Der Amtsschimmel wiehert

Béatrice Stössel, 24.02.2022

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Heute muss ich meinem Ärger Luft machen. Hoffentlich zum allerletzten Mal, zu diesem Thema. Es geht um Treuhandarbeiten, die ich für eine Dame erledige, nennen wir sie Dora, die seit 2007 im Altersheim lebt. Bitte verstehen Sie mich richtig, ich will mich dieser Tat nicht rühmen, sondern darauf aufmerksam machen, wie unfreundlich das Amtsdeutsch für die uneigennützigen Helfer ist. Solche Freiwilligenarbeiten, werden oft von Rentnern in Angriff genommen, welche einen Beitrag für die Allgemeinheit leisten möchten.

Es begann vor fünf Jahren. Ich musste für Dora einen Antrag auf Ergänzungsleistungen stellen. Ihr Vermögen war fast aufgebraucht, nach zehn Jahren Daueraufenthalt im Heim, kein Wunder. Ich hätte die anfallenden Rechnungen, die Monat für Monat eintrudeln, in naher Zukunft nicht mehr bezahlen können. Also machte ich mich auf der Homepage der Wohngemeinde schlau, suchte und fand die notwendigen Informationen, welche Papiere es braucht um Ergänzungsleistungen zu beantragen. Ich investierte -zig Stunden, stellte das Dossier sorgfältig zusammen und sandte es mit VIEL Optimismus an die Sozialversicherungsabteilung, mit der Bitte, dem Antrag zu entsprechen. Nach einigen Wochen erhielt ich einen Brief mit einer Liste die zwei A4-Seiten umfasste und Angaben, welche zusätzlichen Dokumente ich innert zwei Wochen, bis zum xx.xx zu liefern hätte. Das Datum stach prominent ins Auge, war es doch fett gedruckt und zusätzlich mit einem grossen Ausrufezeichen - ! - am linken Seitenrand markiert.

Jetzt begann eine Arbeit, die sich gewaschen hatte, denn das Amt forschte weit, sehr weit zurück im Leben der Antragstellerin. Lies: Die Sozialbehörde suchte, wie ein Spürhund erster Klasse, nach Schwarzgeld oder verstecktem Vermögen.

Lassen Sie mich erst folgendes zum besseren Verständnis der Geschichte einflechten. Da war Helmut und seine Eltern. Sie flohen 1939 nach England, um nicht in einem KZ vergast zu werden. Nach einigen Jahren erlangten sie die Englische Staatsbürgerschaft. 1984, lernten die Schweizerin Dora und Helmut sich kennen und heirateten. Sie lebten und arbeiteten auf der schönen Isle of Wight im Ärmelkanal. Als Helmut das Pensionsalter erreichte, verkauften sie ihr Geschäft und genossen das Rentnerdasein. Nach einigen Jahren verliessen sie die Insel und zogen weiter nach Frankreich. In den Savoyer Alpen, erwarben sie das Chalet «Le temps de vivre». Sie lebten in Ruhe und Frieden, bis Helmut im Jahr 2000 für immer die Augen schloss. Dora verkaufte kurzentschlossen das Haus und reiste weiter nach Afrika, ihrer Wahlheimat. Doch diese brachte ihr kein Glück. Sie verunfallte und wurde mit gravierenden Hirnverletzungen und einigen Knochenbrüchen, von der REGA zurück in die Schweiz geflogen. Nach endlosen Spital- und Reha-Aufenthalten fand sie einen Platz im Alters- und Pflegeheim. In dieser Einrichtung lebt sie seit 2007. Die Hoffnung, ohne Fremdhilfe zu wohnen, wurde wegen den bleibenden Verletzungen im Keim erstickt. Seither obliegt die Regelung ihrer Finanzen und das Erledigen sonstiger Aufgaben mir.

Zurück zum Antrag auf Ergänzungsleistungen. Es ist korrekt, wenn von «Amtes wegen» alles minutiös geprüft wird. Man kann es aber auch übertreiben. Die Recherchen und die Papiere welche ich erbringen musste, füllten vier Bundesordner und zwar die mit dem breiten Rücken! Es galt Akten abzuliefern aus Deutschland, England, Frankreich und der Schweiz. Ein kleines Beispiel, das an Absurdität kaum zu überbieten war: Man verlangte von mir die Geburts- und Sterbeurkunden von Helmuts Eltern! Sie wurden im neunzehnten Jahrhundert geboren und starben kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Das war umständlich, aber möglich. Dank der «deutschen Gründlichkeit» der Ämter in der BRD, konnte ich diese Geburtsdokumente tatsächlich beschaffen.

Tja, und dann begann das Warten, denn die Behörden liessen sich Zeit mit dem Ausstellen der Verfügung. Seither muss ich Jahr für Jahr auflisten, wofür Geld ausgegeben wurde, wobei der Spielraum klein ist. Unzweifelhaft sind diese Forderungen korrekt und nachvollziehbar. Was mich bei diesen Schreiben jedoch ENORM stört, ist nicht der Umstand der Fristsetzung, sondern der Befehlston, das Fettgedruckte und die ! Ausrufezeichen ! Jahr für Jahr zieht sich schon beim Gedanken daran meine Magengrube zusammen.

!!! Einreichfrist: spätestens 28. Februar 2022

Sie erleichtern uns die Arbeit wesentlich, wenn Sie den Termin einhalten und die Unterlagen vollständig einreichen.

Wie wäre es mit:

Bitte reichen Sie die Unterlagen bis spätestens 28. Februar 2022 ein. Sie erleichtern uns die Arbeit wesentlich, wenn Sie den Termin einhalten und die Unterlagen vollständig einreichen. Besten Dank.

Ich bin deshalb zum Schluss gekommen, diese Aufgabe nach fünfzehn Jahren an eine jüngere Person abzugeben. Diesen Befehlston muss ich mir nach so langer Zeit nicht mehr antun. Ich suchte und fand einen Nachfolger der diese Aufgabe übernimmt. Die Aktenordner werde ich abgeben, meine Bankvollmacht löschen. Den Marschbefehl für die jährlich einzureichenden Dokumente, inklusive der am Rand platzierten Ausrufezeichen, werden mir kein Bauchweh mehr bereiten. Und kein Gewieher des Amtsschimmels meine Ohren mehr malträtieren. Dora bleibe ich persönlich verbunden - bis dass der Tod uns scheidet.

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