Achtung Küchenmesser

Eveline Keller, 02.10.2019

Eveline Keller
Eveline Keller


Ausgestellt auf der Frontseite eines Schweizer Magazins. Für jeden von allen Seiten zu betrachten.

Es tut einem fast weh. Wie du da schutzlos der Beschauerin und dem Beschauer ausgeliefert bist. Deren, oder dessen Blick, vor den Kopf gestossen, sich abwendet, oder mit wachsendem Interesse über die Abbildung streift. Und wer es genauer wissen will, der findet auf der zweiten Seite weitere Darstellungsvarianten von dir. Fett, rot, leuchtend, samtig glänzend oder mit Konturen skizziert.

Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert wird uns präsentiert, was die Frauen zwischen ihren Beinen Interessantes herumtragen. Dass das nötig sein würde, hättest du wohl auch nicht für möglich gehalten. Heute wird uns auch gezeigt, dass Frauen sich ebenso zur Schau stellen können. Seht her! Sagst du uns. So sehe ich aus.

Du bist ein höchst komplexes Organ, das der Inhaberin und ihrem Liebespartner oder ihrer Liebespartnerin Freude bereitet. Du bist nicht wegzudenken, schon gar nicht weg zu schneiden.

Aber, frage ich dich: Interessiert das noch jemanden, da draussen in der aufgeklärten Welt? Ist dieses Thema nicht schon bis zur Neige besprochen worden, und somit ein abgenagter Knochen? Da wurde während der sexuellen Revolution, in den 68er der Sex in allen möglichen Varianten ausprobiert. Mit der Ausbreitung der tödlichen Krankheit AIDS, brach dann leider die Euphorie über das neue Spielfeld zusammen. Man musste dich schützen. Von da an mühten wir uns, mit dem 'Gummi-drum' ab.

Interessant, wie die heutigen Frauen dazu ein völlig unverkrampftes Verhältnis haben. Anders, als es bei der älteren Generation, der sexuell befreiten, ankam. Man empfand es als befremdend, wenn das flammende Schwert eingesackt werden musste. Lag man engumschlungen da, musste man sich konzentrieren, dass der Gummi zum richtigen Zeitpunkt übergestreift wurde. Das war der Stimmungs-Killer schlechthin. Die Jungen heute sind da viel aufgeschlossener. Ein lockerer Spruch und Schwups, ist das beste Stück schon dicht umhüllt.

Und trotzdem bereitet einem die wachsende Prüderie der jungen Generation Sorgen. Da braucht es eine Vulva, wie dich auf der Frontseite, damit bei den sinkenden Leserzahlen von Magazinen, überhaupt noch jemand hinsieht. Mit dem Aufklärungsunterricht in der Primarschule ausgestattet, sollte gewährleistet sein, dass alle ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Körper bekommen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Hemmungen sich nackt zu zeigen sind heute viel gegenwärtiger als noch vor zwanzig Jahren. Kein Wunder bei all den persönlichen Fotos, die freizügig in den Sozialen Medien herumgereicht werden. Der Verführung, diese mittels Fotoshop zu schönen, können wenige wiederstehen, und bauen sich so eine Hürde mit Hemmungen auf. Diese zu überwinden scheint unmöglich, in einer Welt, wo nur perfekte Wimpern, dicke Lippen und atomare Brüste oder Pobacken als schön gelten. In so einem Umfeld kann kaum eine bestehen. Und so verhüllen sie ihren wahren Körper vor den Blicken der anderen, bis sie genug Geld gespart haben für eine Schönheitsoperation.

So ist es auch mit dem Sex, nicht war Vulva? Gibt es etwas Schöneres? Keiner sollte sich davor fürchten müssen. Aber wenn man sieht was heute im Fernseher läuft, kann einem Angst und Bange werden. Nenn mir eine heisse, schöne Liebeszene, in einem aktuellen Film. Nein, keine alten, einen Film neueren Datums.

Was da als Beziehung gezeigt wird, ist gefühllos. Das Flirten wird als billige Anmache verunglimpft. Nach dem dritten Satz fragt die Frau den Mann, willst du ficken? Und als der sich, sich windend, schliesslich genötigt fühlt mitzutun, stürzen sie sich wie Boxer aufeinander. Sie reissen sich die Kleider vom Leib, ringen miteinander über den Küchentisch - Achtung Küchenmesser – krachen engumschlungen an die Wand - meine Güte müssen die gut trainiert sein - oder aalen sich auf dem Fussboden - das gibt unendlich, schmerzhafte Blessuren am Rücken. Ebenso ruckartig wie es begonnen hatte, wird der Akt beendet, und jeder geht seiner Wege.

Was hat das mit Liebe oder Leidenschaft zu tun? Kommst du Vulva, bei einem solch sachbezogenen Rein-Raus-Akt überhaupt auf deine Kosten? Das ist doch der totale turn-off! Und die Romantik bleibt da sowieso auf der Strecke. Dann lieber eine Darstellung von dir, Vulva. Das regt vielleicht die Fantasie an, tut aber keinem weh.

1Kommentar

  • Priska Amrhein
    05.10.2019 17:30 Uhr

    „Ausgestellt auf der Frontseite eines Schweizer Magazins. Für jeden von allen Seiten zu betrachten.“

    Julia legte uns Seminarfrauen letzten Montag dieses Magazin auf, auf dass Jede, wenn sie möchte, sich mit dem Thema beschäftigen darf. Viva la Vulva!

    Wie schon oft, ging ich auch dieses Heft im wahrsten Sinn des Wortes, von einer anderen Seite an. Ich stand vor der Auslage, das Heft lag im Querformat vor mir und ich sah einen rosa Frauenmund. Irgendjemand hat da mit Filzstift Linien darüber gezeichnet, die wie Höhenkurven aussahen, die man in dieser Art auf Landkarten findet. Das Oval mit dem Punkt drin, markiert den höchsten Punkt des Berges. Als ich dann das Heft um 90 Grad drehte, sah die Sache ein bisschen anders aus. Aber der Gag, die Provokation dieses Bildes war futsch!

    Nun gut, die Zungenspitze, die da zwischen den Lippen hervor lugt kann schon ein wenig vul- vul- vulgär anmuten.

    Und wenn ich schon mal da bin: Die Vulva ist das Tor zur Wiege des Lebens! Und es wird Zeit, dass jeder Penis, der dieses Tor passieren darf, dies mit Respekt tut! Und ja, bissel Demut dürfte er auch zeigen, der am andern Ende der Penisspitze…..

    Ein lieber Gruss von einer, nach diesem Schreiben befriedigten Priska.

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