Brigitte Bartholet: Neunzig Sekunden später. Sturzflug.

Brigitte Batholet, 30.01.2020

Brigitte Bartholet
Brigitte Bartholet

«Ich bin dann mal im Stall», mein Standardspruch, immer, wenn schulfrei war, wenn ich eines meiner Teenagerprobleme lösen oder mich der elterlichen Autorität entziehen wollte.

Zu dieser Zeit war ich ein rebellisches und gleichzeitig sensibles Pferdemädchen. Von der klassischen Reiterei – auf einem «abgelöschten» Reitschulpferd an der Longe zu kreisen - hielt ich überhaupt nichts: viel zu spiessig und brutal für einen übermütigen und tierliebenden Teenie wie ich es war. Bis heute verstehe ich nicht, weshalb die sensiblen Pferde mit Hackamore, Kandare, Peitsche und spitzen Sporen zur Unterwerfung gezwungen werden. Oft ein fragwürdiges Freizeitvergnügen für machtbesessene Menschen, die Zwang und Druck ausüben, was Schmerzen für die Tiere bedeutet. In elitären Kreisen werden Pferde zudem als Sportgeräte missbraucht für Disziplinen, welche der Physis dieser Fluchttiere nachweislich nicht entsprechen. Ich wollte es anders machen und war überzeugt, dass ein tiergerechter sowie respektvoller Umgang sehr wohl möglich ist. Irgendwo hatte ich von Natural Horsemanship gelesen.

Im Dorf wo ich wohnte, gab es einen kleinen Hof mit Isländern, den nordischen Ur-Pferden. Isabelle, ebenfalls eine Tierfreundin, war damals etwa Dreissigjährig und verdiente sich etwas Geld als Stallhilfe, genau wie ich. Eines Tages reiste sie mit dem Rucksack nach Island auf eine Farm und kam Ende Sommer mit drei rohen, also nicht eingerittenen, Islandpferden zurück. Mit «Stormur» was soviel heisst wie Sturm, „Drottning“, was Königin bedeutet und «Ljös» dem Hellen, hat sie sich ihren Traum von eigenen Isis erfüllt. Für mich war es das Grösste, sie in jeder freien Minute zu unterstützen und alles über die Pferdesprache und diese Rasse zu lernen.

Haben Sie gewusst, dass Isländer fünf Gangarten beherrschen? Ausser den Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp laufen sie auch Pass und Tölt. Wer einmal im Viertakt des Tölts geschwebt ist, versteht die Faszination.

Dank langen Spaziergängen gewöhnten sich die Dickfelligen an ihre neue Heimat, weg von der rauhen Insel zwischen Atlantik und Grönland-See. Die Pferde lebten in der Herde in einem Offenstall und blieben deshalb Barhufer. Isa benutzte weder Sattel noch Zaumzeug für die Freiheitsdressur. Den Ponys wurde ein einfaches Knotenhalfter übergestreift. Ein kurzer Führstrick genügte als Zügel für erste Ausritte. Isabelle lehrte mich viel über die feinfühligen, charakterstarken und trittsicheren Inselpferde und wie man indianisch reitet.

Mit seinen Hengstallüren stand Stormur Isabelle am nächsten, vielleicht weil sie sich mit ihrer stürmischen Art ähnlich waren. Beide konnten fröhlich und kopflos losbrausen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Zahlreichen Blessuren zeugten von ihrem Übermut. Drottning, die Intelligente. Die zierliche und sensible Stute liess sich nicht gerne reiten, lieber spielte sie Fussball auf dem Paddock. Der junge Wallach Ljös war verspielt und neugierig. Aber oho, wenn er keine Lust hatte auf Beschäftigung. Dann zeigte sich sein Wikingerblut. Bereits als Jungpferd hatte er einen nordischen Charakter, genau wie ich, aber ein Herz aus Gold.

Nach vielen abenteuerlichen Stunden kannte ich diese teddyfelligen Pferde und das Gelände sehr gut. Isabelle erlaubte mir eines Tages, von nun an alleine ausreiten zu dürfen, wohin und wann immer ich Lust dazu hätte. Wow, das war alles, was ich mir wünschte. Vehement ermahnte mich meine Mutter immer wieder, die Verantwortung nicht zu unterschätzen, alleine auszureiten. Wenn mein Vater von Gefahren und fehlender Weitsicht lamentierte, stellte ich konsequent auf Durchzug und wurde störrisch.

Warum trauten sie mir das nicht zu? Schliesslich kümmerte ich mich seit Tagen alleine um die Pferde, weil Isabelle verreist war. Ich stieg in meine Stallklamotten und stapfte enttäuscht zum Hof. Wütend schmiss ich die Gabel voller Pferdeäpfel auf den Misthaufen. Beim Wischen vom Trockenplatz fluchte ich wie ein Rohrspatz. Den auseinandergerupften Heuballen knallte ich in den Futtertrog, dass die Halme nur so wirbelten. Stormur und Drottning verdrückten sich aus der Staubwolke. Ljös stupste mich energisch in die Seite und trabte zum Gatter.

Zeigen wir es ihnen, flüsterte ich ihm verschwörerisch in sein plüschiges Ohr. Das Halfter mit dem kurzen Führstrick als Zügel war rasch parat nach dem Striegeln. Bevor ich aufstieg, wärmte ich meine Hände unter seiner dichten Mähne. Ljös tänzelte vorfreudig und auch ich wollte einfach Spass haben.

Übermütig nahmen wir die Steigung auf den Cholfirst in Angriff. Die Trails dieses Waldes zwischen Uhwiesen und Feuerthalen gehörten in unser Revier. Bald waren wir beim Antennenturm, von wo ein kilometerlanger, schmaler Pfad über die Anhöhe führt. Ich hielt die Zügel locker, verlagerte das Gewicht nach hinten und der kräftige Isländer preschte los. Was gibt es Schöneres, als einen gestreckten Galopp mit wehender Mähne im Gesicht? Einfach alles um sich herum vergessen. Freiheit pur.

Neunzig Sekunden später. Sturzflug. Ein höllischer Schmerz durchzuckte meine linke Schulter. Ich lag zusammengekrümmt auf dem moosigen Waldboden. Mich zu bewegen, traute ich mich nicht. Stille, mitten im Wald. Mein Kopf dröhnte. Was war passiert? Ljös, wo war er? Davongestoben oder gar verletzt? Was war ich erleichtert als ich ein Schnauben hörte. Benommen stand ich auf und schaute mich um. Er stand etwa vier Meter neben mir und zupfte Birkenblätter von einem Ast. Mein Freund blähte die Nüstern, als wollte er mir etwas zu verstehen geben. Auf einmal realisierte ich, dass ich direkt an der Kreuzung stand. Tatsächlich habe ich nur bis zur Nasenspitze geschaut und nicht mehr daran gedacht, dass diese Galoppstrecke genau bei dieser querverlaufenden geteerten Waldstrasse endet. Die Kontrolle hatte ich einfach meinem tierischen Partner überlassen. Auf Lyös’ spektakulären Sliding Stop war ich nicht gefasst. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn er nicht gebremst hätte.

Auf dem langen Heimweg wusste ich nicht, was mir mehr Tränen in die Augen trieb: die beissenden Schmerzen, die Dankbarkeit, dass Ljös unverletzt war oder die Scham über mein verantwortungsloses und juveniles Verhalten.

Die Röntgenbilder zeigten die Schlüsselbein-Fraktur, ein angeknackstes Schultergelenk und Rückenprellungen. «Das heilt wieder, wenn auch langsam. Wichtiger ist, dass du klüger geworden bist», tröstete mich meine Mutter. Mein Vater reichte mir die Armschlinge mit den Worten: «Wer nicht hören will, muss fühlen».

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