Ein Seminartag

Julia Onken, 29.01.2019

Julia Onken
Julia Onken

Nach jedem Kurstag sitze ich noch eine Weile vor dem Fenster, blicke auf die Weite des Sees, der dicht vor mir liegt und denke über den heutigen Tag nach. Es ist ein besonderer Moment, als ob die Zeit stille stünde, und ich mit meinen Gedanken ganz für mich allein und ungestört verweilen könnte. Ich schaue dem Flug einer Möve zu, die ein auslaufendes Schiff umkreist, wohl in der Hoffnung, etwas Essbares zu bekommen. Das Wasser ist heute winterlich nebelgrau, ihm fehlt dar glitzernde Balsam, aber ich weiss sehr gut, es ist nur eine Frage des Lichts und schon bald erinnern wieder fröhliche plätschernde Wellen an das Auf und Ab – und an das Schicksal der Menschen.

Was für ein Tag – heute. Das Seminar war bis auf den letzten Platz besetzt. Unser Thema: Wie schreiben? Was schreiben? Warum schreiben? Und wie immer, wenn es ums Schreiben geht, bin ich in meinem Element und ich kann alles, was mich umtreibt, einbringen. Eines ist gewiss, wer schreiben möchte, sollte es tun und sich nicht von inneren Stimmen abhalten lassen, die immerzu einflüstern, man sei eben dazu nicht fähig. In der Regel haben wir uns derartige Hürden in der Kindheit eingehandelt, entweder im Elternhaus oder in der Schule. Da ist uns vielleicht die Lust abhandengekommen, uns schreibend auf den Weg zu machen. Sei es um die Welt zu erkunden und sie zu erforschen oder um sich selbst näher zu kommen. Dabei ist das Schreiben – und selbstverständlich auch das Lesen - mit einem Schlüssel vergleichbar, der uns den Zugang zu uns selbst eröffnet:

  • Frauen, die lesen, wissen mehr
  • Frauen, die lesen und schreiben, wissen sogar was sie denken.
  • Frauen, die wissen, was sie denken, wissen was sie wollen.
  • Und Frauen, die wissen, was sie wollen, gehen ihren Weg.
  • Oder sie schreiben ein Buch – ihr eigenes Buch.

Obwohl ich in der Arbeit mit Frauen seit Jahrzehnten unterwegs bin, komme ich oft aus dem Staunen nicht heraus. Welche Kostbarkeiten sind da eingeschlossen, die nur darauf warten, endlich befreit zu werden! Welche Geschichten wollen da erzählt werden! Erfahrungen, die danach drängen, mitgeteilt zu werden!

Nach einem solchen Seminartag bin ich überwältigt über die Fülle der Möglichkeiten, die in Frauen schlummern. Aber ich bin auch zutiefst dankbar, diese wunderschöne Arbeit machen zu dürfen und Frauen in ihrem Prozess der Selbstentfaltung zu begleiten.

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen