Auftakt oder alles lassen wie es ist?

Mathias Jung, 04.11.2020

Mathias Jung
Mathias Jung

Stillstand gilt nicht. Der Philosoph Demokrit (460 – 370 v. Chr.), Vorläufer der Atomlehre, erkannte bereits: „Alles fließt.“ Und: „Man steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss.“

Als Therapeuten sind wir Agenten der Veränderung. Sokrates mahnte in seiner Verteidigungsrede, der „Apologie“, vor dem Athener Gericht, dass ihn 399 zum Tode verurteilte: „Ein Leben ohne Selbsterforschung verdiente nicht gelebt zu werden.“ Der Philosoph meinte damit: Ohne Innenschau gibt es keine äußere Entwicklung. Wir Therapeuten sind Agenten der Selbstverantwortung und Veränderung. Leben ist Auftakt zum Neuen, kein Hockenbleiben im gemütlichen Elend. Ich möchte das an der Begegnung mit einer Klientin und ihrem Katapult in ein neues Leben, Lichtjahre vom alten seelischen Dämmerzustand entfernt, illustrieren.

Nennen wir sie Beate. Sie ist eine 38jährige, beruflich tüchtige Chemielaborantin. Seit neuestem ist sie wieder einmal Single. Zum fünften Mal ist ihr eine Beziehung in die Brüche gegangen. „Die Männer sind doch alle Luftnummern“, klagt sie im Erstinterview. Ich weise sie diskret darauf hin, dass ich als Therapeut zwar ein Eunuch bin, aber biologisch im weitesten Sinn doch ein Mann. „Warum kommst du dann in die Lebensberatung zu mir und nicht zu einer Frau?, frage ich. Beate ist irritiert. „Das habe ich mich auch gefragt, aber an den Männern allein kann es wohl nicht liegen. Irgendetwas scheine ich falsch zu machen.“

Ich schlage ihr, in der Tradition der Gestalttherapie, eine Spiegelarbeit vor. Das heißt, ich lasse sie vor einen schmalen, hohen Spiegel in meiner Praxis treten und frage sie (nachdem wir das „Du“ in der therapeutischen Begegnung vereinbart haben): „Was siehst du da.“

Ihre Antwort ist von einer lähmenden Traurigkeit: „Ich sehe eine dicke, resignierte Frau. Es ist wohl kein Wunder, dass es die Männer bei mir nicht aushalten. Drei Mal bin ich verlassen worden. Die beiden anderen Male habe ich rechtzeitig kriselnde Beziehungen beendet, um nicht wieder gedemütigt zu werden.“

Tatsächlich ist Beate nicht nur dick, sondern adipös, also krankhaft übergewichtig. Sie ist eine potentielle Risikopatientin. Sie verspricht verlegen von einer „Drüsenstörung“. Sie sei unheilbar. Sie setzt mir, psychoanalytisch gesprochen, den „Widerstand“ entgegen. Sie schämt sich, ihr inneres Drama preiszugeben. So geht es vielen schwer Übergewichtigen, Frauen wie Männern. Sie fühlen sich nicht nur nicht begehrenswert, sondern sie spüren Scham über ihre Sucht. Sie fühlen sich als Verlierer, werden gesellschaftlich stigmatisiert und bei der Arbeitssuche benachteiligt.

Mitgefühl muss ich für Beate empfinden, je mehr sie über ihren inneren Werdegang berichtet: „Als ich neun Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. „Mein Vater zog zu einer jüngeren und attraktiveren Frau “ Beate weiter: „Ich kam in eine miese Position. Mein Vater hatte schon immer meine ältere Schwester vorgezogen. Auch nach der Scheidung benahmen sie sich wie verschworene Kumpel. Sie unternahmen viel miteinander. Ich blieb ausgeschlossen.

Was war mit ihrer Mutter? Beate: „Meine Mutter war unfähig, die Trennung zu verarbeiten und sich einem neuen Mann zuzuwenden. Sie trank zu viel Alkohol und fraß den Kummer in sich hinein. Aus einer ehemals vollschlanken Frau wurde ein träger Koloss. Sie verurteilte alle Männer als verlogen und Triebtäter. Ich schlug mich bedingungslos auf ihre Seite.“ Die Folgen waren verhängnisvoll. Mutter und Tochter trösteten sich fast täglich mit Fressorgien, um ihren Frust und ihre Sehnsucht nach Liebe zu kompensieren. Beate: „Ich hätte gerne wie meine Schwester einen süßen Freund gehabt. Weil ich die Dickste in der Klasse war, bekam ich keinen. Also hielt ich mich an Bonbons, Schokolade, Torten und andere Süßigkeiten als Ersatz. Es war, als ob ich ein ungeheures Loch in meiner Seele stopfen müsste. Deshalb aß ich alles, was greifbar war, in Unmengen.“

Beate lebte in einer negativen Koalition - (Jürg Willi würde von einer „Kollusion“ sprechen) mit der enttäuschten in ihrer Opferrolle verharrenden Mutter gegen den lebenslustigen, schlanken Vater und die schöne Schwester. Hier trifft der alte Therapeutenspruch, den ich mir aus gutem Grund jahrelang über meinen Schreibtisch gehängt habe, zu: „Der Neurotiker zieht sein bekanntes Unglück dem unbekannten Glück vor.“

Wen wundert es, dass sich Beates Männerbeziehungen zu chronischen Desastern entwickelten. Sie liebte sich selbst nicht. Sie flüchtete sich geradezu in die selbstgewählte Existenz eines Aschenputtels. Beate: „Da ich nicht glauben konnte, dass ein Mann mich um meiner selbst lieben würde, versuchte ich, ihn mit Dienstleistungen und übertriebenen Geschenken an mich zu binden. Ich war vom Helfersyndrom wie verhext. Meinen jeweiligen Partnern gab ich keine Luft. Ich klebte an ihnen. Ich war krankhaft eifersüchtig.“ Die Männer machten sich vor dieser zerdrückenden Python aus dem Staub.

Beate wurde so zum lebenden Minderwertigkeitskomplex auf zwei Beinen. Sie richtete ihre fast religiöse Sehnsucht auf die Epiphanie, das himmlische Erscheinen eines „Traummannes“. Fressattacken und zermürbende Diäten bildeten die Verzweiflungsreise ihres Lebens Wie sagt doch die Psychologie: „Aus der Festung der Kindheit wird der Kerker des Erwachsenen.“

Beates Heilung bedeutete, das demütigende Alte radikal zu verlassen. 

Körperlich wandte sie sich der vegetarischen Vollwertekost mit viel Frischkost zu, die in unserem Gesundheitszentrum „Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus“ in Lahnstein bei Koblenz gelehrt wird. 

 Geistig lernte sie, sich respektvoll von der Mutter abzugrenzen („Ich ehre dich und ich gehe meinen Weg“) Sie wagte es, sich mit Vater und Schwestern zu versöhnen und deren lebensbejahenden Anteile zu verinnerlichen. In einer psychosomatischen Suchtklinik steuerte sie ihr krankhaftes Essverhalten aus, und verabschiedete sich endgültig von der destruktiven Dramaturgie ihres Familiendramas. 

Das ging nicht ohne Tränen ab. In einer Selbsthilfegruppe („Overeater Anonymus“) bewältigte sie, step by step, den neuen suchtfreien Alltag. Und, o Wunder, genau in dieser Gruppe lernte sie ihren, ebenfalls viele Jahre essgestörten Mann kennen, ein Bär der Gemütlichkeit und wahren Liebesbrocken. Sie absolvierte die größte Liebesgeschichte ihres Lebens: die Liebe zu sich selbst.

Als lyrischen Proviant für ihren tapferen Klinikaufenthalt bewog ich Beate, das nachgerade therapeutische Gedicht “Sehnsucht“ von Goethe auswendig zu lernen. Der krisenerprobte und wandlungsreiche dichterische Proteus rühmt hier Abschied und Neubeginn als die urmächtigsten Wirkungsgesetze des Lebens:

Lange hab`ich mich gesträubt
Endlich gab ich nach.

Wenn das alte Ich zerstäubt,
Wächst das Neue nach.

Und solang du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde,

Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“

Beate kommentierte ihre körperliche und seelische Neugeburt mit den lachenden Worten. „Ich steige wie der Phönix aus der Asche – in den Himmel.“

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