Ausgrabungen am falschen Ort

Dora Kostyàl, 22.08.2021

Dora Kostyàl
Dora Kostyàl

 Als Kleinkind berührt, umarmt, akzeptiert.
Als Familienmitglied geschätzt und respektiert.

Das wäre der Idealfall, nicht?

War aber diese Erfahrung nicht vorhanden, sind wir aus dem Zusammenhang gefallen, haben unser Urvertrauen verloren oder nie gehabt. Dann bleibt Liebesglück eine Frage des mangelbedingten Suchens: die Suche danach, was wir nie hatten oder verloren haben. Ausgrabungen am falschen Ort. Immer wieder, bis vielleicht und endlich uns die Augen aufgehen und wir ins schwarze Loch schauen.

In der Zwischenzeit blicken wir immerhin in den Brunnen, an dessen Rand der Frosch sitzt. Er holt den fallen gelassenen goldenen Ball herauf und wenn wir uns überwinden können, mit ihm das Leben zu teilen, kann er sich für eine Weile in den vielversprechenden, vermeintlichen Prinz verwandeln. Oder auch nicht. Der Vorgang gelingt ja nicht immer. Es könnte nämlich – nachdem er „an die Wand geschleudert worden ist“ - auch dazu kommen, dass der Frosch sich in ein noch abscheulicheres und unerträglicheres Wesen verwandelt, das wir nun am liebsten vom Turmzimmerfenster in die Tiefe stossen möchten. Vielleicht tun wir das auch.

Aschenputtel, Dornröschen und viele andere gehen meistens einen langen, mühsamen Weg voller Prüfungen, bis sie ihr Glück finden. Oder findet eher das Glück sie, weil sie sich in der Zwischenzeit selber verwandelt haben.

Die von Anfang an Glücklichen, die als Kleinkind geliebt, gehalten und liebkost, später dann in ihrer Eigenart akzeptiert und respektiert worden sind, haben durch ihre Erfahrungen nicht nur Ur–und Selbstvertrauen entwickeln können und gehen daher mutiger und resilienter durchs Leben, sondern vielleicht auch weniger träumerisch. Und vor allem nicht traumatisiert. Sie sind initiativer, bewusster und wissen eher, wo man den Schalter findet und wie man ihn betätigt: indem sie die Möglichkeiten richtig einschätzen und die entsprechende Wahl treffen. Mit anderen Worten, sie gestalten selber ihr Liebesglück, anstatt blind und marionettenhaft gesteuert danach zu suchen oder, noch schlimmer, darauf zu warten.

So lassen sie ihren goldenen Ball auch nicht in den Brunnen fallen und finden meistens unverwunschene, liebenswürdige Kreaturen an dessen Rand vor.

Und sollte dort einmal gleichwohl ein Frosch erscheinen, dann schreiten sie zur Tat: Durch Akzeptanz und Respekt lassen sie den Verzauberten zum richtigen Prinzen mutieren.

Manche Frösche müssen eben doch geküsst werden, um ihr wahres Wesen zeigen zu können.

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1Kommentar

  • Christine Augsburger
    25.08.2021 07:06 Uhr

    Liebe Frau Kostyàl
    Danke für Ihren Text.
    Ich bin der Meinung, dass gerade durch Traumatisierung ein Mensch sehr resilient werden kann. Resilienz ist lernbar. Mit der Verarbeitung, ist es möglich trotzdem ein sehr intensives, schönes Leben zu führen. Vielleicht wird es auch anders geschätzt, weil es mit viel Arbeit verbunden ist, die geleistet wurde. Narben sind sichtbar, aber bei guter Heilung, nicht mehr gleich spürbar wie die offene Wunde.

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