
Kachelmanns Lehrstück für Frauen
Wenn sich die Mannheimer Staatsanwaltschaft keine zweite Schlappe einhandeln will und auf Revision verzichtet, ist der Freispruch für Jörg Kachelmann rechtskräftig. Und ich bin darüber nicht unglücklich. Das erstaunt vielleicht, denn viele würden wohl von mir erwarten, dass ich ihn hinter Schloss und Riegel wünsche. Dies ist ein Irrtum. Obwohl ich alles andere als eine Sympathisantin seines Lebensstiles bin, obwohl es mir missfällt, wenn mehrere Frauen gleichzeitig an der Nase herumgeführt werden und auf eine gemeinsame Zukunft mit dem angeblich Geliebten hoffen, obwohl ich für die Sado-Maso-Szene keine entsprechende Neigung vorzuweisen habe, ist es gut, dass er freigesprochen wurde. Wir leben in einem Rechtsstaat. Die faktische Beweislast fehlte.
Die Frage, ob Kachelmann wieder an den Bildschirm zurückkehren kann, erübrigt sich. Herr Clinton regierte weiter nachdem herauskam, dass er gelogen hatte, Herr Friedmann talkt auf allen Kanälen, die Anklage Rauschgift- und Frauenhandel betrieben zu haben, hat ihm nicht geschadet und auch Prinz Charles eher spiessiges Image erlitt trotz eigenwilligem Wunsch keinerlei Einbusse, als Tampon in Camillas Intimbereich sein Leben fristen zu wollen. Das männliche Schamgefühl scheint ziemlich immun gegen öffentliche Beschämung zu sein. Deshalb kann davon ausgegangen werden, Herr Kachelmann wieder putzmunter im öffentlichen Raum anzutreffen.
Trotzdem sollte der Fall Kachelmann vor allem Frauen zu denken geben, um daraus eine Lehre zu ziehen. Schliesslich wird jede sechste Frau in ihrem Leben mit Gewalt in irgendeiner Weise konfrontiert, in nicht wenigen Fällen kommt es zur Vergewaltigung. Ob es zu einem einvernehmlichen oder zu einem gewaltsamten Geschlechtsakt kommt, Ziel in allen sexuellen Aktivitäten ist stets der Orgasmus, d.h. um die Freisetzung des Hormons Oxytocin, das auch als Glückshormonen bezeichnet wird. Die Praktiken dahin zu gelangen sind unterschiedlich, bei vielen genügt ein faktisches Zusammentreffen geeigneter Protagonisten, andere sind auf Hilfsmittel angewiesen um erregt zu werden, wie etwa die Bebilderung einer bestimmten Inszenierung im eigenen Kopf, die Vorstellungsbilder wollen sogar in die Realität umgesetzt werden. So konstruiert jeder und jede das eigene Bühnenbild um auf den Gipfel des sexuellen Höhepunktes zu gelangen und es könnte nicht unterschiedlicher sein. Während die einen gleichzeitig das Geläut von Kirchenglocken benötigen, bevorzugen andere ein möglichst derbes Vokabular, während die einen vom Prinzen in weissen Stumpfhosen träumen, visualisieren sich andere Verführerisches aus dem Rotlichtmilieu. Wie die jeweiligen Vorlieben entstehen ist fraglich, ob eine hirnphysiologische Disposition oder andere frühkindliche oder traumatische Erfahrungen eine Rolle dabei spielen, sei dahin gestellt.
Im Fall Kachelmann wurde ausführlich über seine besondere Vorliebe für Sado-Masochistisches Praktiken bereichtet. Im Sado-Maso-Setting einigen sich die Beteiligten darauf, freiwillig ihre Gleichberechtigung aufzugeben zugunsten eines Machtgefälles, indem der eine Partner sich in die devote, unterwürfige Rolle und der andere in die des Herrschers, Bestrafers oder Züchtigers begibt. Die dabei ausgeübten Praktiken finden in einem Rollenspiel statt und kreisen um Schmerzzufügung, Entwürdigung und Erniedrigung, beliebte Requisiten sind Peitschen zur Züchtigung sowie Handschellen oder Fussfesseln und andere Folterinstrumente. Für die szenische Darstellung sind kaum Grenzen gesetzt, sofern die Machtverhältnisse eindeutig auf Ungleichheit ausgerichtet ist. Beliebte Rollenspiele sind Herrin-Knecht oder Herr-Sklavin, Krankschwester-Patient, Arzt-Patientin, Lehrer-Schülerin, Nurce-Wickelkind, Folterer-Gefangene, ja bis zum Spiel von Hund-Meister sind gängige Verhältnisse. Ein vereinbartes Safeword oder ein Code sollte dafür sorgen, dass die Personen sofort das Rollenspiel beenden können, wenn es ihnen unangenehm wird und ihnen nicht mehr gefällt.
Und genau hier liegt das Problem. Die Ex-Geliebte von Kachelmann hat über die Zeitdauer eines Jahrzehnts die sexuelle Vorliebe ihres Freundes mitgemacht, ohne selbst daraus einen entsprechenden Lustgewinn zu ziehen, also quasi, ihm zuliebe. Während sich immerhin andere potentielle Sexpartnerinnen unverzüglich von ihm abgesetzt haben, als sie realisierten, in welche Richtung Sex mit Kachelmann läuft, hat die Ex-Geliebte stillgehalten, hat sich mit Fesseln Handschellen anbringen lassen und sich mit der Lustgerte züchtigen lassen. Und das ist die typische Signatur weiblichen Verhaltens! Aus Liebe sich selbst vergessen, aus Liebe unter die eigene Würde abzusteigen.
Wir wissen nicht, was in jener ominösen Nacht tatsächlich geschehen ist, und was auch in 44 Verhandlungstagen, die den deutschen Steuerzahler eine Stange Geld gekostet hat, nicht herausgefunden worden ist. Aber eines kann man mit Sicherheit sagen: Den „Tathergang“ einer sadomasochistischen Inszenierung hinterher zu analysieren, fällt selbst den Beteiligten schwer. Wenn fiebriges Jagfieber nach Oxytocin die Führung übernimmt und sich der Verstand aus der Verankerung losreisst, wie leicht wird das Stoppwort überhört, schliesslich hat sich das Spiel bereits Xfach wiederholt und hat sich als Selbstläufer etabliert.
Jede Frau sollte deshalb wissen, wer sich auf die Sado-Maso-Szene einlässt, bewegt sich auf gefährlichem Grund. Was zunächst als harmloses Spielchen beginnt, ist vielleicht nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Und jede Frau sollte kapieren, ihm zuliebe sich sexuellen Praktiken unterwerfen, die man nur mit zusammengebissenen Zähnen erträgt, kommt nicht in Frage, hier lautet der Sicherheitscode: Nein danke, mit mir nicht.
Und noch etwas: Selbstverständlich müssen Vergewaltigungen weiterhin zur Anzeige gebracht werden. Unverzüglich! Aber es sollte ebenso beachtet werden, dabei die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Jedes zusätzliche erfundene Geschichtchen – auch aus taktischen Rachegefühlen heraus – schadet. Langfristig vor allem der Glaubwürdigkeit von Frauen.
