Angst

Mathias Jung, 18.02.2020

Mathias Jung
Mathias Jung

Darf ich Angst haben? Muss ich Angst haben? Oder ist die Angst vor der Angst das Problem? Es gibt kaum eine Therapie, in der ich nicht den lähmenden Ängsten eines Menschen begegne.

Angst ist ubiquitär, sie ist allerorten vorhanden. Sie begleitet uns von dem Tag an, als wir uns evolutionär aus dem Primaten zum bewussten Homo sapiens entwickelten. Jahrtausende haben wir uns vor Donner und Blitz, Sonne und Mondfinsternissen, Erdbeben und Flutwellen gefürchtet. Erstmalig in der Geschichte haben wir heute Angst vor den zerstörerischen Kräften, die wir selbst entfesselt haben, von der Atomspaltung bis zur Genmanipulation. Wir haben Angst bei Prüfung, bei Vorstellungsgesprächen, Angst vor den Eltern, vor Lehrern, vor Vorgesetzten, die Angst in der Krankheit, die Angst in der depressiven Verfassung, Angst vor der Eheschließung und Familiengründung, Angst beim Aufnehmen hoher Hypotheken für den Hausbau, Angst bei beruflichem Wechsel, die Angst vor dem Alter.

Ein Leben ohne Angst gibt es nicht. Die Angst ist ein Existenzial, eine Grundbefindlichkeit des Lebens. Sie spiegelt unsere Abhängigkeit und letztlich und philosophisch gesprochen das Wissen um unsere Sterblichkeit wider.

Was tun? Unsere Angst hat zwei Gesichter. Sie ist notwendig oder irrational, sie kann uns aktivieren oder lähmen. Die Biologie hat uns mit einer notwendigen, instinktiven Angst ausgestattet. Ohne sie wären wir verloren. Wir gingen auf dem Dachfirst spazieren. Wir schwämmen kilometerweise ins offene Meer. Wir kletterten ohne Sicherungsseil in jede Steilwand. Wir verhielten uns als Autofahrer lebensgefährlich im Verkehr. Wir überhörten die Signale unseres Körpers wie Schwäche, Unterkühlung oder Überforderung. Wir wären hirnlos in unserer Tollkühnheit.

„Ich weiß“, so sagte einmal die 42-jährige Sophie (Name geändert) in meiner Sprechstunde, „dass ich diesen Mann, der mich demütigt und einschüchtert und meine Kinder lieblos behandelt, verlassen muss. Das ist mir im Kopf ganz klar. Alle meine Freunde reden mir zur Trennung zu. Ich bin sogar Beamtin und damit finanziell unabhängig. Aber ich spüre eine gnadenlose Angst, dass ich mit diesem Schritt mein ganzes Leben zerstöre und niemals wieder einen Mann finden werde.“

Zwei Jahre später sprach mich Sophie, die inzwischen die Trennung gewagt hatte, auf einer der großen tausendköpfigen Tagungen unserer Gesellschaft für Gesundheitsberatung (GGB) in der Stadthalle von Lahnstein wieder an: „Du hattest damals gesagt, ich solle nicht so viel theoretisieren, sondern es ausprobieren. Du fügtest das englische Sprichwort hinzu: ‘Tue proof of the pudding is the eating.‘ Ich musste lachen. Wenn ich rauskriegen will, ob die Männer mir noch schmecken und ob ich den Männern schmecke, muss ich es ausprobieren, dachte ich. Gesagt, getan. Ich zog mein kleines Schwarzes an und ging mit meiner Freundin in eine Szenekneipe zum Tanzen. Gleich an diesem Abend biss ein männlicher Karpfen an. Von nun an gings bergauf. Seit einem halben Jahr bin ich wieder verliebt. Es ist ein toller Mann. Meine Kinder mögen ihn. Wir bleiben zusammen.“

Das ist es. Wir Therapeuten haben den ungemütlichen, etwas holprigen Spruch:

„Da, wo die Angst ist, geht es lang.“ Angst tritt in unserem Leben vor allem da auf, wo wir mit dem Neuen konfrontiert sind. Mit Sophie verstehen wir die Lösung: Wo ich meine Angst reflektiere und eine schöpferische Antwort auf sie finde, entdecke ich die Freiheit, die in der Angst wie eine Perle im Leib der Auster verborgen liegt.

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