Ein ordentlicher Fluch gehört durchaus dazu

Béatrice Stössel, 19.08.2022

Béatrice Stössel, Autorin
Béatrice Stössel, Autorin

«Mein Kind kommt neuerdings mit schrecklichen Kraftausdrücken nach Hause, die es im Sandkasten beim Spielen lernt.» So empörte sich eine Mutter in der Frauengruppe, welche eine Nachbarin in unserer Überbauung organisierte. Wir wohnten damals in einer Neubausiedlung, in der grösstenteils junge Ehepaare mit Kindern lebten. Der Altersbogen der Kleinen spannte sich vom Neugeborenen bis zu den Primarschülern. In den drei Blocks kamen locker an die fünfzig Kinder zusammen. Allein in unserem Haus zählte ich dreizehn Jungs und Mädels. Da gabs schon mal Ramba Zamba auf der Spielwiese, Konflikte inklusive. Im Grossen und Ganzen lief jedoch alles harmlos ab. Das war nicht zuletzt unserem «Hüttenwart Ernst» zu verdanken, wie wir ihn respektvoll nannten. Ein fairer Mann und verantwortlich für die gesamte Anlage. Er achtete freundlich aber bestimmt darauf, dass die Hausregeln eingehalten wurden.

Doch zurück zum Frauengrüppchen, das sich regelmässig zu Gesprächen traf. Weil ich berufstätig war, gehörte ich nicht zum harten Kern. Eines Morgens jedoch kam die Organisatorin nicht drum herum, auch mir die Türe zu öffnen. Ich hatte gerade Ferien und war zum ersten Mal dabei. Das Thema an jenem Vormittag: «Kraftausdrücke»! Nach einer kurzen Einleitung der Leiterin ging die allgemeine Diskussion los:

«Also bei uns zu Hause wird anständig gesprochen.»

«Ausdrücke wie: Sch….. oder Flüche wie «Gopfverdammi» oder gar Huärä S ..., kommen bei uns nie vor», versicherten sich die Damen gegenseitig, mit Vehemenz.

Die Gemüter erhitzten sich und gipfelten in der Frage: «Was können wir bloss tun, dass im Sandkasten ein gesitteter Umgangston herrscht?» Jetzt begann ein Lamento der Sonderklasse. Eifrig wurden Ratschläge erteilt:

Süssigkeiten streichen – Stubenarrest – Sackgeld Stopp – waren nur einige der Tipps, welche die Mütter sich gegenseitig als korrigierende Erziehungsmassname zuschanzten, so man einen sprachlichen Übeltäter in flagranti ertappen würde. Es waren ja immer die anderen Kinder, welche unflätig daherredeten, keinesfalls die eigene Brut. Da konnte die Strafe ruhig etwas strenger ausfallen. Ich hörte staunend zu und wartete ab.

«Was meinst du?», fragte mich die Gastgeberin, wohl mehr höflichkeitshalber, denn wirklich an meiner Meinung interessiert und wollte husch-husch zum nächsten Traktandum übergehen. Doch ich hakte blitzschnell ein.

«Nun», begann ich meine Rede, «wenn ich ehrlich bin so gestehe ich, dass bei mir schon mal ein kraftvolles Wort vorkommt, manchmal sogar in der Mehrzahl. Es ist so befreiend, wenn ich meine innere Spannung verbal auflösen kann und mal tüchtig schimpfe, so etwas schiefläuft. Ein ordentlicher Fluch gehört durchaus dazu. Das entspannt und bringt mich wieder ins Lot. Zum Schluss über (m)ein Missgeschick zu lachen ist doch einfacher, als mich zu ärgern oder deswegen graue Haare wachsen zu lassen. Viel wichtiger dünkt mich, den Kindern beizubringen, wann, wo und wie sie fluchen können, oder es besser unterlassen sollten. Nur so lernen die lieben Kleinen, den Anstandsregeln eines Freiherrs von Knigge Genüge zu tun.»

Nach meinen Ausführungen herrschte betretenes Schweigen. Nach einer kurzen Pause, räusperte sich die Wortführerin wieder. Sie schlug vor, dass man sich nun unbedingt dem neuen Thema widmen wolle. Ich war irritiert und fragte mich insgeheim, was diese Wortlosigkeit soll? Denn es war für mich unvorstellbar, dass niemand sonst in der Siedlung «kraftvolle Worte» in den Mund nahm, zumindest ab und zu.

Kurze Zeit später hörte ich im Radio eine Sendung über das Thema: Wenn Kinder im Sandkasten unschöne Redensarten lernen. Frau Professor, Doktor – Ich-weiss-Ihren-Namen-nicht-mehr – wurde gefragt:

«Was können wir Eltern tun, damit unsere Sprösslinge nicht fluchen oder mit unanständigen Parolen auf sich aufmerksam machen?» Und wissen Sie was die gute Frau Professor, Doktor erwiderte? Sie dozierte:

«Am wichtigsten ist es dem Nachwuchs beizubringen, wann und wo sie Kraftausdrücke von sich geben können und wo ganz sicher nicht. Also in welcher Situation sie mal schimpfend, ja sogar fluchend durch die Gegend rennen dürfen oder wo sie sich unbedingt beherrschen müssen.»

24, November 22, Weihnachtslesung in der Bibliothek Nürensdorf

9. Dezember 22, Weihnachtsmarkt in Rapperswil, Buchhandlung Bücherspatz

Info: stoessel@bestbook.ch | www.bestbook.ch

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