Auf der Suche nach dem freien Willen

Dr. Eckart Ruschmann, 03.05.2021

Eckart Ruschmann
Eckart Ruschmann

In der April-Ausgabe unseres Online-Magazins haben wir dem Philosophen Dr. Eckart Ruschmann die Frage gestellt, «Haben wir wirklich einen freien Willen»? Dieser überaus spannende Artikel wurde viel beachtet von unseren Leserinnen und Lesern. Beim Lesen dürfte es vielen wie mir ergangen sein, Fragen drängten sich auf, suchten nach weiterführenden Antworten. So ähnlich dürfte es schon Sokrates ergangen sein, als er feststellte «je mehr ich weiss, umso mehr weiss ich, dass ich nichts weiss». Auch wir wollen den Artikel von Dr. Ruschmann nicht einfach so stehen lassen, wollen mehr wissen und haben ihm unsere Fragen vorgelegt. Hier sind seine Antworten:

Eckart, Du stellst die Frage, ob es denn überhaupt einen Widerspruch geben kann zwischen dem, was ich als Individuum für mich will und dem, was auch für die anderen Menschen gut und angemessen ist. Überschreiten wir mit dieser Annahme nicht eine Grenze, denn mein eigener Wille kann oder darf nicht zwangsläufig für alle anderen gelten?
Die sogenannte «Goldene Regel» besagt ja, dass wir keinem anderen Menschen etwas zufügen sollten, was wir selbst nicht für uns erfahren möchten: «Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.». Oder anders ausgedrückt: die Grenzen des eigenen Wollens sind da erreicht, wo die Grenzen eines anderen Menschen überschritten werden.

Wenn ich in meinem Wollen auf grundsätzliche Weise an meinen eigenen tiefen Werten ausgerichtet bin, dann gehört dazu sicher der Wert des Nichtverletzens. Insofern kann ich dann eben eigentlich nichts wollen, was anderen schadet, weil es meinem eigenen Wert widerspricht. Umgekehrt kann ich natürlich auch vom anderen erwarten, dass er nichts tut, was mir schadet. Wenn nötig und möglich, werde ich den anderen Menschen (wenn diese Gefahr besteht) daran hindern, mit dem Hinweis, dass hier – aus meiner Sicht – eine Werteverletzung vorliegt.

Gerade auch beim Umgang mit Kindern ist deutlich, wie wichtig es sein kann, dem Wollen des anderen ein klares «Nein» entgegenzusetzen.

Aus dieser Perspektive gibt es im Idealfall keinen Widerspruch zwischen dem, was ich für mich will und dem, was auch für die anderen Menschen gut ist, mit denen ich zu tun habe.

Das führt mich hin zur (vielleicht ketzerischen) Frage: Wer sagt, dass der eigene Wille immer «gut» sein muss bis hin zu: Wer bestimmt denn was «Gut» und was «Böse» ist?
Das ist eine der schwierigsten Fragen, die es gibt, und entsprechend unterschiedlich sind die Antworten darauf. Es gibt Ansätze, die Gut und Böse als (kosmische) Polaritäten sehen, wie Hell und Dunkel, Tag und Nacht. Der Manichäismus hat eine solche Position vertreten, und der Psychoanalytiker C.G. Jung hat diese Vorstellung wieder aufgenommen.

Ich möchte eher davon ausgehen, dass das Höchste im Universum von den Qualitäten der Liebe und des Lichts bestimmt ist, also das «höchste Gute» repräsentiert. Platon ist für diese Sicht ein früher Gewährsmann, und dafür sprechen auch viele Erfahrungen von Menschen in besonderen Bewusstseinszuständen, etwa Mystiker, oder ähnlich auch bei Nahtoderfahrungen. Dann entsteht das sogenannte Böse durch Abwendung vom Guten, durch Aufbau eines vom Ganzen getrennten Ego, das die Verbindung zum anderen Menschen und zum Größeren verlieren kann.

Wenn der eigene Wille ganz aus dem «Ego» kommt und nicht hinausschaut und Respekt vor anderen Menschen (bzw. auch der Natur) hat, dann ist er nicht mehr der «gute Wille», er führt den Menschen auf längere Sicht in die Negation, die Isolation.

Ist das letztendlich nicht eine individuelle Angelegenheit und Auslegung?
Es gibt zwei Aspekte, die zentrale Bedeutung für das menschliche Wohlbefinden haben – Autonomie und Bezogenheit. In unserer westlichen Kultur ist der erste Aspekt besonders betont, die Bezogenheit kann dann zurücktreten.

Ich glaube, dass es im Idealfall eine Ausgewogenheit von persönlichem Wollen als Autonomiestreben und der liebevollen Bezogenheit zu anderen geben kann, nicht nur in Bezug auf die Menschen der unmittelbaren Umgebung, sondern weiter, bis hin zum «Wohlbefinden» der ganzen Welt, der Menschheit und der Natur. Wie eng dies alles verflochten ist, sehen wir gerade in der heutigen Zeit und den massiven Auswirkungen der Pandemie auf das Individuum und die gesamte Menschheit. Was will ich persönlich und was wollen wir als Menschheit?

Wo ist die Grenze zwischen mustergebundenen, automatisierten Reaktionen und dem wirklichen «Wollen»?
Das Ausmaß der Freiheit in einer Reaktion kann im Extremfall bei null liegen, die «Entscheidung» fällt nach alten Mustern, eigenen Vorlieben und/oder dem, was andere von mir erwarten.

Wirkliches Wollen setzt einen Augenblick des Innehaltens voraus. Bevor ich handle, kann ich den Handlungsimpuls stoppen und prüfen, ob ich das, was ich gerade vorhabe, «wirklich» will. Dazu muss ich allerdings Kontakt zu meinem eigenen Inneren haben, zu der «Werte-Ebene» in mir, und das ist nicht immer gut möglich; die «innere Stimme» spricht leider eher leise und wird leicht übertönt von den anderen Stimmen, die schnell dabei sind, etwas zu wollen und eine Handlung bestimmen möchten. (Ich symbolisiere das gerne mit dem Bild von den Dienerinnen in einem Haus und der Hausherrin.)

Wie erkenne ich, oder wie erfahre ich, was ich wirklich will und was einfach nur Reaktionen sind?
Das merke ich eben am Wertebezug - wenn ich mir selbst die Frage stelle: Will ich das jetzt wirklich, ist das für mich tatsächlich richtig?

Eine Hilfe ist, einen Satz zu bilden mit «Ich will wirklich …» und dann zu prüfen, ob dieser Satz für mich «wahr» ist oder eher nicht. Diese Prüfung fällt vielfach sehr klar und unmissverständlich aus, dem Ergebnis auch zu folgen kann manchmal etwas mühsam sein, die oberflächlichen Bedürfnisse müssen dann eventuell zurücktreten.

Ich denke, je älter man wird, umso mehr wächst der Wunsch, sich der eigenen Bestimmung zu nähern und sich zu fragen was ist für mich wichtig, was will ich?
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Lebenszufriedenheit mit zunehmendem Alter eher steigt. Junge Menschen wollen alles Mögliche, und die Ziele können auch rasch wechseln bzw. sich teilweise widersprechen. Wer mit zunehmendem Alter mehr Gelassenheit gewinnt, kann viel eher zu manchen Impulsen auch «Nein» sagen und sich auf das Wesentliche und das realistisch Erreichbare beschränken.

Ich bin ein suchender Mensch, wie finde ich Antworten auf diese Fragen?
Wenn wir – wie der erwähnte italienische Psychotherapeut Roberto Assagioli – davon ausgehen, dass unser eigentliches, inneres Selbst und der «echte» Wille in engem Zusammenhang stehen, können wir jede anstehende Entscheidung als Übung betrachten und versuchen, zwischen oberflächlichen Wünschen und tieferem Wollen zu unterscheiden.

Assagioli empfiehlt dazu eine Übung, in der wir uns von oberflächlichen Gefühlen und Wünschen distanzieren («Disidentifikation») und uns fragen, was wir wirklich, eigentlich wollen. Dann hören wir eventuell die innere, tiefere Stimme, im Bild der Persönlichkeit als einem hochherrschaftlichen Haus mit vielen Dienerinnen (die alles Mögliche wünschen, tun und wollen) eben die Stimme der Hausherrin, die weiß, was wichtig und zentral ist und entsprechend, was sie wirklich will.

Im Idealfall können wir uns so mit etwas Größerem verbinden, gleich wie wir es nennen. Dann schwindet die Unterscheidung von persönlichem und höherem (göttlichen) Willen, wir sind dann frei, das zu tun, was uns von ganz innen ruft.

Lieber Eckart, ich danke Dir für Deine interessanten Ausführungen, wir kommen sicher wieder auf Dich zu.

Das Gespräch führte Verena Lüthi, Redaktion

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