Als die Kirchenglocken läuteten....

Meta Zweifel, 28.06.2019

Meta Zweifel
Meta Zweifel

14. Juni 2019, Frauenstreik: Die Schweiz ist um einen Gedenktag reicher geworden. Mit Sicherheit werden die Medien nächstes Jahr das Ereignis aufkochen, viele Frauenstreik-Jubiläen stehen in Aussicht. Es ist ja auch reichlich verwertbares Bildmaterial vorhanden, das Protestplakate, attraktive junge Frauen mit aufgeblasenen Trillerpfeifen-Backen oder in die Luft gestreckten Fäusten zeigt. Und vor allem mit Streik-Frauen randvoll besetzte Strassen und Plätze. Massenauflauf ist immer optisch wirkungsvoll.

Also, was das Streik-Logo mit der Faust anbelangt: Wo ich Faust sehe, spüre ich massives Unbehagen. Gut, der rot lackierte Daumennagel auf dem Logo war ein kleiner, grafisch witziger Gag. Dennoch: Wo geballte Faust, da Gewalt-Signal. Wo Faust, da nicht selten Vakuum -  im Hirn.

Zum Erinnerungsfundus des 14. Juni 2019 werden auch die Kirchenglocken gehören, die am Nachmittag ausgiebig das ganze Land beschallten. Ich liebe den Klang von Glocken, die zum Gottesdienst rufen, Freude oder Leid, Krieg oder Frieden verkünden oder bei Katastrophen erklingen. Was war gemeint, als die Glocken sich zum Frauenstreik meldeten? << Vielleicht war der 14. Juni ja auch eine Art Katastrophe? >>, witzelte eine alte Bekannte, die beruflich auf einem soliden Manager-Stuhl sitzt. Und sie erzählte, auf welch abenteuerlichen Umwegen sie mit massiver Verspätung an einem Sitzungsort  in Baselangelangt sei. Der reguläre Trambetrieb war zusammengebrochen, zu Fuss kein Durchkommen. Na klar, wenn Frau will, steht alles still. Seltsam, in Zeitungsberichten zum Streik war von Frauenmenschenmassen, von Parolen und Forderungen die Rede. Hinweise auf den Aufwand an Sicherheitskräften und alle möglichen Nebenwirkungen und Nebenkosten fehlten. Oder täusche ich mich?

Keine Frage, Benachteiligung von Frauen geht gar nicht mehr.

Vorbei ist die Zeit, in der das Familienrecht verkündete >> Der Mann ist das Haupt der Familie. Er bestimmt den ehelichen Wohnsitz. >> Aber als ich am 14. Juni 2019 Streikbilder sah,

die eine Mischung aus Protest, ernsthaftem Anliegen, Demo-

Klamauk, Ich-auch-dabei-Begeisterung und Volksfest zum Ausdruck brachten, schaltete ich einige Gedenkminuten ein. Ich gedachte der Lehrerinnen des ehemaligen Mädchengymnasiums in Basel.  Die aus Protest gegen den negativen Ausgang der Abstimmung zum Frauenstimmrecht am 3. Februar 1959 ihre Arbeit verweigerten und einen Tag lang den Klassenzimmern fern blieben. Mit Namen und Unterschrift hatten sie sich in aller Öffentlichkeit zu dieser Protestaktion bekannt. Sie riskierten berufliche Sanktionen, setzten sich dem Gespött von Stammtischbrüdern und beleidigten Leberwurst-Männern aus. Sie standen ganz alleine da, eine kleine Gruppe von standhaften Kämpferinnen für Frauenrechte. Ohne Glockengeläute und ohne die Unterstützung einer enorm grossen und medienattraktiven Menschenmenge.

Ehre ihrem Andenken.

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