Als ihr Brief kam

Gaby Kratzer, 28.06.2019

Gaby Kratzer
Gaby Kratzer

Ein Schatten huscht über die Blätter. Der Mond, rund, hell und klar, scheint durch die Äste auf den modrigen Waldboden. Flink rennt die Gestalt zwischen den Bäumen hindurch, streift durchs Gebüsch. Plötzlich bleibt sie stehen und lauscht. Gespenstig ruhig, etwas unheimlich und dennoch fasziniert. Kaum hörbar raschelt, schnauft und piepst es im Unterholz. Julian hat keine Angst. Er ist gewohnt nachts im Wald zu sein. Es ist sein Rückzugsort, seine Oase. Zwischen den Bäumen und den Tieren hat er seine Ruhe. Keiner der ihn angafft. Keiner der in anblafft. Keiner der sich lustig macht. Im Wald ist er glücklich.

Gerade heute war es wieder anstrengend. Der Jahrmarkt wechselte vor zwei Wochen seinen Standort. Eine neue Stadt, neue Zuschauer. Sie stehen vor Julian glotzend und lachend. Er weiss, dass er froh sein darf bei Jean-Baptiste im Zirkus zu arbeiten. Bei ihm gibt es immer genug zu essen, einen warmen Schlafplatz und er sieht etwas vom Land. Julian war schon in etlichen Städten und deren Wälder. Und trotzdem ist er heute wehmütig. Er ist verliebt. Seine Liebe musste er zurücklassen. Das Mädchen, mit den blonden Zöpfen, hatte ihn nicht angeglotzt. Sie hatte ihn bezaubert, ihn verzaubert. Sie bewunderte ihn. Wie schön er doch sei und wie weich seine Haare sich anfühlten. Er liess nicht jeden seine Haare anfassen. Marie war eine Ausnahme. Erst einmal, dann nochmals und dann immer wieder. Sie war so sanft und konnte mit ihrem herzhaften Lachen Berge versetzen.

Wenn der Jahrmarkt schloss, suchte Julian jeweils Schutz und Ruhe im Wald. Seit Marie in sein Leben trat, konnte er dieses Gefühl überall haben. Solange sie bei ihm war, konnte ihm nichts passieren. Er vertraut ihr. Sie versteht ihn. Der einzige Trost in seinem immensen Liebeskummer ist, dass er weiss, er würde sie wiedersehen. Die Wandermenagerie ist im Jahresturnus im Land unterwegs. Nur noch acht Monate. Sie würde auf ihn warten, hatte sie versprochen. Sie werde ihm Briefe schreiben. Ein Bote überbrachte ihm bereits den ersten Umschlag. Er hatte ihn nicht geöffnet. Weshalb auch, er kann weder lesen noch schreiben. Julian nimmt den sinnlichen Geruch von Marie wahr. Eine Mischung aus Lavendel und Verveine. Den Brief trägt er immer unter seinem Hemd, nahe seinem Herzen. Sein Gefühl war unbeschreiblich. Kein Geglotze, Gemotze oder Gelächter konnte ihn aus der Bahn werfen. Sein Herz überquillt fast vor lauter Liebe zu Marie.

Zurück im Zeltlager, bevor er zu seinem Schlafplatz schleichen würde, geht er zu den Wasserzubern. Er wäscht und pflegt sein samtenes, weiches Haar. Marie wäre entzückt. Ob er sich eine Strähne abschneiden sollte? Wie käme diese zu seiner geliebten Marie? Ganz in Gedanken versunken, bemerkt er nicht, wie Josef, der beinlose Akrobat, zwischen den Tonnen auftaucht. «Na Julian, machst du dich hübsch für die Damenwelt?» Julian fühlt sich ertappt und entgegnet barsch: «Was würde es denn nützen? Die Richtige ist eh nicht da.» «Oh mein feiner Herr, für die Richtige soll es dann auch noch sein», bemerkt Josef spitz. Julian kullert eine Träne über die Wange. Der Kumpel, der kein so harter Bursche war, wie er sich während der Vorstellung jeweils gab, bemerkt diese eine Träne. «Julian, ich habe das nicht böse gemeint!» Josef hievt sich auf seinen starken Armen ein Stück in Richtung seines Weggefährten. «Oder hast du so starken Liebeskummer? Fehlt dir Marie denn so sehr?» «Nein Josef, nicht so sehr, sondern noch viel mehr, als ich jemals dachte bevor wir wegfuhren. Wenn ich das gewusst hätte.» «Aber Marie hat dir doch einen Brief geschickt. Stand so fürchterliches drin?» Julian ist beschämt. Er muss nun seinem Freund gestehen, dass er weder schreiben noch lesen kann. Bis anhin konnte er sich drücken und kam heil davon, wenn eines dieser Attribute gefordert war. Er konnte dafür gut zupacken und half immer beim Aufbau der Zelte. Kleinlaut druckst er herum, senkt den Blick: «Ich kann ihn nicht lesen.» Ganz erstaunt und doch sehr verständnisvoll erwidert Josef: «Aber du kannst ihn doch trotzdem ansehen.» «Habe ich ja.» Julian hält die flache Hand auf seine Brust: «Ich bewahre ihn hier, unter meinem Herzen auf.» Er nimmt den Brief hervor und zeigt ihn Josef voller Stolz.

Verdutzt schaut Josef den zerfledderten Umschlag an. «Julian, der Brief ist ja gar nicht geöffnet!» «Brauche ich ja nicht, wenn ich ihn nicht lesen kann. Aber er duftet herrlich nach Marie.» Julian hält sich das Papier direkt unter die Nase und atmet tief ein. Sofort hat er wieder die Bilder mit Marie im Kopf, als sie auf einer grünen, saftigen Wiese ihre karge Mahlzeit einnahmen. Eine Flasche Wasser und zwei leere Brotstücke. Das war ihnen genug. Für Wurst und Käse hätte das Geld nicht gereicht. Trotzdem waren sie glücklich. Unsanft aus seinen Träumen herausgerissen hört er, wie Josef ihn wortreich drängt den Brief endlich zu öffnen. Julian weigert sich erst, weil er Angst hat, dass der Duft von Marie verschwinden könnte. Dieser musste ja noch einige Monate halten. «Julian, jetzt öffne ihn halt. Da passiert schon nichts Schlimmes. Los, gib dir einen Ruck.» Nach längerem Zögern gehorcht er und öffnet fein säuberlich, mit seinem scharfen Messer, den Umschlag. Ein wunderbarer Lavendelduft mit einer Note Verveine entweicht. Ein wohliges Gefühl umgarnt Julian. «Kannst du überhaupt lesen, Josef?», und hält ihm das Blatt hin. Josef, der zwar verkümmerte Beine aber zwei gesunde Arme und Hände hat, nimmt den Zettel und schaut ihn an. Er lacht laut. «Was gibt es da zu lachen? Schreibt sie, dass sie einen anderen gefunden hat?» Josef gibt Julian wortlos den Brief zurück und lächelt zufrieden. Julian packt voller Zorn den schon etwas zerknautschten Wisch und zerknüllt ihn ganz. Er will ihn schon wegwerfen, als sein Freund ihm rät: «Das machst du besser nicht. Du würdest eine echte Chance vergeben.» Josef lässt nicht locker Julian zu bestärken, dass er den Brief doch einfach ansehen soll, bevor er ihn in die Ewigkeit verbannt. Freudlos versucht Julian das Papier wieder glatt zu streichen und schaut entgeistert. Er schnappt nach Luft und japst tränenerstickte, unverständliche Worte vor sich hin. Seine dunklen, noch zornig funkelnden Augen verwandeln sich sekundenschnell in helle, leuchtende Sterne. Weder Buchstaben noch Zahlen finden sich auf dem Blatt. Dafür wunderschöne Zeichnungen. Ein lachendes Paar, Hand in Hand. Sie mit blonden Zöpfen und er mit seiner wallenden Mähne. Sie hat wirklich ein Gespür fürs Detail. Er sieht die Szene ihres Vespers und eine der Skizzen zeigt sein Portrait. Er ist geschmeichelt. Die gezeichneten Haare, in seinem ganzen Gesicht, sehen auch auf dem Bild samtweich aus. Seine Marie, eine echte Künstlerin. Wie sehr er sie doch liebt.

Noch ein paar Monate in der Raritätenabteilung des Zirkus, dann würde er eine andere Arbeit suchen und mit Marie glückliche Jahre in Ruhe, Glück und Liebe verbringen.

1Kommentar

  • Annemarie Winckler
    30.06.2019 13:20 Uhr

    Liebe Gaby,
    welch eine schöne, berührende Geschichte. Ich habe sie mit angehaltenem Atem gelesen in gespannter und auch ein wenig banger Erwartung, wie sie denn nun enden wird. Und ich war erleichtert und froh, dass sie eine solch wunderbare Wendung nahm.
    Liebe Grüße
    Anne

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