Ein einziges Chaos

Béatrice Stössel, 07.10.2021

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Ich zittere. Zittere am ganzen Leib, als hätte ich Schüttelfrost. Das Kundendossier, welches ich in der Ablage verstauen will, fällt zu Boden. Die Papiere flattern wild durcheinander. Ein einziges Chaos. Tränen schiessen mir in die Augen. Ein richtiger Strom ergiesst sich. Ich will nicht weinen! Je mehr ich mich wehre, desto unaufhaltsamer kullern die Tränen über meine Wangen. Das Zittern verstärkt sich, ich rette mich auf den Stuhl um nicht umzufallen, weil meine Knie nachgeben. Ich schaue auf die Uhr. Ich will wissen, wie lange das anhalten wird. Vielleicht hilft ruhiges, regelmässiges Atmen? Ich versuche es: EIN und AUS – EIN und AUS. Es dauert! Fünf, zehn, geschlagene fünfzehn Minuten gehen vorüber, bis ich ruhiger werde und aufstehe um nachzuschauen, ob noch jemand da ist. Aber alle Bürotüren sind geschlossen. Ich bin allein im Haus. Um Himmelswillen was war das? Mein ganzer Körper schmerzt. Die Tränen versiegen langsam. Sehr langsam!

Es dauert, bis ich wieder klar denken kann und weiss mit erschreckender Klarheit, dass diese Attacke einer Abklärung bedarf. Es bereitet mir unendliche Mühe, die verschiedenen Pendenzen zu erledigen. Ich muss das irgendwie schaffen, befehle ich mir. Egal wie lange es dauert. Nach über zwei Stunden ist mein Pult leer. Alles à jour gebracht. So, als würde ich nie mehr zu dieser Arbeit zurückkehren. Ein letzter Blick und die Bürotür fällt ins Schloss.

Es gilt die letzte Hürde in Angriff zu nehmen, fünfundfünfzig Autobahn-Kilometer Heimweg. Ich gehe es ruhig an, fahre rechts und keinesfalls zu schnell, werde dauernd überholt. Egal. Ich will nur eines: Heil ankommen!

Es ist nach neun Uhr abends, als ich in die Garage fahre und den Motor abstelle. Geschafft! Noch immer habe ich das Gefühl, dass mich meine Beine nicht tragen wollen. „Komm Mädchen. Nur noch bis zum Lift“, spreche ich mir selbst Mut zu. Als ich die Haustüre hinter mir verriegle, schüttelt mich ein weiterer Weinkrampf. Ich lasse es zu, entkleide mich, schleppe mich unter die Dusche. Das warme Wasser, welches über meinen Körper rinnt tut gut. Die Tränen konkurrieren mit den Duschstrahlen, aber ich werde ruhiger. Irgendwie schaffe ich es, meinem Chef ein Mail zu schicken: „Ich bin krank. Komme morgen nicht ins Büro. Melde mich, wenn ich beim Arzt war.“ Ich falle wie tot ins Bett und schalte mit letzter Kraft den Wecker aus.

Nach dreizehn Stunden Tiefschlaf erwache ich und schaue auf die Uhr. Um Gottes Willen ich muss raus. Doch meine Glieder bewegen sich nicht. Schlagartig fällt mir wieder ein, was am Vorabend passierte. Ich torkle in die Küche wie eine Besoffene. Ein Espresso wird’s richten. Es werden derer drei. Ich brauche einen Arzt. Einer, der mir erklärt was mit mir passierte. Ich erinnere mich an seinen Namen, rufe ihn an, erzähle der Assistentin was ich erlebte. „Das klingt nach Notfall“, folgert sie. Ich habe Glück, nachmittags ist ein Termin frei. „Nehmen Sie ein Taxi, oder lassen sie sich fahren“, mahnt sie. „Ja, danke“, flüstere ich.

Der Medizinmann lässt sich alles haargenau schildern. Fragt nach. Erkundigt sich nach der Arbeitsbelastung, nach meinem Privatleben, hört zu. Als alles gesagt ist formuliert er die Diagnose: „Sie haben ein Burnout! Ich rate ihnen dringend sich professionell behandeln zu lassen. Ich stelle ihnen ein Zeugnis aus für den Arbeitgeber und eines für die Klinik. Meine Assistentin gibt ihnen einige Adressen mit. Oder noch besser. Ich rufe gleich für sie an.“ Meine Gedanken fahren Karussell! „Klinik?“, frage ich. „Ja und zwar so schnell wie möglich. Einverstanden?“. Ich nicke kraftlos und er greift zum Hörer. Es geht ruck-zuck. Schon in zwei Tagen ist ein Platz frei in der Psychiatrischen Klinik Schlössli. „Das ist ein Glücksfall“, versichert er mir. „Ein freier Platz in der Spinnwinde. Es fehlt nur noch s’gäle Wägeli“, versuche ich zu scherzen. Wische die Träne weg die aus mir raus will und schluchze: „Bin ich jetzt verrückt?!“

Drei Monate dauert der Aufenthalt. Drei Monate Auszeit, in denen mir klar wird, wie sehr ich meine Kräfte überstrapazierte. Diese Zeit, mich selbst zu finden und zu erkennen, dass weniger auch mehr sein kann, war ein wertvolles Geschenk für meine Zukunft. Seither gehe ich gemässigter durchs Leben. Und es tut gut, rechtzeitig zu spüren, wann das Mass voll ist. Ich erlaube mir ohne Skrupel zu geniessen. Nicht nur Pflichten, sondern viel mehr Kür. Die Kür wiederum schenkt mir Kraft und Energie. Es entsteht ein Gleichgewicht.

Der Heilungsprozess dauerte insgesamt neun Monate. Ich wurde wieder gesund. In mein Büro kehrte ich nur zurück, um die persönlichen Sachen abzuholen und mich von meinen Berufskolleginnen und Kollegen zu verabschieden. Ich wurde ordentlich pensioniert.

Übrigens: mein Chef erkundigte sich kein einziges Mal wie es mir geht. Er fehlte auch beim Abschiedsapéro, ganz ohne Erklärung oder Gruss.

Honi soit qui mal y pense!
(altfranzösisch) und ins Deutsche übersetzt:
Ein Schelm der Böses dabei denkt!

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