
Und ich bin ja sehr gespannt, wie meine Überlegungen aufgenommen werden.
Ach, ja, damit ich es nicht vergesse, dieses Gedicht von Gottfired Benn hat mich auf die Fährte gesetzt, mich mit dem Mutter-Thema zu beschäftigen:
Mutter
Ich trage Dich wie eine Wunde auf meiner Stirn
Die sich nicht schlliesst
Sie schmerzt nicht immer
und es fliesst das Herz sich nicht draus tot
Nur manchmal, plötzlich
bin ich blind und spüre Blut im Munde