Alternativen in alternativlosen Zeiten

Brigitte Hieronimus, 04.11.2020

Brigitte Hieronimus
Brigitte Hieronimus

Doch was bitte ist light daran? Wir werden durch steigende Zahlen von Neuinfizierten emotional in Schach gehalten. Unnachgiebige Virologen und Politiker malen unerbittlich Schreckensbilder an die Wand. Ebenso die gängigen Medien, die sich nachdrücklich daran beteiligen, Angst statt Zuversicht zu schüren. Kritische Stimmen sind selten erwünscht. Zwar melden sich scharfsinnige Ärzte, Philosophen, Historiker, Hirnforscher und Pflegekräfte zu Wort, die praktizierend im Leben stehen. Doch sind sie die ersehnten Verkünder, die Durchblick haben und eine Prise Wahrheit anbieten? 

Manche von ihnen werden mit dem Unwort „Verschwörungstheoretiker“ abqualifiziert, andere finden zwar Gehör in den sozialen Medien, aber nicht an den entscheidenden Stellen. Doch anders als beim ersten Lockdown im März, schießen nun Unmut und Resignation rasend schnell, wie Unkraut in die Höhe. Es regt sich Widerstand und damit öffnet sich eine verschlossene Tür, die Licht in die Düsternis bringt. Obwohl alle erdenklichen Hygiene Maßnahmen in den meisten Restaurants, Cafes und Hotels streng eingehalten wurden, müssen sie nun wieder schließen. 

Künstler, vor allem die, welche auf Kleinkunstbühnen touren, nagen demnächst am Hungertuch. Alles was gut tut, ist ab jetzt verboten. Massagen, Yogastunden, Zumbakurse, Fitness und Singen in der Kirche. Aus und vorbei. Für mindestens 4 Wochen. Und das im November.

Für viele ist er ein trister Monat. Nebelschleier durchziehen die Landschaft. Der Himmel färbt sich grau in grau, nur hie und da schimmert sonniges Licht durch die Wolken und vergoldet die fallenden Blätter. Der November gehört der Trauer. Nun bekommt er seinen großen Auftritt und erinnert uns an Vergänglichkeit, an Sterben und den unausweichlichen Tod. Nicht nur ein Virus kann Tod bringen. Das Prinzip des Lebens besteht darin, dass sich Leben entwickelt, dass es vergeht und neu entsteht. „Gottes Gast kennt keine Trauer, was kann aus meinem Staub gedeihen außer Freude …“ diese Worte hörte ich vor einiger Zeit. Wir täuschen uns also selbst, wenn wir glauben, das Leben lässt sich kontrollieren.

 Auch ein Virus lässt sich nichts verbieten. Er ist weder Feind noch Freund. Er ist was er ist. Ein biologisches Ereignis, das zum Leben gehört. Was wollen wir tun in Zeiten wie diesen? Weiterhin Amazon & Co unser Geld in den gierigen Rachen schmeißen? Das nächste Abo bei Netflix kaufen? Computerspiele herunterladen? Den Keller mit Wein füllen, die Schränke mit Nudeln, Reis und Hefe, und nicht zu vergessen, mit genügend Klopapier vollstopfen? Was tun gegen Schlaflosigkeit, Nervosität und innere Unruhe? Sich verkriechen in selbst gewählte Isolation? Oder rebellierend und ohne Maske auf die Straße gehen? Den ganzen Tag das Hirn mit den neusten Corona Nachrichten verseuchen? Wovon lenken wir uns eigentlich ab?

 Oh ja, Beschränkungen verlangen uns etwas ab. Sie erschüttern und wühlen unser Innerstes auf. Begrenzungen hat wohl jeder, auf die eine oder andere Weise, schmerzlich kennen gelernt. Eingesperrt. Hilflos ausgeliefert. Abhängig von jemanden, dem wir uns nicht widersetzen können. Bevormundung. Zwang. Der Entzug von Freiheit. Manche fühlen sich wie gelähmt. Andere hetzen sich ab, um nichts zu spüren. Doch sind wir wirklich alternativlos in diesen Zeiten? Nein, das sind wir nicht. Allerdings müssten wir neu denken lernen. Und zwar out of the box! Wohl jeder besitzt die Fähigkeit, aus der Not eine Tugend zu machen. Wir können uns tatsächlich neu erfinden. Was derzeit nicht möglich ist, können wir an anderen Stelle möglich machen.

Momentan kann ich nicht in die Schweiz reisen, das heißt, ich kann schon, doch wenn ich zurück nach Deutschland will, müsste ich für 10 Tage in Quarantäne oder mich nach 5 Tagen testen lassen, um dann am 7. Tag ein Ergebnis zu bekommen. Doch selbst ein negativer Test bedeutet nicht, dass ich unauffällig bin, weil ich datenmäßig erfasst werde. Und das wiederum bedeutet, ich unterliege einem Überwachungsapparat. Genau das will ich nicht. 

Natürlich hat das mit meiner Biografie zu tun. Ich war zu Beginn der 70er Jahre ein argloses 17jähriges Mädchen. Mit meinem Freund – der später mein Mann wurde – war ich bei den Studentenaufständen dabei. Sie wehrten sich gegen die Notstandsgesetzte. Ich habe den Horror der Schleyer Fahndungen kennen gelernt und die Reden von Strauß, der Studenten als Ratten und Schmeißfliegen beschimpfte.

 Notgedrungen habe ich mich auseinander setzen müssen mit den Hintergründen dieser Politik. So habe ich meine Gutgläubigkeit ablegen müssen, um mich einer politischen Realität zu stellen, die wenig Gutes im Sinn hat. Was ich damals begriffen habe, war zumindest der Beginn eines kritischen Denkens. Es gab erste Risse in der Selbstbeherrschung des Geistes.

Was wähle ich heute in der Begrenzung? Ich verzichte, ohne zu entsagen. Das macht mich innerlich frei, weil ich es bin, die eine Entscheidung über mich trifft. Als die Nachricht kam, dass die Weiterbildungen am Frauenseminar nur noch online abgehalten werden dürfen, war es wie ein Fingerzeig des Schicksals. Es lohnt sich, mir treu zu bleiben. Meine Kurse können nicht online laufen. Ich benötige die körperlich gefühlte Gemeinschaft, die Zugehörigkeit und die Präsenz der seelischen Energie. 

Doch auch wenn ich gegenwärtig nicht mit manchen Menschen sein kann, so ist es möglich bei ihnen zu sein. Ich unterstütze und begleite sie am Telefon und nicht per Zoom. Ihre Stimme zu hören stärkt meinen Hörsinn. An der Stimme erkenne ich ihre Stimmung. Diese Wahrnehmung schärft auch meine Sinne. Und nicht zuletzt habe ich meine eigenen Räume, um mit Menschen zu sein.

Ich hatte das Schreiben ein wenig vernachlässigt, weil mir das erhabene Wort abhanden kam. Ebenso das Hören von klassischer Musik, die Spaziergänge im Wald und die Lyrik meiner Lieblingsdichter Rilke und Hesse. Inzwischen durfte ich die Bach Suiten von Pablo Casals kennen lernen und die persischen Dichtungen von Rumi. Nicht zuletzt wird mir erneut Zeit im Überfluss zuteil. Zeit, die ich verschenken kann. Das alles befreit mich bedenkenlos von äußeren Einschränkungen. 

Leicht wird es erst, wenn wir uns danach ausrichten, was unsere Seele nährt und unser Herz erfreut. Die Natur macht es uns vor. Sie erneuert sich beharrlich und bietet Antworten in Zeiten wie diesen … mit und ohne Virus … etwas von uns wird bleiben, auch wenn sich Körper und Geist eines Tages trennen. Nicht unser Wunsch stimmt das Instrument des Lebens, es ist die Freude. Und nicht zuletzt ist das Ankommen in dieser Welt die Kunst, das Leben mit seinen Herausforderungen zu bewältigen.

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