
Gedanken zum 1. August
Texte müssen nicht immer wieder neu geschrieben werden, denn sie sind bereits da. Anfangs der 20iger Jahre, schrieb Rainer Maria Rilke diese Worte:
„Ist es möglich,dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?
Ist es möglich dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist?
Ist es möglich dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so dass es aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ist es möglich dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist?“
Der heutige Tag sollte Anlass dazu sein, über die Situation in unserem Land nachzudenken. Die Schweizerischer Eidgenossenschaft wurde 1291 gegründet, seit 1848 funktioniert sie als Bundesstaat mit 26 Kantonen. Es ist die älteste Demokratie. Darauf könnten wir durchaus auch ein wenig stolz sein, oder einfach dankbar, in diesem Land zu leben. Wie aber ist es möglich, dass Begriffe wie Demokratie derart verzerrt oder gar missbraucht und eindimensional verstanden werden? Je nach Gesinnung, wird die gegenteilige Meinung einfach als undemokratisch bezeichnet.
Die Diskussion, die um den Massenmord in Norwegen entstanden ist, wirft diesbezüglich ernsthafte Fragen auf.
Wie ist es möglich, dass selbst intelligente Menschen sich an einer oberflächlichen Nährboden-Debatte beteiligen, Schuldzuweisungen konstruieren und so das Attentat instrumentalisieren?
Wie ist es möglich, dass Grundgesetze über die Funktion der menschlichen Psyche einfach ausgeblendet werden?
Es ist an der Zeit, in der eigenen Psyche demokratische Verhältnisse herzustellen. Das heisst, endlich zu begreifen, dass es durchaus unterschiedliche politische Perspektiven gibt und vor allem, dass diese zu respektieren sind. Wer lautstark Toleranz fordert, sollte sich vor allem darin profilieren, anders denkende zu tolerieren.
Es gibt Menschen in unserem Land, die sind besorgt, dass unsere Demokratie durch die Einwanderung von Personen, die aus autoritär patriarchalen Kulturen stammen, ungünstigen Einflüssen ausgesetzt ist.
Diese Personen leiden weder an einer Islamphobie noch lehnen sie grundsätzlich alles ab, was fremd ist. Sie sind weder fremdenfeindlich noch hegen sie Hassgefühle gegen Fremde. Nein, sie haben einfach Angst, schlicht und ergreifend Angst um den Rechtsstaat. Angst ist ein Gefühl, das sich nicht einfach wegdenken lässt. Verdrängte Gefühle lösen sich nicht in Luft aus, sondern lauern im Untergrund weiter. Und es sollte in unserem Land möglich sein, offen und ehrlich über alle Befürchtungen zu reden, ohne in eine rechtsextreme Ecke gestellt zu werden.
Wem es ernsthaft darum geht, für alle hier lebenden Menschen gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, Menschenrechte für alle – auch für Frauen aus fremden Kulturen! – zu garantieren, muss sich dafür einsetzen, dass die Meinungsfreiheit gewährleistet bleibt. Dies gilt vor allem für die Mitteparteien und die Linken.
