Eine unmoralische Geschichte

Maya Onken, 29.05.2021

Maya Onken
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«Willst du Sex»? fragte er Antje. «Ganz bestimmt nur Sex und nichts anderes». «Super», dachte er, wo findet man so eine Frau die nur Sex will, nur ein Akt des fröhlichen Verschmelzens, Jubelns, Seufzens. Und dann fertig.

Sie liess sich gerne darauf ein, schliesslich war es die perfekte Art, angestaute Energie, unausgesprochene Worte, ungelöste Projekte, Zukunftsängste und andere Zwänge über Bord zu werfen oder besser gesagt, mit vielfacher Vertonung in das Knarren der Bettleisten zu seufzen, stöhnen, murmeln, in tragischem Staccato zu singen, zu trillern, zu brüllen, zu schreien, zu röcheln und schliesslich einfach summend zu beerdigen.

Auch er wollte lediglich seine angestaute Energie mit einigen Stössen in eine feuchte Oase abschiessen. Aber er hatte nicht damit gerecht, dass auf ihrer Seite ein Vulkanausbruch tobte. Auch war er nicht auf ihre gewandte Art gefasst, jeden Quadratzentimeter seiner Haut zu bearbeiten. Sie konnte küssen, zwirbeln, massieren, punktieren, quetschen und drücken, beträufeln und befeuchten, walken und rubbeln. Auf eine solche Vielfalt war er nicht eingestellt gewesen.

Auf keinen Fall wollte sie danach eine Fortsetzung, vor allem wollte sie keine verklärte Blicke oder sonstige Zärtlichkeiten. Das verbat sie sich und ihm. Das hatten sie im Vorfeld geklärt. Meinte sie.

Doch sie hatte sich getäuscht. Er wartete bereits am nächsten Tag mit Blumenstrauss und Schokolade auf. Lud sie zum Abendessen ein, wollte ins Theater, ins Kino und in die Oper ein. Und als Gipfel der Enttäuschung: Zur Hochzeit. Er hatte sein Versprechen nicht eingehalten. Es dürstete ihn offensichtlich nach mehr trillern und walken, sie sei die Frau seiner Träume, stammelte er und dann folgte die lange Tirade geschmackloser Allgemeinplätze von Verliebtheit und dergleichen. Sie liess das Goldkettelchen mit dem kleinen Herzen dran in ihrer Schmuckschatulle verschwinden, es reihte sich zu seinen Vorgängern und den Ringchen mit Herzen und geschmacklosen Herzbroschen. Sie wollte es einfach nicht mehr ertragen, wie sich einst stolze, wilde, verwegene, freiheitsliebende junge Stiere jäh in romantisch abgehalfterten Langweiler verwandelten.

Sie fasste einen ungewöhnlichen Entschluss und rief gleich Trude, ihre beste Freundin an und verkündete: «Ich werde heiraten.» Ein stummes Bündnis verband die beiden seit frühen Kindertagen, wo sie sich einst geschworen hatten: Wir sind füreinander da, Schwestern auf alle Zeit.

«Wen will du heiraten?» wollte Trude wissen. Soviel war klar: Ihr Zukünftiger sollte vor allem von seiner Arbeit vollumfänglich eingenommen sein, genug Ehrgeiz besitzen, dies bis zur Pension aufrechtzuerhalten und nebst Sex keine weiteren Anforderungen an sie stellen. 

Sie wählte Heinz aus. Ein Physiker. Im Bett sehr zufriedenstellend, vielleicht berechnete er Einfallswinkel oder die Spiraldynamik, ansonsten intellektuell voll ausgelastet. Doch Heinz hatte eigene Pläne. Das erschütterte sie: Er wollte Kinder! Und er wollte seine Gedanken mit ihr teilen! Sie wusste im Nachhinein nicht mehr, was anstrengender war, das Ausbrüten und Gebären zweier Kinder oder die langen Spaziergänge dazwischen mit Heinz, während denen er ihr die Zusammenhänge von den Dingen an und für sich und die Zusammenhänge im Universum im Speziellen erklären wollte.
Obwohl sie Heinz davon überzeugen wollte, dass die Spannkraft einer Vagina auch nach zwei Geburten wieder zu neuen Lüsten führen könne, klammerte er sich an seine eigene Idee von Frau, Familie und Kindern und insbesondere von Vaginen, die nach der Geburt nicht mehr das Gelbe vom Ei seien. Mit anderen Worten, er war, was Sex betrifft, am Ende der Fahnenstange angelangt. 

Zunächst bemerkte Antje nicht, dass sie auf dem ausgetrockneten Boden der Lustlosigkeit gestrandet war. Als aber beide Kinder die Masern hatten und einen geschlagenen Tag lang schrien, sie nicht mehr wusste, wo ihr Kopf stand, rief sie Trude an und schrie ins Telefon «Ich will endlich wieder Sex haben.»

Doch die Sache erwies sich als schwieriger wie gedacht. Wo waren die wilden, gefährlichen, verwegenen Männer geblieben! Also zwängte sich Antje in ein kurzes raffiniertes Kleid und schlüpfte in ihre silbern glitzernden High Heels. Es dauerte nicht lange und sie stöckelte am Arm eines gutaussehenden Italieners auf direktem Weg in seine Bude, riss sich selbst die Klamotten vom Leib, verwöhnte seinen kraftstrotzenden Körper, sang dabei die ganze Verdioper und posaunte vor lauter aufgestauter Energie und ungelösten Problemen aus sich heraus. Dann lief sie barfuss nach Hause und legte sich zu den brüllenden Kindern.

Am nächsten Tag geschah NICHTS. Kein Anruf. Keine Blumen. Kein Brief. Keine Einladung. Kein goldenes Kettchen. Antje seufzte auf. Endlich. Auch an den Folgetagen: NICHTS. Sie alle hielten sich daran. Langsam kamen Zweifel in ihr auf. Sie rief Trude an und fragte «War das alles? Sex und dann nichts?»

Dann fasste sie einen Entschluss. Sie sassen gerade beim Mittagessen, als Antje zwischen Suppe und Braten Heinz darüber informierte, in welcher Sackgasse sie gelandet war und sie sich wie eine Libelle ohne Windaufschub fühle. So könne es ohne Sex nicht weitergehen. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes in ihm. Wie wenn sich ihn ihm ein zunächst kleine Funke entzündete, der sich in rasender Geschwindigkeit über die Lungenverästelungen und im ganzen Brustbereich ausweitete, zum Hals hochgepumpt wurde, die Adern am Kopf anschwellen liess und als plötzlicher Energieschub in seine Faust hineinschoss, die sich erhob und mit einem Schlag den Bratenrest zu Brei schlug. Er sprang auf, verfrachtet die Kinder ins Kinderzimmer, fegte die Krümel vom Tisch, packte Antje an den Schultern, schob sie hoch, riss ihr leidenschaftlich die Bluse auf, zerfetzte ihren Rock, knallte sie neben den Suppentopf und entlud die angestaute Energie als ein Gemisch aus Wut und Eifersucht in ihr.

«Geht doch», meinte Antje zufrieden. Sie war sehr glücklich.


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