Brigitte Hieronimus - Im Ausnahmezustand

Brigitte Hieronimus, 26.03.2020

Brigitte Hieronimus
Brigitte Hieronimus

Klar, ich hatte vernommen, dass Corona in der Luft liegt und jeden Tag neue Maßnahmen verordnet wurden. In Deutschland dachte man über Schulschließung nach. Ob das aber wirklich für alle Bundesländer durchgesetzt werden konnte, war fraglich, schließlich leben wir in einem föderalistischen Land, in dem sich jedes Bundesland auf eine eigene Verfassungsautonomie beruft, deren Vertreter sich teilweise erbittert durchsetzen. Unerschrocken checkte ich also einen Tag vor meinem Abflug online ein. Wenige Stunden später kam ein Anruf von Julia, ob wir den Kurs wirklich durchführen sollen, es kämen schon die ersten Abmeldungen. Ich komme auch für wenige, beruhigte ich sie. Zudem ist das FSB ja eine Weiterbildungsstätte und keine Schule für Kinder. Der Flug in die Schweiz fand bei strahlendem Wetter statt und ich landete pünktlich in Zürich, nahm den Zug nach Romanshorn und war wie immer froh gestimmt, bis ich auf meinem Handy Julias Nachricht las: Alles abgeblasen. Bitte zu Hause bleiben“ Wie bitte? Ich war doch schon da? Ein Missverständnis? Es schien so. Die Nachricht kam verspätet bei mir an. Was nun? Gott sei Dank habe ich in der Schweiz ein kleines Netz von Freundinnen, und eine davon war mein rettender Engel. Während sie auf dem Weg war, mich abzuholen, ging ich noch rasch ins FSB, um Julia zu informieren. Dort kamen mir einige Schülerinnen entgegen und fragten, ob der Kurs nun doch stattfände. Nein, ich habe mich entschieden, die Zeit für einen Urlaub zu nutzen. Richtig so, lachten sie, mach das Beste draus. Julia war ebenfalls froh, dass ich Unterschlupf hatte und so verabschiedeten wir uns guter Dinge, in der Hoffnung, dass der Corona Spuk bald vorbei wäre.

Meine Freundin wohnt auf dem Land und hat auf ihrem Hof eine kleine Praxis aufgebaut. Wir tauschen uns regelmäßig darüber aus und ich unterstütze sie in ihren Umsetzungen. So war es mir sehr angenehm, dort Unterschlupf zu finden. Ich war fest entschlossen, die Tage zu genießen, bevor es wieder heimwärts ging. Das Wetter belohnte uns trotz Corona Panik mit strahlendem Sonnenschein. Wir gingen spazieren, bekamen frisches Gemüse und Salat direkt aus dem Gewächshaus ihres Gartens und freuten uns, gesund zu sein. Es war als ob ich in einer anderen Welt gelandet wäre. Ohne Nachrichten hätte ich nichts gewusst von den katastrophalen Zuständen und der sich immer mehr zuspitzenden Situation. Die Natur war glücklich und blühte im wahrsten Sinne des Wortes auf. Keine Flugzeuge am Himmel, kaum Menschen unterwegs, die Straßen leer gefegt.

Und wie aus heiterem Himmel kam die Nachricht von Julia, dass Deutschland am Montag ab 8.00 die Grenzen dicht macht und ich schauen soll, sofort nach Hause zu kommen. Das war am Sonntag um 18.00. Ich konnte es nicht glauben und suchte nach Informationen im Netz. Tatsächlich. Mich erfasste Panik. Fieberhaft suchte ich nach Zugverbindungen und war gleichzeitig in der unendlichen Warteschleife der Swiss verfangen. Meine Freundin versicherte, dass ich bestimme nach Hause käme. Ihre wohlmeinenden Worte erreichten zwar mein Ohr, jedoch war ich nicht in der Lage, vernünftig darauf zu reagieren. Wie ferngesteuert suchte ich immerfort nach Möglichkeiten, um aus der Schweiz heraus zu kommen, bis ich bemerkte, dass dies auf die Schnelle unmöglich war. Die Zugverbindungen waren fürchterlich und Chaos vorprogrammiert. Nach einer Stunde des Wartens kam ich endlich bei der Swiss durch und eine freundliche Frauenstimme bedankte sich, dass ich so lange durchgehalten habe. Sie suchte nach Optionen, doch es gab keinen einzigen freien Platz mehr für die nächsten Tage. Ich solle bei meinem bereits gebuchten Rückflug bleiben. Ihre geduldige Art war ein Segen für mein aufgeregtes Hirn. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mich in einem Ausnahmezustand befand und der Realität ins Auge schauen musste. Gefühlsmäßig ging es mir, als ob ich mich im Auge des Orkans aufhielte, in dem Raum und Zeit still zu stehen schien. Ok ich bleibe, sagte ich zu meiner Freundin, egal wie lange es dauert.

Die Tage bis zu meinem Abflug waren ausgefüllt mit philosophisch angehauchten Gesprächen, gemeinsamen Kochen, Austausch mit den Klienten meiner Freundin, die sich ungeachtet des Virus zu ihr auf den Weg machten. Ich spürte pure Freude am Dasein. Der Corona konnte mich mal … die Realitäten hatten sich verschoben. Ich verspürte keine große Lust nach Hause zu kommen, denn dort sollte ich mich 14 Tage freiwillig in Quarantäne begeben, um niemanden zu gefährden. Meine Kinder waren verunsichert. Schließlich gehörte ich zur sogenannten Risikogruppe, obwohl ich keine Vorerkrankungen habe und fit bin. Noch nie habe ich mich so alt gefühlt, wie zu dem Zeitpunkt, wo mir der Kontakt mit meinen Kindern und Enkeln verwehrt wurde. Warum also nicht ganz hier bleiben, dachte ich eigensinnig … die meisten meiner deutschen Freunde meinten sogar, ich solle bleiben, denn das Leben in Deutschland sei derzeit sehr ungemütlich und drastisch eingeschränkt.

Mein Flieger war der letzte, der Düsseldorf noch anflog. Auf dem Flughafen in Zürich war es gespenstisch, kein einziges Geschäft und Restaurant war geöffnet, selbst Dutyfree hatte geschlossen. Die wenigen Passagiere starrten auf ihre Handys oder dösten mit Atemschutzmasken vor sich hin. Zu Hause angekommen umfing mich wie zum Trost der Frühling, der sich wirklich durch nichts abhalten ließ. Es war warm genug, um barfuß auf dem Balkon zu sitzen. Ich ging spazieren und einkaufen und holte mir Unmengen an Blumen. Ich machte meine Yoga Übungen am Morgen, kochte jeden Abend für mich, telefonierte mehr und hatte per Video Anruf Kontakt zu Kindern und Enkeln. Und obwohl sich bisher hier noch niemand zur Beratung anmeldete, ging es mir besser als erwartet. Nur meine Seele ist noch nicht ganz daheim. Ich vermisse den Schweizer Dialekt und den Blick auf den Säntis und Bodensee. Ich vermisse die wundervolle Arbeit am FSB und die Frauen, die sich mutig auf ihren Weg machen. Nie hätte ich gedacht, dass mir der Ausnahmezustand etwas derart Wertvolles offenbart. Offensichtlich bin ich ein Wanderer zwischen den Welten, ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Ungeachtet dessen, was mich einschränkt oder politisch verordnet wird, hält sich meine Seele dort auf, wo sie atmen kann. Auch wenn unsere Körper momentan einen gewissen Abstand einhalten müssen, will unserer Seele das nicht. Sie bleibt offen und in Verbindung mit dem, was sie nährt und am Leben erhält. Eine gesunde Seele kann kein Virus zerstören.   

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