Dass ich dafür in den Knast komme, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Brigitte Hieronimus, 27.12.2019

Brigitte Hieronimus
Brigitte Hieronimus

Ich suche nicht nach Neuem, weil das Neue mich ohnehin findet. Nein, ich muss keine Strafe absitzen. Ich gehe freiwillig. Eine Kollegin arbeitet mit straffällig gewordenen Männern. Mit der Methode des Psychodramas und einem Anti Aggressionstraining rekonstruiert sie mit einer kleinen Gruppe von Freiwilligen, deren begangene Straftaten und lässt sie in die Rolle ihrer Opfer schlüpfen. Die Ergebnisse sind verblüffend und bewirken, dass die Straftäter, nachdem sie erlebt haben wie man sich als Opfer fühlt, die Auswirkungen ihrer Taten am eigenen Leib erfahren. Meine Kollegin ist überzeugt, dass diese Form der Täterarbeit zum Opferschutz beiträgt. Nachdem sie meine Traumabearbeitung kennen lernte, fragte sie mich, ob ich mit ihr zusammen ein Projekt entwickeln wolle. Die Kombination unser beider Arbeit könne für die Strafgefangenen eine enorme Hilfe sein, da die meisten von ihnen grauenhaft gewaltvolle Erfahrungen in den Familien gemacht haben. Für mich war schnell klar, dass ich das neue Feld betreten werde. Doch dazu muss ich ins Gefängnis gehen.

Es ist ein schönes Gebäude im Jugendstil. Ohne Stacheldrahtzäune würde man nicht vermuten, dass es sich um ein Gefängnis handelt. Die Atmosphäre im Inneren des Bauwerks ist bedrückend. Jede Tür durch die wir gehen, wird aufgeschlossen und sofort wieder zugeschlossen, die vergitterten Fenster erzeugen zusätzliche Beklemmung. Über den Treppenaufgängen sind große Netze wie in einem Hochseilgarten gespannt und dienen als Schutz vor Selbstmordkandidaten. Die Flure vor den Zellen sind grell beleuchtet. Männer warten vor fest installierten Telefonen oder stehen in kleinen Gruppen zusammen. Meine Kollegin stellt mich den Mitarbeitern vor und bespricht, wer von den Strafgefangenen heute dran ist und welche der Taten angeschaut werden soll.

Als wir gemeinsam den Gruppenraum betreten, stellen wir einen Stuhlkreis und warten. Die ersten Männer die hereinkommen, albern herum, begrüßen die Betreuer und mich. Spontan halte ich ihre Hände fest, als ich spüre, wie sie sich verlegen entziehen wollen und mir nicht in die Augen schauen. So etwas scheinen sie nicht zu kennen und blicken mich verdutzt an. Nach der Befindlichkeitsrunde wird der sogenannte heiße Stuhl in die Mitte gestellt. Die Männer kichern und schauen betreten weg. Einer wackelt nervös mit den Beinen und faltet verkrampft seine tätowierten Hände. Er weiß, dass er dran ist und setzt sich auf den Stuhl. Ich nenne ihn Leon. Danach beginnt so etwas wie ein Verhör, er wird nach seinen Stärken und Schwächen befragt und mit Fragen zur Tat bombardiert.

Für mich ist es schwer aushalten, wie ihm das Sprechen schwer fällt. Gefühle kann er kaum benennen und grinst stattdessen hilflos. Dann muss er vor die Tür, um sich zu besinnen. Die Gruppe wird aufgefordert, ihn einzuschätzen. Was ich zu hören bekomme, kann ich kaum glauben. Einige der Insassen geben differenzierte und psychologisch saubere Einschätzung ab. Andere schweigen zu den Taten, die er begangen hat. Als Leon reingeholt wird, beginnt die Aufstellung. Was ihm vorgeworfen wird, soll er kommentieren, was er aber nicht kann. Es geht um ein Kind, das von seinem Hund angefallen wurde und blutend am Boden lag. Leon ließ das Kind liegen und beschimpfte es, während er weg rannte. Die Tat wird im Detail rekonstruiert. Teilnehmer der Gruppe stellen sich zur Verfügung und geben Leon zu verstehen, wie sie sich fühlen. Es ist nicht seine erste Tat. Es begann, als er zwölf war, da wollte er Gangster zu werden. Die Gruppe und die Betreuer wollen herausfinden, warum.

Meine Kollegin stellt erneut Fragen zum Elternhaus, die er zuvor schon nicht beantworten konnte. Plötzlich verändert sich Leons Blick. Monoton und abgehackt teilt er mit kaum hörbarer Stimme mit, dass die Eltern aus dem syrischen Kriegsgebiet geflohen und ins Gefängnis gekommen sind. Dort wurden sie gefoltert. Über die Vergangenheit dürfe man aber nicht reden. Sein Vater hätte ihn oft grundlos geschlagen und ihn später aus seiner Firma geworfen. Die Mutter sei schwer krank. Zwei Männer aus der Gruppe stehen als Eltern neben ihm und stellen die Flucht nach. Es wird deutlich, die Eltern schämen sich, dass Leon im Gefängnis sitzt. Bisher hatte der Vater versucht, die Taten seines Sohnes durch Zahlungen an die Opfer wieder gut zu machen. Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Ein junger Mann aus dem Irak flüstert mir zu, seine Oma sei ebenfalls gefoltert worden.

Die Aufstellung endet. Alle setzen sich wieder in die Runde und geben Feedback. Leon hört beschämt zu, als die Gruppenmitglieder ihm mitteilen, dass sie einerseits verstehen können, dass er unter Schock gestanden habe, als der Hund das Kind angriff, sie es aber zutiefst verurteilen, sich nicht um das Kind gekümmert zu haben. Leon sinkt in sich zusammen. Zugleich ermutigen und bestärken sie ihn, sich seiner Schuld zu stellen und nicht das Opfer zu spielen. Sie benützen Worte wie Würde, Reue und Buße. Mir kommen fast die Tränen. Nur einer der Anwesenden hält das nicht aus und hackt auf Leon herum. Die Betreuer unterbrechen ihn und geben Leon emphatisch Rückmeldungen. Auch ich darf ihm etwas zu seiner Geschichte sagen. Der Gruppe teile ich meinen Respekt für ihre mitfühlende Haltung mit. Als die Männer sich verabschieden, kommen die meisten auch zu mir. Ich nehme ihre Hände, halte sie für einen Moment fest und schaue sie an. Ihre Blicke sind weicher und ihre Hände entziehen sich den meinen nicht. Meine Kollegin ist beeindruckt und sagt: „Du hast mit deiner wertschätzenden Haltung dazu beigetragen, dass es heute so gut lief. Es ist nämlich die schwierigste Gruppe.“

Diese Männer haben nur einen Wunsch. Sie wollen in die Freiheit. Wie die sich anfühlt, ohne erneut Straftaten zu begehen, müssen sie mühsam lernen. Ob es ihnen dauerhaft gelingt, ihre kriminellen Energien umzuwandeln, hängt auch davon ab, wie man ihnen als Mensch begegnet und sie nicht nur auf ihre Straftaten reduziert. Sicher ist es nicht der Aufenthalt im Gefängnis, der sie zu besseren Menschen machen wird. Doch hier bekommen sie etwas, das sie positiv wachrüttelt. Etwas, was sie vielleicht noch nie kennen gelernt haben: Dass man ihnen dabei hilft, sich selbst zu mögen und genügend Möglichkeiten anbietet, ihre ungenutzten Fähigkeiten zu entfalten. Sich ihren Taten mutig zu stellen, sich in andere hineinzuversetzen, Gefühle zu benennen und zuzulassen, das ist neu für sie.    

Ich bin bewegt, mich daran beteiligen zu dürfen, dass Verarbeitung stattfinden kann und das die beste Prävention ist, um weitere Taten zu verhindern. Zu Hause bin ich dankbar für mein Refugium, in das ich wie in einen Hafen einlaufe. Die Nähe zu meinen Kindern und Enkeln empfängt mich mit Nestwärme. Mein Netz der Freundschaften ist weit ausgeworfen und trägt zuverlässig. Und dann sind da noch „Kleinigkeiten“ wie Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit, die mir so selbstverständlich geworden, und nach diesem Erlebnis, umso kostbarer sind.

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