Der Moment der Wahrheit

Gaby Kratzer, 26.03.2021

Gaby Kratzer
Gaby Kratzer

Wohlig warm ist es bereits seit ein paar Tagen. Eng angeschmiegt liegt die samtweiche Decke rund um meinen geschmeidigen Rubens Körper. Es wird Zeit sich zu strecken, zu erheben und aufzumachen vom Dunkel in die Helligkeit. Ist es noch zu früh? Vermutlich sollte ich warten. Aber wann ist die richtige Stunde? Ich halte mich sicherheitshalber weitere zwei Tage ruhig und überprüfe fortlaufend die Wärme.

Jetzt ist er da, der Moment der Wahrheit. Ich platze vor Spannung, wachse über mich hinaus. Mit dem Kopf durch die Decke. Draussen angekommen lasse ich mein zartes weisses Geschmeide von der Sonne stärken. Es ist wunderbar aus der engen Hülle zu schlüpfen und kraftvoll entspannt in den blauen Himmel zu blicken. Um mich herum stehen meine Schwestern und Brüder genauso schön und anmutig. In der Nachbarschaft entdecke ich einige aus der Familie Iridaceae. Prachtvolle Exemplare mit wohlgeformten trichterförmigen Köpfen in Violett, Weiss, Blau, Gelb, Orange oder sogar gestreift. Jedes für sich ein Unikat, wie ich, obwohl meine Erbinformation nicht so vielfältig ist in der Kolorierung. Meine Familie, die Galanthus, wir halten uns an edles Weiss. Das passt immer.

Voller Energie strotze ich nur so vor Lebendigkeit. Von meinem Platz aus kann ich viel beobachten. Ich bekomme Wortfetzen mit aber nie ganze Sätze. Es ist leider noch zu kalt, als dass die Schulkinder, Frauen oder Männer stehen bleiben. Noch huschen sie in Eile, an uns vorbei. Eines Vormittags, ich bin im Garten, wie immer, wird es dunkel. Nicht wie in der Nacht, sondern eher ein dunkles Grau. Ohne Vorwarnung passiert es. Dicke weisse Flocken fallen vom Himmel und bedecken mich, meine Verwandtschaft und die farbenfrohe Nachbarschaft. Am liebsten hätte ich mich wieder unter die wohlig warme Decke zurückgezogen. 

Ich gebe mir aber keine Blösse. Ich lernte schon früh, dass nicht jede Windböe einen platt macht. Somit blieb ich standhaft stehen und verlangsamte ganz einfach mein Wachstum. Das ist ein kleiner Überlebenstrick und eine total unproblematische Sache. Meine Freunde und Follower in der Nähe tun es mir gleich. Ich bin stolz als Vorbild voran zu gehen.

Auch diese kalte Episode im April nimmt ein Ende. Die Sicht ist wieder frei. Es macht Spass und ist sehr interessant den Zaungästen zu lauschen. Die Leute bleiben in der Frühlingsonne stehen, um einander unglaubliche, urkomische, belehrende und ernste Geschichten zu erzählen, was in den letzten Monaten passierte. Darunter richtige Komödien. Ich kriege mich teilweise vor Lachen kaum noch ein, ertrinke fast im Augenwasser. 

Menschen sind tatsächlich extrem tollpatschig. Einmal, das ist wirklich wahr, sah ich auf der gegenüberliegenden Baustelle einem Bauarbeiter zu, wie er sein mobiles Telefon verlor. Er stand gelangweilt auf der Terrasse des dritten Stockwerks. Vielleicht hatte er gerade Pause. Ich will niemanden anschwärzen. Er stützte sich mit den Unterarmen auf der Brüstung ab. In den Händen sein Smartphone und drückte träge darauf herum. Schwupp, fiel das Teil Richtung Erdgeschoss. Nein, nicht einfach so, dass nur das Glas zersplittert wäre. Ich sah gerade noch wie es in einen Graben fiel. Nicht schlimm genug? Der Bagger war gerade dabei den Graben mit Erde, Schutt und grossen Steinen aufzufüllen. Das Suchen blieb jedenfalls erfolglos. Ähnlich erging es einer Autofahrerin, als ihr Autoschlüssel zu Boden fiel und direkt zwischen dem Gitter im Gulli verschwand.

Mehr als eine Träne vergoss ich bei all den erschütternden Erlebnissen. Lebensdramen mit Trennung, Verlust, Entfremdung…dem Hauptthema «loslassen».

Ich weiss, mein Erscheinungsbild, mit dem hängenden Kopf, wirkt vielleicht ein wenig traurig. Ich kann ihnen aber versichern, dass mich die Monate, in denen ich den Garten schmücke sehr erfüllen. Ich weiss ebenfalls, dass mein Auftritt jedes Frühjahr den Menschen ganz viel Freude bereitet. Deshalb ist mein Motto: «Man lebt nicht für die Ewigkeit, sondern für die Augenblicke, denen man Ewigkeit wünscht».

Was für ein Glück ein Schneeglöckchen zu sein.

Gefallen Ihnen unsere Artikel? Wir freuen uns über ein Teilen auf Facebook. Herzlichen Dank!

Sie können unsere Beiträge auch auf Twitter lesen. Verbinden Sie sich mit uns.

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen