Brigitte Hieronimus - Fürchtet Euch nicht

Brigitte Hieronimus, 30.12.2020

Brigitte Hieronimus
Brigitte Hieronimus

Die frohe Botschaft der Engel wurde von den Hirten zunächst zitternd aufgenommen. Die Zeiten zu Christi Geburt waren tatsächlich zum Fürchten. Es sollten alle Neugeborenen getötet werden, da König Herodes um seine Regentschaft fürchtete. Doch die Hirten folgten unbeirrt dem Licht des Kometen und ihrer inneren Stimme. Im übertragenen Sinne lässt sich die Botschaft auf meine Geschichte übertragen.

Unser Weihnachtsfest ist vorüber. Ohne Kirchenbesuch. Ohne Verwandte und Freunde. Ohne Geschenke auf dem letzten Drücker. Dafür gab es Testergebnisse auf dem Gabentisch! Eine von sechs Personen zog den Hauptgewinn. Alle anderen erhielten „Nieten“.

Ausgerechnet meine Tochter, die so sorgsam und umsichtig durch das Leben geht, hat ein positives Ergebnis. Und das am Heiligen Abend. Der Schock versetzte ihre Töchter in helle Aufregung. Als ich eintraf, bot sich mir ein jämmerliches Bild. Die Zweitjüngste weinte, weil die Älteste – kaum eingetroffen – mit ihrem Freund wieder in ihre Wohnung zurück musste. Die Älteste weinte, weil es ihr weh tat, sich zwischen Familie und Freund zu entscheiden. Meine Tochter weinte, weil ihre Älteste sich mit diesem Zwiespalt quälte. Vater und Sohn schauten betreten drein. Nur Oskar, der Hund, lag entspannt mitten im Gefühlsdrama.

Als Großmutter mit fast siebzig wurde ich vorher gefragt, ob ich überhaupt mit ihnen feiern wolle. Falls ja, hieße das, ich müsse in Quarantäne. Ohne zu zögern sagte ich ja, warum denn nicht? Meine Furcht vor einem Winzling, der durch die Luft geistert, hält sich in Grenzen. Ich bin fester Bestanteil der Familie, was soll mich abhalten? Seit über 20 Jahren bekomme ich hautnah mit, was es heißt, vier Enkelkinder in ihre Leben zu begleiten. Immer ist irgendwas los. Langeweile ist ein Fremdwort. Wir freuen uns über das Gelingende. Haben ebenso gelernt, mit dem Unwegsamen und Unvorhergesehenen umzugehen.

Und doch. Die Furcht vor dem Virus und den einhergehenden Maßnahmen ist wie ein schleichendes Gift. Es greift bereits das Immunsystem der Seele an. Wie sonst ist es zu erklären, dass junge Menschen derart verzweifelt reagieren, wenn eines der Familienmitglieder nicht an der geplanten Feier teilnimmt, weil die Maßnahmen dazu zwingen. Das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit ist eine tiefe Herzensangelegenheit. Doch es darf nicht gelebt werden, weil die Regeln es so verlangen. Verordnete Trennung, verordnete Spaltung, Schuldgefühle inklusiv. Der Kummer meiner Tochter ist gleichermaßen mein Herzweh einer Mutter, die ihren Kinder ersparen will, dass sie unnötig leiden. Jedoch die Bewältigung der Krise gab uns die Chance, miteinander zu wachsen. Und es klappte ja, weil wir die Situation gemeinsam gemeistert haben und nicht, weil die verordneten Umstände so garstig waren.

Nachdem die Tränen getrocknet waren und wir uns aus den Umarmungen gelöst hatten, verkündete ich, dass ich mich nicht aus Furcht vor Corona einschüchtern lasse. Ich bin gesund, auch wenn ich altersmäßig zur Risikogruppe gehöre. In den 14 Tagen würde ich ja sehen, ob der Winzling der Lüfte es auf mich abgesehen habe oder nicht. Vielleicht macht es mich immun und ich könne wieder in die Schweiz reisen, um meiner Tätigkeit nachzugehen. Das brachte die Mädchen zum Lachen. Oma, du bist echt cool, meinten sie anerkennend. Aber wisst ihr, was wirklich schlimm wäre?, antwortete ich. Wenn es eurer Mama richtig schlecht ginge, was Gott sei Dank nicht der Fall ist.

Und plötzlich fiel es keinem schwer aufzuzählen, was trotz der Umstände umsetzbar ist. Jetzt machen wir das Beste aus dieser Zeit, war der einhellige Tenor. Wir folgten dem strahlenden Stern der Zuversicht, der die dunkle Nacht erhellte. Jeder tat, was gerade wichtig erschien. Ich bereitete wie jedes Jahr den Weihnachtspunsch vor. Die Mädchen schmissen sich in Schale. Meine Tochter gesellte sich dazu. Vater und Sohn drehten mit dem Hund eine Runde durch den Garten. Die Bescherung wurde online zelebriert. Die Älteste, inzwischen mit ihrem Freund im eigenen Heim angekommen, ließ uns über Videoanruf am Fondue teilhaben, während wir unsere glitzernden Geschenkpäckchen auspackten.

Und das Erfreuliche an der Geschichte ist: Wovor ich mich dauernd gefürchtet hatte, nahm ich freiwillig in Kauf! Inzwischen ist fast die Hälfte der Quarantänezeit vorüber und es geht mir so gut wie selten zuvor. Die Furcht mich eingesperrt zu fühlen, war unbegründet. Ich folgte dem Stern der Liebe. Liebe überwindet jede Furcht. Und darum geht es doch in der Weihnachtsgeschichte.

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