Eine Üppigkeit mit Stil und Klasse

Béatrice Stössel, 03.05.2021

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

„Hey Blitz“. „Hey Donner!“ Diese Namen stammen aus der Studentenzeit von Max und Leo, wie sie wirklich heissen. Sie kennen sich seit Kindertagen. Sie teilten den Sandkasten, wetteiferten in Seifenkisten und später auf dem Tennisplatz um die Gunst der jungen Damen. Max war immer der Sieger. Mit seinen grossen dunklen Augen, der lässigen Frisur – er trägt das Haar stets relativ lang - so dass er mit einer lässigen Geste die Locke aus dem Gesicht streifen kann. Er versteht es, auf sich aufmerksam zu machen, zu verführen. Leo hingegen ist zurückhaltend. Der stille introvertierte Beobachter, dem nichts entgeht und der immer im Schatten des charmanten Max steht. Trotzdem, die beiden Männer verstehen sich gut, vertrauen sich, und teilen viele Geheimnisse. Wenn Max wieder einmal Liebeskummer hat, der allerdings nie lange andauert, ist es Leo, der ihn behutsam aus der Krise führt.

Es ist eine Weile her, seit der letzten Begegnung. Umso herzlicher die Begrüssung an diesem Abend in ihrer Stammbar. Max lässt seinen Blick wie üblich durch das Lokal streifen, auf der Suche nach etwas Rundem, wie er sich auszudrücken pflegt wenn er auf „Aufriss“ ist, und das ist er eigentlich immer. Leo hingegen steht mit dem Rücken zur Türe. Das Kommen und Gehen der Gäste interessiert ihn nicht Er ist noch stiller als sonst, einzig seine leicht geröteten Wangen deuten auf eine gewisse Erregung hin. Max bemerkt dies augenblicklich und forscht nach weiteren Zeichen im Gesicht seines Freundes und entdeckt ein Funkeln in dessen Augen.

„Ist da etwas im Busch“, fragt er seinen Freund.

„Was, was.... meinst du“, stottert Leo verlegen.

„Du strahlst ja förmlich, bist du etwa deiner grossen Liebe begegnet?“

Leo grinst und nach einer kleinen Kunstpause meint er: „Ja, so könnte man es nennen!“

„Was, komm sag schon. Mein Gott, es wurde langsam Zeit. Erzähl“, fordert Blitz den meist viel zu leisen Donner auf.

„Ach, was soll ich sagen. Sie ist bezaubernd. Von einer traumhaften Eleganz. Eine echte klassische Schönheit. Ihre Abstammung adelig und von feinstem europäischen Geblüt. Eine Lady.“ Leos Blick schweift bei diesen Worten in unbestimmte Ferne. Max kennt seinen Freund lange genug, um zu wissen, dass er ihn jetzt nicht unterbrechen darf, sondern einfach warten muss bis er mit der Beschreibung fortfährt.

„Sie hat Formen und Rundungen. Alles sitzt bei ihr am richtigen Ort. Ihre Üppigkeit trägt sie mit Stil und Klasse, aber sie übertreibt nie. Da und dort löst sie sich von ihrem, nennen wir es „barocken Stil“ und präsentiert sich modern, ja sogar futuristisch!“

Max schluckt leer. Da hat sein Freund ja ein Prachtstück erobert. Wobei, ob er sie wirklich verführt hat? Noch zweifelt er.

„Sie verfügt über ein grossartiges Kunstwissen. Aber nicht nur das, mit ihr kann man schlemmen. Kulinarisch hat sie so Einiges zu bieten. Wegen ihrer traditionsreichen Familiengeschichte, in der sich einige Kulturen mischen, bot sie mir Gaumenfreuden vom Feinsten. Egal ob deftige Hausmannskost oder Gourmetmenu, sie legte es mir zu Füssen, äh ich meine auf den Teller. Und erst die Süssigkeiten!“ Leo holt tief Luft, denn er geht durchs Feuer für Süsses, und will man mit ihm bei einem Stadtbummel vorwärts kommen, muss man tunlichst alle Konditoreien grossräumig umschiffen.

„Diese Köstlichkeiten“, fährt er fort und schnalzt mit der Zunge. „Pralinen vom Feinsten. Die Torten, nicht nur schön verziert, sondern eine Geschmacksexplosion im Mund. Kein Kuss kann schöner sein. Die Auswahl, die Vielfalt die sie mir schenkte und die ich alle verkostete!

Max ist sprachlos. Derart schwärmend hat er seinen Freund noch nie erlebt. Er will gerade fragen, ob er nur die kulinarischen Köstlichkeiten genoss, oder ob er SIE auch vernascht hat, da fährt Leo fort: „Sie ist einfach das Schönste, was mir je begegnet ist. Mit ihr wird es nie langweilig. Sie hat so viel zu bieten.“

„Was alles?“ Max unterbricht den Schwärmer ziemlich barsch. Es kann nicht sein, dass Leo ihn einholt beim Erobern des schwachen Geschlechtes. Wobei DIESE schien wirklich alles zu vereinen was ein Mann sich wünschen kann. „Und politisch? Wo steht dein Schwarm? Links, rechts, Mitte?“ Die musste doch irgendwo einen Haken haben und diese Schwachstelle galt es zu finden, um den über dem Boden schwebenden Träumer wieder zu erden.

„Ach politisch“, erwidert Leo verächtlich, „was soll ich mit der Politik? Ich sagte ja schon, sie ist adelig und es fließt blaues Blut durch ihre Adern. Sie ist aber zugleich modern, differenziert denkend!

„Sozi“, wirft Max unwirsch ein.

„Ja, sie hat durchaus ein Ohr für die Anliegen der nicht so Privilegierten! Leo grinst, denn auch er weiss seinen Kumpel zu nehmen.

„Nun sag schon, wer ist es?“

Leo schweigt und sein Blick verliert sich wieder irgendwo in der Ferne. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Er träumt sich weg.

„Wie heisst sie!“ Max’ Stimme überschlägt sich. Jetzt schaut Leo seinem Freund fest in die Augen und sagt feierlich:

„WIEN! Sie heisst WIEN!“

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