Auszug aus dem Buch "Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen" | 3. Teil: Der Ausbruch – Das Unglück im Glück

Julia Onken, 28.01.2020

Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen

Der Ausbruch

Mit der Pubertät geriet meine Beziehung zur Mutter in Schieflage. Ihr grosses Interesse, das sie mir in den Kinderjahren zukommen liess und mich stets glauben liess, ich sei in Ordnung, veränderte sich. Sie wollte mich zu einer gut angepassten Frau formen, vorbereiten auf meine Zukunft als pflichtbewusste und fleissige Hausfrau. 

Doch wenn ich eines wusste, dann dies: Niemals. Ich durchkreuzte ihre Pläne, boykottierte jede noch so wohlgemeinte Hinführung zur Haushaltführung, und als sie mir einmal drohte, aus mir werde nie eine richtige Frau, wenn ich mich diesbezüglich nicht unterzuordnen wisse, antwortete ich ihr wie aus der Pistole geschossen: «In dem Fall verzichte ich drauf.» Meine Mutter war darüber sehr verzweifelt, zudem hatte sie auch noch den Spott der Familie zu ertragen, von dieser Seite wurde ihr immer wieder signalisiert, dass sie mit meiner Erziehung grosse Fehler gemacht habe. Mit meinem Widerstand hatten sie den Beweis dafür, in ihren Augen war ich missraten. Das aber deckte sich überhaupt nicht mit meinem eigenen Eindruck, im Gegenteil, ich war guter Dinge. Die unzähligen Stunden im Garten, in denen ich mir selbst überlassen war und meinen eigenen Gedanken folgen konnte, hatten in mir eine Kraft wachsen lassen, die nicht mehr zu erschüttern war. 

Meine Mutter sah nur noch eine Möglichkeit, mich einigermassen in den Griff zu bekommen, sie verfrachtete mich für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen in die französische Schweiz in eine Familie. Aber auch dieses Mal war mir das Schicksal gnädig. Ich landete in einer Familie, die nun weiss Gott nicht dem gängigen Muster entsprach. Mich erwarteten Monsieur, Dirigent des Radio d’orchstre de la Suisse romande, Madame ebenfalls Musikerin, drei reizende fantasievolle Kinder, und Sefarin, die fette, leicht gehbehinderte alte Katze. Meine Aufgabe bestand auch nicht darin, im Haushalt mitzuhelfen, dafür gab es weitere Hilfspersonen. Ich war vor allem für die Kinderbetreuung zuständig, was mir grosse Freude bereitete. Jeweils sonntags hatte ich die Aufgabe, mit den Kindern die väterlichen Konzerte zu hören, die am Radio übertragen wurden. So erhielt ich sukzessive eine Einführung in klassische Musik, die mir Monsieur jeweils im Vorfeld erklärte. Seine Zeit zuhause verbrachte er am Flügel. Er war von Brechts Dreigroschenoper fasziniert, übte sie täglich und wollte dazu die deutschen Texte möglichst akzentfrei singen. Dies fiel in meinen Bereich, ich musste ihm die Texte übersetzen und eine möglichst lupenreine Aussprache beibringen. Am Ende des Jahres hatte ich von Haushaltführung noch immer keine Ahnung, dafür konnte ich die Dreigroschenoper auswendig und sprach akzentfrei Französisch.  

Nach der grossartigen Erfahrung, eine andere Sprache zu leben und zu träumen, war die Rückkehr in meinen ursprünglichen Dialekt und in die Enge der Vorstellungswelten meiner Familie enorm schwierig – vor allem meine Mutter war in der Zwischenzeit davon überzeugt, dass es mit mir ein übles Ende nehmen würde. Die Fetzen flogen, ich wollte mein eigenes Leben gestalten. Ihre Vorstellungen meiner Zukunft passten nicht mit meinen überein. «Mutter, es ist zu spät», warf ich ihr an den Kopf, «du kannst mir nicht jahrelang das Gefühl vermitteln, ich sei in Ordnung, und plötzlich bin ich es nicht mehr! Ich halte an der ersten Version fest.»

Trotzdem absolvierte ich erst eine Lehre als Papeteristin, und dies mit grösstem Interesse, ja beinahe mit leidenschaftlichem Engagement! Sich den Regeln und dem Drill, die einem eine Lehre abverlangen, unterzuordnen und zu genügen, erlebte ich positiv, so als erlernte ich eine neue Sportdisziplin. Hinzu kam, dass mich die Materie faszinierte, all die Instrumente rund ums Schreiben, und selbst die Welt mit den administrativen, statistischen und dokumentarischen Ordnungssystemen bereiteten mir grosses Vergnügen. Obwohl ich mich damals in einem ziemlich engen Lebenskorsett bewegte, war es mir keineswegs unangenehm, im Gegenteil. Es gab mir Orientierung und Halt. 

Das änderte sich schlagartig, als ich die Lehre beendet hatte. Ich zog aus dem elterlichen Haus aus, zunächst in ein kleines Studio, später mit anderen in eine Abbruchvilla. Im Vorfeld der 1968er-Revolte geriet einiges aus den Fugen – auch in meinem Leben. Was für eine aufregende Zeit! Aufbruch, Umbruch, Abbruch. Schluss mit der wohltemperierten Verlogenheit der Elterngeneration! Schluss mit zerstörerischen Hierarchien. «Nein danke, wir denken selber!», lautete unsere Devise. Wir fühlten uns nicht als leere Flaschen, die mit vorgefertigtem Wissen abgefüllt werden sollten, wir waren davon überzeugt, alles in uns selbst zu finden. Dafür aber mussten wir uns vom Müll, der uns eingetrichtert worden war, erst freischaufeln. Wir wollten frei und unabhängig denken, die Welt neu erfinden. 

Es war die Zeit, Farbe zu bekennen. Wahrhaftigkeit, diesem

ethischen Grundwert, fühlten wir uns verpflichtet, sie war unsere Leitlinie. Wir waren eine Gruppe junger Leuten von Studenten, Schauspielern, Job- und Sinnsuchenden, die sich in nächtelangen Diskussionen über die verheerenden Auswirkungen patriarchal-autoritärer Erziehung Gedanken machte, die Menschen verknechtet und zu Idioten abrichtet. Uns hatten die entsetzlichen Dokumentationen aus den Vernichtungslagern des zweiten Weltkrieges erreicht, der Schock sass tief in den Knochen, und ich erinnere mich noch gut daran, wie wir uns immer wieder die quälende Frage stellten, wie so etwas bloss geschehen konnte. Einige überlegten sogar zutiefst beunruhigt, ob nicht auch die eigenen Eltern zu den Mittätern oder zumindest zu den Mitwissern gehören. Und als wir vom «Milgram Experiment» erfuhren, das zeigt, wie Menschen manipulierbar sind, wenn sie bereits als Kind unter autoritärerer Fuchtel stehen und deshalb später als Erwachsene willig Befehle ausführen, die für andere tödlich sind, stand für uns fest: Dagegen mussten wir uns mit aller Entschiedenheit wehren. Als logische Folge und Gegenoffensive entwickelten wir antiautoritäre Konzepte und postulierten diese überall.

Dazu gehörte selbstverständlich auch der liberale Umgang mit Sexualität, als Abgrenzung gegen die Elterngeneration. Die Zeit der freien Liebe war angesagt, sexuelle Orientierung Nebensache. Sich mit Schwung über das Pillenverbot des Papstes hinwegzusetzen und selbst über seine Sexualität zu entscheiden, öffnete Tür und Tor für Liebessprünge quer durch die Schrebergärten. Obwohl ich mich ganz und gar der 1968er-Ideologie und damit der freien Liebe verpflichtet fühlte, bemerkte ich die Brüche nicht, die sich auch bei uns öffneten. So verdrängte ich beispielsweise erfolgreich, dass viele der zutiefst verpönten Zweierbeziehungen unbeabsichtigt doch vor dem Standesamt endeten. So erging es auch mir. Mein orientierungsloses Leben, das so ungeordnet und unangepasst war, mündete ebenfalls im Alltag der Ehe und erhielt plötzlich eine neue Perspektive. 


Julia Onken in früheren Jahren

Das Unglück im Glück

Die Geburt meiner ersten Tochter stellte mein Denken auf den Kopf. Was ich zuvor zutiefst verachtete, war plötzlich auch für mich ein Thema. Alles, was nach bürgerlicher Anpassung roch, verabscheute ich. Beziehungen, die geordnet dahinplätschern, waren verpönt, konventionelle Familienformen ebenfalls. Ich lebte bis zu diesem Zeitpunkt frei und ungebunden, fuhr mit meinem schwarzen 2CV mit goldenem Krönchen auf der Türe durch die Gegend, diskutierte nächtelang mit Gleichgesinnten über Werte und vor allem darüber, dass es so in dieser Welt mit der verlogenen Moral nicht weitergehen könne. 

Und plötzlich landete ich geschwängert mitten im verpönten Feindesland und in all dem, was dazu gehörte. Wir willigten auf Wunsch der Eltern meines Freundes widerwillig in die Heirat ein, damit alles einen einigermassen geregelten Eindruck macht. Und damit war die Falle zu. Zunächst bemerkte ich gar nicht, dass mein unbezähmbarer Drang, die Welt zu erforschen, durch diesen Schritt beschnitten wird. Im Gegenteil, mein Mann und ich analysierten und sezierten minutiös und lustvoll unsere spiessige Umgebung und dachten wohl, solange wir uns darüber lustig machen, gehören wir nicht dazu.

Aber im Zentrum meines Daseins stand mein Kind, beinahe wie ein Wunder, thronte dort dieses wunderschöne, kleine Menschlein. Ich benötigte Monate, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, Mutter dieses Kindes zu sein. Das erste Lächeln versetzte mich beinahe in Trance, vor allem konnte ich es kaum fassen, dass ausgerechnet in mir eine derartige Kostbarkeit entstehen konnte. Ich hegte und pflegte das Kind hingebungsvoll, und allmählich lernte ich, dass dies nur mit einer gewissen Ordnung funktionieren kann. Und ehe ich mich versah, fand ich mich mit den tausend 

Alltagsaufgaben einer Hausfrau konfrontiert. Mit der Kochkunst stand ich seit meiner Kindheit besonders auf Kriegsfuss. Die sonntägliche Kocherei, die meine Mutter mit meiner älteren Schwester veranstaltete, waren mir ein Gräuel, und auch das wusste ich mit absoluter Gewissheit: Nicht mit mir! Ich gab mir zwar alle erdenkliche Mühe, meinen Pflichten nachzugehen, obwohl es immer wieder Momente gab, in denen ich das Gefühl hatte, im falschen Film gelandet zu sein. Die Freude an meiner kleinen Tochter indessen war mächtiger als die gelegentlich aufziehenden dunklen Wolken, und ich redete mir immer wieder ein, dass ich glücklich sei. Eigentlich hatte ich doch alles. Dann kam das zweite Kind, und alles wurde noch vollkommener. Und ich hätte noch glücklicher sein sollen. Zwei Kinder. Ein Haus auf dem Land. Ein eigenes Auto. Liebe, verständnisvolle Freundinnen, mit denen ich mich austauschen konnte. 

Das von mir verachtete Hausfrauendasein kompensierte ich mit interessanten Beziehungen zu anderen Menschen – vor allem zu Frauen, die ebenfalls versuchten, sich bei Laune zu halten. Aber gelegentlich packte mich ohne Vorwarnung eine innere Unruhe, die ich nicht verstand, manchmal nagte gar eine Unzufriedenheit an mir oder ich geriet in melancholische Stimmung. Ich konnte mich nicht mehr verstehen, schlimmer noch, ich dachte, mit mir stimme etwas nicht. Allmählich tauchten Sätze in mir auf wie: War das alles? Wo bleibe ich? Muss ich mich immer um andere kümmern? Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Selbstverständlich versuchte ich, mir diese Flausen auszureden, stundenlange Telefongespräche mit Freundinnen halfen dabei – oder ich flüchtete in die nächste Boutique, um mir etwas Schönes zu kaufen, ging ins Kino oder unternahm sonst etwas, um mich abzulenken. 

Mit der Zeit wollte es mir immer weniger gelingen, mein Bedrücktsein mit Aktivitäten zu überdecken, bis ich mir schliesslich eingestehen musste, in einer veritablen Depression gestrandet zu sein. Nichts machte mehr Sinn, alles war grau in grau. Es gab Tage, da kam ich nur mit Mühe aus dem Bett, und es fiel mir schwer, meine Aufgaben als Hausfrau und Mutter zu bewältigen. Gleichzeitig wurde ich von heftigen Schuldgefühlen gequält, eigentlich sollte ich doch glücklich sein – und vor allem dankbar!

Bereits vor meiner Ehe hatte ich viel geschrieben und gelesen. Das Lernen, mich auf Wissensgebiete einzulassen und mir diese anzueignen, erfüllte mich mit grosser Freude. In der ersten Schwangerschaft war ich dabei, auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nachzuholen, um hinterher zu studieren. Nachdem ich nun in der Falle als Hausfrau und Mutter gelandet war, lag es auf der Hand, diesen Weg voranzutreiben, darauf weiter zu gehen. Die Richtung war klar: Psychologie. Schliesslich hatte ich dank meinem familiären Hintergrund hervorragende Kenntnisse über die Abgründe menschlicher Beziehungen und hatte darüber auch in griechischen Tragödien viel erfahren. Wer in einer Familie aufwächst, in der sich alle mit «Atembeschwerden» herumschlagen, möchte mehr über den Hintergrund erfahren. Ich meldete mich an der neu gegründeten Akademie für angewandte Psychologie an, absolvierte die Aufnahmeprüfung und fing mit dem Studium an. Und mit diesem Tag verschwanden die depressiven Verstimmungen auf einen Schlag. Die Unterrichtsstunden und umfangreiche Lektüre erfüllten mich von Stunde an, die Beschäftigung mit dem neuen Wissensgebiet beflügelte mich, schriftliche Kompetenznachweise waren mir ein Vergnügen. Plötzlich war es mir möglich, meinen Aufgaben im Haushalt mit Schwung nachzugehen. Alles fühlte sich an wie ein Kinderspiel.

Damals verstand ich nicht, was mit mir geschah, und ich wollte es auch nicht genau wissen. Erst viel später wurde mir klar, wie mein Zustand vor der Kehrtwende zu benennen ist: Ich verhungerte in meinem Hausfrauendasein intellektuell, das Leben macht so keinen Spass mehr. Und wer sich ständig geistig unterernährt fühlt, sucht nach Kompensation und gerät schliesslich in eine Sackgasse, an deren Ende die Depression wartet. Auch ich habe erlebt, wie es sich anfühlt und was es bedeutet, wenn die Intelligenz am Hungertuch nagt, wenn der Durst nach Wissen ungestillt bleibt, wenn die eigenen Fähigkeiten narkotisiert in der hintersten Ecke liegen und sich die ganze Kraft gegen das eigene Leben richtet. Wie heisst es doch im Thomas-Evangelium? «Wenn du das, was in dir ist, hervorbringst, wird dich das, was du hervorbringst, retten. Wenn du das, was in dir ist, nicht hervorbringst, wird dich das, was du nicht hervorbringst, zerstören.» Im feministischen Kontext wird vom schädlichen «Begabungsstau» gesprochen, eine durchaus korrekte Beschreibung für das, was sich in vielen Frauen abspielt. Mehr noch, ich erachte diesen Stau als eine der tiefsten Verletzungen und Demütigungen überhaupt, die Frauen widerfahren: Sich tagein tagaus um das Wohlbefinden anderer zu kümmern und sich selbst dabei abhanden zu kommen. Auch mich hat diese Erfahrung nachhaltig geprägt.

Ich war also mit meinem Studium zufrieden, glücklich darüber, endlich die Türe gefunden zu haben, die mir die Welt zum Wissensgebiet der Psychologie eröffnete. Ich konnte nicht genug davon bekommen, Inhalte zu erforschen, zu lesen, darüber nachzudenken und mich mit andern auszutauschen. 

Beim Versuch, die eigene Entwicklungsgeschichte aufzuzeichnen und zu verstehen, können wir feststellen, wie sich Lebensthemen 

in immer neuen Inszenierungen unseres Alltags offenbaren. So können sich gewisse Prozesse gegenseitig beeinflussen und sich zu einer neuen Linie zusammenfügen, wie wenn kleine Seitenflüsse zusammenfinden und sich in einem grossen Strom verbinden. 

Obwohl mich das Studium der Psychologie mit zahlreichen Konzepten beglückte, die zum Verständnis der menschlichen Psyche führen, hatte ich den Eindruck, im Dunkeln zu tappen. Ich wollte mehr wissen, wie die menschlichen Störfelder funktionieren, wie sie entstehen, wie sie bearbeitet werden können – und ich wollte mir überdies Wissen über den tieferen Sinn das menschlichen Daseins aneignen. 

Die vielen neuen Denkimpulse und Diskussionsrunden beeinflussten nicht nur meinen Alltag, sondern auch meine Beziehung. Ich war gedanklich ständig unterwegs, erforschte und entdeckte Neuland. Je faszinierender diese neue Welt wurde, umso bedeutungsloser verlief die Partner-Beziehung. Irgendwann waren mein Mann und ich uns gegenseitig abhandengekommen, wir funktionierten zwar noch leidenschaftlich und engagiert als Eltern. Wir lasen alles, was auf dem Büchermarkt zu Erziehungsmethoden und der Entwicklung im Kleinkindesalter zu finden war, und die antiautoritären Erziehungsmethoden standen weiterhin im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Interessen. Wir diskutierten mit Freunden leidenschaftlich über Entwicklungsprobleme, verbissen uns förmlich in diese Themenbereiche und vergassen dabei, dass wir auch noch ein Liebespaar waren. Der sinnliche Aspekt unserer Beziehung sublimierte sich zu Denkakrobatik, wir wurden zu ideologischen Geschwistern und hielten intellektuell durch dick und dünn zusammen. Aber das war es dann auch. Die eheliche Beziehung verblasste allmählich und lief aus dem Ruder, führte zur Trennung. Im Nachhinein ist es schwierig, unseren Weg genau nachzuzeichnen und den Punkt zu orten, an dem die sinnliche Beziehungsebene in die intellektuelle transzendierte. Ich will ehrlich sein, die genauen Umstände kenne ich nicht. Was ich aber weiss: Mein schier unstillbarer Wissenshunger und meine ständigen Bemühungen um das Wohlergehen meiner Kinder waren für die Paarbeziehung nicht sonderlich förderlich und führten zu einer gewissen Nachlässigkeit. Inzwischen habe ich mich vom Versuch verabschiedet, irgendeine Erklärung für das Scheitern meiner Ehe ausfindig zu machen. Ich respektiere, Fehler gemacht zu haben und will alles in meiner eigenen Unzulänglichkeit eingemeinden, übernehme vollumfänglich die Verantwortung. 

Aus meiner langjährigen Arbeit in der Paartherapie weiss ich, dass diese Entwicklung bei vielen Paaren vorkommt, die schon über lange Zeit zusammen sind: Sie haben einfach keine Lust mehr, miteinander ins Bett zu steigen, mehr noch, es fällt ihnen gar nicht mehr ein. Oft sind diese Paare darüber sehr beunruhigt, sie fragen sich, ob etwas in ihrer Beziehung nicht stimmt. Nicht selten ist das auch der Grund, weshalb sie therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und erwarten Tipps und Tricks, wie sie die abhanden gekommene Lust mit neuen Impulsen speisen können. Einige versuchen es auch mit Hilfsprogrammen und kommen sich dabei ziemlich blöd vor. Spätestens dann sollten sie hellhörig werden: Der Mensch funktioniert nicht wie eine Maschine, an der man bloss die richtigen Knöpfe drücken muss, damit alles wieder wie geschmiert funktioniert. Vielmehr ist Nachdenken angesagt, vielleicht fällt einem dabei der Satz ein, dass alles seine Zeit hat. Damit erreicht man das Feld philosophischer Betrachtungen: Wir müssen nicht mehr «Liebe machen», wir sind längst Liebende geworden. Wir fühlen uns miteinander durch zu bewältigende Alltagsthemen aufs Innigste verbunden, vermissen nichts, Sinnliches wird durch gemeinsames Erleben in Kunst, Natur und intellektueller Aktivität gestillt. Eine 65-jährige Frau erklärte es mit diesen Worten: «Liegen wir abends im Bett, uns an den Händen haltend, das Fenster weit offen und wir das Rauschen der Blätter des Kastanienbaumes hören, dann denke ich: Ich bin im Paradies.» 

Als ich mich eines Tages aus heiterem Himmel völlig unverhofft und unerwartet verliebte, war ich derart erschüttert, dass ich es unverzüglich meinem besten Freund erzählte, meinem damaligen Mann. Er nahm es wohlwollend und gelassen zur Kenntnis. Und als ich mich kurz darauf wieder entliebte, erzählte ich es ihm ebenfalls. Und als wieder ein neuer Mann in mein Leben trat, war für beide klar, dass ich alles offen auf den Tisch lege. Die Zeit der 1968er, wo wir rückhaltlose Offenheit forderten, war für mich noch immer Programm. Trotzdem wurde ich von Schuldgefühlen geplagt, die Generosität, mit der mein Mann meine Affären hinnahm, liess ihn in meinen Augen zum grossartigen Gutmenschen wachsen. Neben ihm fühlte ich mich schäbig und klein und irgendwie auch daneben. Irgendwann – eher zufällig – erfuhr ich, dass ich mich getäuscht hatte, er hatte über mehrere Jahre ein Verhältnis mit Lara, einer meiner Freundinnen, ohne darüber zu reden. 

Damals konnte ich noch nicht erkennen, dass es genau diese Freundin war, die meinem Leben zu einer entscheidenden Wendung verhalf, dafür bin ich ihr im Nachhinein sehr dankbar. Als ich von der Affäre erfuhr, löste ich unsere Freundschaft auf. Doch nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass mir der Austausch mit ihr fehlte, ja mehr noch, dass sie eine Leere hinterliess, und es kam zu einer offenen Aussprache. Dabei wurde klar, dass wir unsere Freundschaft weiterführen wollen – und sie gleichzeitig die Geliebte meines Mannes bleibt. Inzwischen hatte ich mein Studium abgeschlossen und war bereits in einer Institution als Psychotherapeutin tätig. Das gab mir Sicherheit, irgendwie für mich und meine Kinder aufkommen zu können. Ich reichte die Scheidung ein,

Das mag aufgeräumt und gut durchdacht klingen, das Gegenteil war aber der Fall. Wer selbst eine solche Krise erlebt hat, weiss, dass es tausend Fragen sind, die einen bedrängen und es auf keine schlüssige Antworten gibt: Wie sich trennen? Wer zieht aus? Wer bleibt im Haus? Wie geht es weiter? Wie geht es den Kindern? Wie mache ich das als Alleinerziehende? Emotional steht alles unter Wasser, seelischer Tsunami. Es geht ja nicht nur um die Regelung des alltäglichen Lebens, sondern um Emotionen, um eine gescheiterte Liebe! Das steckt man nicht einfach leichtfertig weg. Zudem gibt es ja auch andere Beziehungen, wie etwa zur Familie des Partners, mit Menschen, die wir lieb gewonnen, die für uns eine wichtige Bedeutung hatten. Es ist nicht nur die Trennung von einem ehemals geliebten Menschen, sondern von einer ganzen Familie. Werden wir diese auch verlieren? Wie geht das weiter?

Dies war eine Zeit, kein Stein blieb auf dem andern. Ein Auf und Ab der Gefühle. Einerseits lockte ein Neuanfang, ein Leben ohne Altlasten, endlich wieder sich selbst sein – oder was davon noch übrig geblieben ist. Wieder jene Dinge zu tun, die uns besonders Freude machen, die Musik hören, die wir gerne mögen, uns mit den Menschen treffen, die uns wichtig sind. Einfach nochmals neu beginnen. Gleichzeitig Abschied nehmen von Dingen, die uns ans Herz gewachsen sind, Kleinigkeiten vielleicht nur, die uns trotzdem Orientierung geben. In dieser turbulenten Zeit gab mir vor allem meine Arbeit Halt und die Gewissheit, dass ich selbst im heftigen Sturm der Geschehnisse nicht untergehe. Wenigstens für wenige Stunden immer wieder die eigene Kompetenz zu erleben, meine eigene Standfestigkeit zu spüren, das war für mich die wichtigste Erfahrung dieser Zeit. 

Begleite ich heute Frauen, die mitten in einem Beziehungsumbruch leben und nicht wissen, wo oben und unten ist, dann achte ich stets darauf, dass es in ihrem Alltag festigende Parameter gibt, die ihre Identität zusammenhalten, damit sie Orientierung und Halt haben. Oft ist es mit einer Tätigkeit verbunden, und sei diese noch so klein und unbedeutend.

Die Vorstellung, weiterhin im Haus wohnen zu bleiben, wo ich mit Mann und Kindern gelebt hatte, kam für mich nicht in Frage – weil ich das definitive Ausziehen damit nur hinausgeschoben hätte. Denn er war Besitzer des Hauses, und ich hatte diesbezüglich keinerlei Rechte, hätte spätestens, nachdem meine Kinder erwachsen waren, ausziehen müssen. Damals machte ich einen harten Lehrgang, wie sich Besitzverhältnisse auf Frauen auswirken, wenn es zur Trennung kommt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich für feministische Positionen kaum interessiert. Es gab keinen Grund dazu, ich hatte ja alles. Während Alice Schwarzer auf die Barrikaden stieg und für die Rechte der Frau kämpfte, stöckelte ich auf High Heels aufgedonnert durch die Gegend und war besorgt, mir könnten die aufgeklebten Wimpern verrutschen.

Dann entdeckte ich in einer Zeitung ein Inserat, in dem ein Haus «ideal für Praxis und Wohnen» ausgeschrieben war. Es war wie ein Fingerzeig, was ich zu tun hatte. Doch schon stand ich vor der nächsten Hürde. Ich war nicht berechtigt, den Vertrag zu unterzeichnen. Der Mietvertrag war nur dann gültig, wenn er von meinem damaligen Noch-Mann unterschrieben wurde – das war im Jahr 1982! Dieser aber war nicht dazu bereit. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, in welchen unerträglichen Abhängigkeiten ich stecke, dass ich als vollgültiger Mensch mit allen bürgerlichen Rechten erst gar nicht existiere. Diese Einsicht war alles andere als erfreulich, dennoch dachte ich: Wie gut, dass ich das erlebe, sonst würde ich so etwas nicht glauben können. 

Allmählich dämmerte mir, was Feministinnen anprangerten und ich begann zu verstehen, wie wichtig es ist, selbstbestimmend und in finanzieller Eigenständigkeit über sein Leben verfügen zu können. Die Vermieterin des ausgeschriebenen Hauses war eine 80-jährige, emanzipierte Archäologin, die sich mit Frauenrechten beschäftigte. Sie schlug mir vor, dass wir uns um den «patriarchalen Kram» einfach nicht kümmern und anerkannte mich als vollwertige Vertragspartnerin. Da kam in mir zum ersten Mal der Gedanke auf, den ich immer wieder gerne wiederhole: Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen.

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