Eigenlob stinkt!

Béatrice Stössel, 04.11.2020

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Manchmal hat das Alter Vorteile! Ich belegte kürzlich einen Platz im Kurs Autobiographisches Schreiben. Ein Gemeindeanbot von „Hohes Alter – Bassersdorf/Nürensdorf“. Ich hatte somit ein Anrecht den Kurs zu besuchen.

Pünktlich (schon) um 08h30 traf ich im grossen Saal der katholischen Kirchgemeinde ein. Der erste Blick zeigte, dass wir den Mindestabstand problemlos einhalten konnten. Mein zweiter Blick registrierte, dass nebst den neun Damen auch vier Herren mit von der Partie waren. Das fand ich besonders spannend! Wann immer ich in den letzten Jahren einen Kurs besuchte, fehlten die Vertreter des starken Geschlechts. Hier also nicht!

Unsere Dozentin für die vier Wochentreffs war Michèle Minelli, Autorin und Kursleiterin und ich war gespannt was uns erwartete.

Gekonnt baute Michèle die Spannungen ab. Und mit den ersten Schreibübungen verflogen die Hemmungen. Immer wieder machte sie uns auf literarische Formen des Schreibens aufmerksam. Fütterte uns mit Anregungen, wie erste Anfangshürden zu überwinden sind. 

Ich kenne das nur zu gut, wenn der innere Zensor in meinen Hirnwindungen sein Unwesen treibt und den Schreibfluss austrickst. Wenn er teuflisch gemein ins Ohr flüstert: „Das kannst du so nicht schreiben! Das gehört sich nicht!“ Besonders die Generation 70+ wurde noch dazu erzogen sich nicht wichtig zu nehmen.

Was für eine Herausforderung war deshalb die Schreibübung:

Ode an mich selbst, die mit den Worten: Oh Béatrice.... beginnen sollte.

Meine Finger verfielen augenblicklich in einen akuten Dornröschenschlaf und lagen leblos auf der PC-Tastatur. Ganz im Gegensatz zu den Gedanken, die sich förmlich überschlugen. „Das geht ganz und gar nicht... Ich kann doch nicht.... Also….. Neinnnnn!“ Ich sass bocksteif und reglos vor meinem Laptop wie in Stein gemeisselt.

„Noch fünf Minuten“, vernahm ich Michèles Stimme und wusste, jetzt aber dalli, dalli! Was daraus wurde? Lesen Sie selbst ;-)

Oh Béatrice....

Jetzt soll ich mich rühmen und merke, dass ich völlig blockiert bin. Sich selbst zu loben gehört sich nicht. Eigenlob stinkt! Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr, setzte ich trotzig dagegen. Soll ich bluffen? Oder allen ein persönliches Schulterklopfen vorführen? «Dafür habe ich eine Schulterklopfmaschine zu Hause», pflege ich zu scherzen. «Unter die stelle ich mich, wenn keiner es sieht.

„Noch drei Minuten“, mahnte Michèle. So fragte ich mich selbst: Was zeichnet mich aus? Was kann ich? Worin bin ich richtig gut?

Ich kann einerseits sehr gut aktiv zuhören und bin anderseits fähig vor Leuten etwas vorzutragen. Innert Sekundenbruchteilen brenne ich für eine Idee. Zugegeben manchmal überborde ich mit meiner Begeisterung und muss mir eingestehen, dass nicht jede Vision so brillant war, dass sie zwingend realisiert werden muss. Ich bin eine Schnelldenkerin und manchmal genügt ein Satz als Inspiration für eine Geschichte. Ich bin ich eine Ästhetin, liebe kräftige Farben, weiss sie zu kombinieren. Kochen ist meine Leidenschaft. Pferdenärrin bin ich mit Leib und Seele. Die letzten Schreibsekunden waren angebrochen. Jetzt muss oder soll ich noch etwas Nettes über mich zu Papier bringen. Dazu hat’s noch gereicht:

Ich bin, wie ich bin.

Etwas später folgte als Gegenstück die Aufgabe:

Wie möchte ich, dass man mit mir umgeht?

Na ja, wie wohl? Respektvoll, schliesslich liegen über 40 Jahre Berufsleben hinter mir und somit mein geleisteter Beitrag an die Gesellschaft und die AHV Kasse. Also bitte, behandelt mich entsprechend! Ehrt mich und meine Leistungen. Es gibt doch einiges was ich erreichte. Oder etwa nicht?

Oft frage ich mich, bin ich noch da? Hört mich jemand? Sieht mich jemand? Die Ziele die ich erreichen wollte, wohin haben sie sich verschoben? Ich sehe sie oft nicht mehr, will sie manchmal auch nicht mehr sehen.

Deshalb mein letztes Aufbäumen und ich ruf Euch zu: Das Mindeste was ich erwarte, seid einfach lieb und ertragt mich mit Humor.

Und ganz zum Schluss noch dies: Mein Sitznachbar überraschte mich am letzten Kurstag mit einem Klassenfoto von 1950. Fünfzig Goofen, eine Nonne als Chindsgilehrerin und ganz aussen rechts, in der zweiten Reihe sassen wir zwei. Toll wie das Leben so spielt nach siebzig Jahren.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen