Brief an meine verstorbene Pflegemutter

Monika Marti, 28.11.2019

Monika Marti
Monika Marti

Dein Tod war nicht unwichtig für mich. Er hat mir ermöglicht, frei von Schuldgefühlen Kontakt zu meiner leiblichen Mutter aufzunehmen. Als du noch lebtest, schwelte ein steter Konflikt in mir: Konnte ein Kind zwei Mütter lieben?

Einige Tage nach meiner Geburt nahm die Säuglingsschwester meinen verwahrlosten Zustand wahr und ordnete an, mich in ein Kinderheim zu verlegen. Dort hast du mich abgeholt. Selbstlose Liebe einer Tante. Sagen die einen. Diebstahl. Behaupten Andere. Tatsache ist, dass meine Mutter nicht wusste, dass ich im Alter von 9 Monaten bei dir einzog. Du hast mich ohne ihr Einverständnis aus dem Heim genommen. Ich bin an deiner Seite aufgewachsen im Wissen, dass du meine Tante bist. Befremdet darüber, dass meine Mutter mich nicht suchte und mein Vater mir ebenfalls wenig Bedeutung zumass. Im Gegensatz zu dir. Du hast mir Wickel um die Waden gebunden wenn ich Fieber hatte. Mich mit Kleidung und Nahrung versorgt. Ich hatte ein Bett, ein Dach über dem Kopf und einen Ort, den ich Zuhause nannte. Warum nur habe ich mich trotzdem einsam gefühlt?

Das Schweigen, das du beharrlich pflegtest, lag wie eine Käseglocke über dem Familienleben und hielt unangenehme Gerüche gefangen. Den wichtigen Fragen meines Lebens wurde keine Resonanz verliehen. Ich traute mich nicht neugierig zu sein. Dein Gesicht schien mir oft streng und verschlossen. Unfähig Worte zu finden für Geschehenes. So fügte ich mich stillschweigend meinem Schicksal. Bereits in jungen Jahren stellte ich fest, dass sich zwischen uns ein ungesundes Bindungsverhalten anbahnte. Du ordnetest an. Ich gehorchte. Obwohl ich mit deiner Meinung oft nicht einverstanden war. Ich traute mich nicht zu widersprechen. Schliesslich war ich nur deine Pflegetochter.

Was in Kindertagen seinen Anfang genommen hatte, nahm in den Jugendjahren seinen Lauf. Ich schwieg und vermied tunlichst, Wünsche zu formulieren. Ich verzichtete darauf, mein Recht auf Persönlichkeitsentwicklung wahrzunehmen. Aus Angst, dass du mich mit eigenem Willen nicht mehr lieben könntest. Dasselbe Grauen muss von dir Besitz ergriffen haben, als ich mit 18 Jahren am Sonntag nicht mehr auf dem Hintersitz deines Wagens in den Gottesdienst fahren wollte. Du sagtest nichts. Warfst deine Kaffeetasse nach mir.  Die Furcht, verlassen zu werden hat uns beide zusammengeschweisst. Aneinander gebunden wie ein Schiff, das mit einem Tau am Steg befestigt ist. Als du ausnahmsweise eine Reise plantest war ich zwölf und konnte vor lauter Sorge nicht mehr schlafen. Du hast mich ernst genommen und die Ferien abgesagt. Ich weinte. Vor Dankbarkeit, dass du mir nicht abhandengekommen bist. Du bliebst bei mir um mich zu behüten und beschützen.

Als ich dein Haus verliess um eine eigene Familie zu gründen, nahm ich dich mit. In der Form des schlechten Gewissens. Du warst immer für mich da. Ich, ich habe dich für einen Mann verlassen. Mich drängte, dich einzuladen wenn mein Liebster mit mir einen gemütlichen Sonntag verbringen wollte. Im Urlaub war ich besorgt, du könntest während meiner Abwesenheit sterben. Eigentlich führten wir eine Ehe zu dritt. Dass wir trotz den heftigen Auseinandersetzungen ein Paar geblieben sind, grenzt an ein Wunder. Hätte mein Mann mir ein Ultimatum gestellt, kann sein, ich hätte mich für dich entschieden. Das alles und viel mehr habe ich dir nie erzählt. Dein Schweigen ist zu meinem Schweigen geworden. Ich wollte dich mit meinen Gefühlen nicht belasten. Stattdessen wurde ich forsch zu dir. Abweisend. Verschlossen. Ich habe dir nicht zugetraut, dass du mich verstehen könntest. Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Sehnte mich nach Freiheit und liess selber nicht los. Aus Angst, unsanft auf dem Boden zu landen wie ein Vogel, der zu früh aus dem Nest gefallen ist.

Das Geheimnis, was dich bewog mich aus dem Kinderheim zu holen, hast du mit ins Grab genommen. Trotzdem reiht sich in meinem Leben ein Puzzleteil an den andern. Ich suche. Und finde. Und manchmal scheine ich zu verstehen. Dass du mich geliebt hast. Auf deine Weise. Ich sehe dein verschmitztes Lächeln. Dein runzeliges Gesicht. Ich spüre deine weichen Wangen und deine Natürlichkeit.

Du hast mich behütet wie deinen Augapfel. Du warst mir Schutz und Hort.

Und du hast nicht gemacht, was mir meine Eltern zugemutet haben:

Du hast mich nicht verlassen.

In Dankbarkeit mit dir verbunden,

dein Möneli

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