Damals.

Monika Marti, 24.07.2019

Monika Marti
Monika Marti

Eingeklemmt zwischen Autotür und Hintersitz des Citroen C3 versuche ich, Jonas zu beruhigen. Mehr als er sitzt, liegt er in seiner Maxi-Cosi-Schale. Mühsam versuche ich die Gurte um den kleinen Leib zu ziehen und den Verschluss einzurenken. Aus Sicherheitsgründen. Der kleine Junge ist absolut nicht willig, sich festbinden zu lassen. Jonas streckt seine kurzen Beinchen, fuchtelt wild mit seinen Händen und hat eine glorreiche Idee: Er streckt seine Finger in meine Fönfrisur und beginnt an meinen Haaren zu ziehen. Psychologisch nicht wertvoll – aber aus meiner Sicht absolut notwendig – folgt meine Reaktion. Ich ziehe Jonas ebenfalls an seinen Locken. Diese Straftat hat selbstverständlich eine Erhöhung des Lärmpegels zur Folge. Mit dem 3. Kind im 8. Monat schwanger bin ich etwas ungelenk und gefühlsmässig nicht mehr mit grosser Belastbarkeit gesegnet. Endlich gelingt es mir, Jonas zu fixieren. Isabelle, meine Grosse, lutscht zufrieden an ihrem Lollipop und schaut gelangweilt aus dem Fenster. Das Gekreische ihres Bruders interessiert sie nicht im Geringsten. Ich lächle Isabelle dankbar zu und quetsche mich auf den Fahrersitz. Mein Babybauch findet zwischen Sitzlehne und Steuerrad knapp Platz. Ob sich mein ungeborenes Kind durch den Sicherheitsgurt ebenfalls eingeengt fühlt? Innerlich aufgebracht fahre ich los. Ein Stossgebet findet den Weg zum Himmel und dient mir zur Beruhigung. Der Gedanke, dass ich unterwegs jemand totfahren könnte oder – wie kürzlich im Einkaufscenter – sich die Vordertüre meines Wagens nicht mehr schliessen lässt weil ich einen Betonpfeiler übersehen habe, macht mir Angst. Mitten in meine Überlegungen trifft mich ein Schlag. Jonas hat seinen Schoppen nach mir geworfen.

Während ich mich an diese und andere Fahrsequenzen aus früheren Tagen erinnere, sitze ich gemütlich im Wagen 7 des IC8 nach Bern. Die Landschaft zieht in angemessenem Tempo an mir vorbei. In regelmässigen Abständen hält der Zug. Reisende steigen ein und aus. Wer im Zug mitfährt, interessiert mich nicht. Ob die Menschen heil am Ziel ihrer Wahl ankommen, ebenfalls nicht. Ich trage in keiner Weise eine Verantwortung. Wenn ich müde bin, schliesse ich die Augen und döse vor mich hin. Ist mir nach Unterhaltung höre ich Musik oder einen Podcast. Gespräche mit Mitreisenden versuche ich tunlichst zu vermeiden. Wenn ich Zug fahre geniesse ich Eins-Sein mit mir.

Es war ein wunderbar entlastender Entscheid, mein Auto zu verkaufen und ein Generalabonnement anzuschaffen. Die Frage, wie ich von A nach B komme beantwortet mir seither meine SBB-App. Ich muss nicht mehr krampfhaft die Karte auf dem Nebensitz im Auge behalten um herauszufinden wo es langgeht. Und auch die penetrante Stimme des Routenplaners bleibt aus. Die Bahn findet ihren Weg ohne mein Zutun. Es heisst für mich lediglich, den richtigen Zug zu besteigen. Verpasse ich die Trauung oder die Vorstellung an der ich eigentlich teilnehmen wollte, muss ich mich für allfällige Verspätungen nicht mehr schämen oder rechtfertigen. Der öffentliche Verkehr übernimmt dafür die Verantwortung. Wenn ich Glück habe und die Verkehrsbehinderung im drastischen Bereich liegt, wird mir als Genugtuung sogar ein Gutschein für eine Konsumation im Speisewagen überreicht. Das Wort Parkplatz förderte früher regelmässig Schweiss zu Tage. Wie oft musste der gütige Gott für mich nach einer Parklücke Ausschau halten, die nicht seitliches Einparken erforderte. Die obligate Frage unserer Besucher – wo kann ich mein Auto stehen lassen – kann ich kaum mehr beantworten. Mein Zug hält sozusagen vor meiner Haustür und Lackschäden an nebenstehenden Autos kümmern mich nicht mehr. Ordnungsmässig hält sich der Aufwand ebenfalls in Grenzen. Das Gepäck, das ich beim Einsteigen in den Zug mit mir trage, nehme ich nach Ankunft am Bestimmungsort wieder mit. Kürzlich, als ich zu Hause meine Tasche suchte und nicht finden konnte, schaffte die SBB mit einer freundlichen SMS Klarheit: Sie können ihren Fundgegenstand morgen am Bahnhofschalter in Romanshorn abholen. Nach dem wöchentlichen Grosseinkauf blieb jeweils standardmässig ein Teil der unverderblichen Ware eine Weile im Kofferraum liegen. Ich war zu faul, den Weg zum Auto nochmals unter die Füsse zu nehmen. Dein Kofferraum sieht einem Gemischtwarenladen ähnlich, pflegte mein Mann jeweils zu sagen. Verschmierte Scheiben im Zugabteil ärgern mich zuweilen. Reinigen muss sie ein Mitarbeiter der Bahn. Die Brosamen zwischen, hinter und unter den Autositzen gaben in fernen Tagen ein Festmahl für ein Huhn ab. Mein fahrbarer Untersatz wurde nur geputzt, wenn ein Service in der Garage angesagt war. Nun ja, schliesslich weiss frau, was sich gehört.

Je länger ich schreibe je mehr wird mir bewusst, welch befreiende und wohltuende Auswirkungen mein NEIN zum Auto zur Folge hat.

Upps, mein Sitznachbar schiebt seinen Laptop zur Seite um seinen Fahrschein aus der Tasche zu klauben. Dabei verschiebt sich sein Bier, das auf der Ablage zwischen uns steht. Die Flasche kippt um. Das klebrige Malz- und Hefegetränk ergiesst sich über meine Hose. Was soll’s. Der Fleck ärgert mich – aber diese Unannehmlichkeit steht in keinem Verhältnis zu dem Stress, den Autofahren bei mir erzeugen würde. "Tut mir leid", sagt der junge Herr. "Kein Problem." Ich lächle ihm freundlich zu.

Heute war Konversation auf der Zugfahrt nicht zu vermeiden.

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