Er nörgelt ständig

Iris, 05.11.2016

Liebes Beraterteam.

Ihr gebt zwar nicht einfach Ratschläge. Aber in meinem Fall benötige ich dennoch dringend Rat, denn ich weiss nicht mehr, was ich machen soll. Kurz und bündig: seit vier Wochen ist mein Mann pensioniert, das heisst, er ist den ganzen Tag zu Hause. Er kommentiert jeden Schritt, den ich mache, kritisiert mich dauernd, weiss immer alles besser, regt sich über den kleinsten Furz auf und immer sabbert er alles an mich ran.
Als er noch gearbeitet hat, war er abends müde, schaute TV und ging ins Bett. Da ist mir diese Unart nicht aufgefallen. Aber jetzt...Manchmal möchte ich ihm am liebsten an die Gurgel springen. Also, Ihr seht, ich brauche dringend Rat.

Vielen Dank.

Iris

Psychologische Beraterinnen, die eine Ausbildung im Frauenseminar Bodensee absolvieren und die demnächst ihren Diplomabschluss machen antworten:

Antwort

Liebe Iris
Ja, da ist eigentlich guter Rat teuer. Wir wissen genau, wie es sich anfühlt, ständig kritisiert zu werden – allerdings nicht in dem Ausmass, wie Du es schilderst, quasi in gemilderter Form.
Nun geht es aber da vor allem darum, Deinem Mann diese Unarten abzugewöhnen und daran kannst Du eigentlich nur scheitern. Kein Mensch verändert sich, nur weil andere das von ihm fordern. Zudem würde es Eure Beziehung auf eine weitere Probe stellen. Wir wollen Dir aber auch nicht empfehlen, sich damit abzufinden und nicht mehr hinzuhören, denn auch das würde der Partnerschaft nicht gut tun.
Es gibt also nur einen einzigen Weg: Ihr müsst miteinander sprechen. Du musst ihm erklären – ohne Vorwurf! - wie es sich für Dich anfühlt, ständig kritisiert zu werden. Vielleicht gibt es von seiner Seite ebenfalls Bereiche, die ihn nerven, die er Dir sagen möchte.
Diese Gespräche sind nicht einfach. Deshalb haben wir Dir noch einen guten Lektüre: Das Paar im Gespräch – von Mathias Jung, Emu Verlag.
Versuch es und halte durch.
Wir wünschen Dir dazu viel Geduld und grüssen Dich herzlich
Raina und Mona*

(*wir haben letztes Jahr unsere Ausbildung zur psychologischen Beraterin FSB abgeschlossen)

2Kommentare

  • susanne
    21.11.2016 08:27 Uhr

    Liebe Ines
    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Kontrolle von deinem Mann unangenehm ist. Ich lese er ist seit kurzem Pensioniert. So eine Pensionierung ist ja doch ein grosser Schritt in so einem Arbeitsleben. Das Gefühl nicht mehr in der Arbeitswelt gebraucht zu werden, na ja, heikel.Verstehe ich dich richtig, du hast den ganzen Haushalt und was so alles dazu gehört selbstständig organisier? Und jetzt ist da dein Mann der zu Hause sitzt und noch nicht so gut mit dieser vielen freien Zeit fertig wird. Ich denke auch wie meine Vorschreiberinnen, es braucht ein klärendes Gespräch. Wichtig scheint mir, dass du dich ihm mitteilst. Das es dir Mühe bereitet kontrolliert zu werden. Und vielleicht könnt ihr die Aufgaben im Haushalt teilen. Oder ein Hobby, dass beiden spass macht. Noch besser etwas, dass nur deinem Mann gefällt. Dann hat jeder wieder ein paar Stunden für sich. Reden hilft oft.
    Ich wünsche dir viel Geduld.
    Herzliche Grüsse
    Susanne

  • Karin
    21.11.2016 08:33 Uhr

    Liebe Iris
    Du weisst nicht mehr ein noch aus? Seit vier Wochen scheint, was fest Stein auf Stein gebaut war, so ziemlich aus den Fugen zu geraten? Seit vier Wochen ist dein Mann pensioniert und den ganzen Tag daheim. Während du bis anhin deinen Alltag mehr oder weniger unabhängig von deinem Mann gestalten, deine Interessen pflegen und deine Arbeiten auf deine Weise erledigen konntest, kommentiert er nun jeden Schritt von dir, gibt zu allem seinen Senf dazu, würde alles anders machen, regt sich über Nichtigkeiten auf und lässt seinen Unmut auf dich niederprasseln? Ich stelle mir vor, das ist schwer für dich zu ertragen. Das verletzt dich? Engt dich ein? Da verspürst du Ohnmacht und Wut? Was bräuchtest du in dieser Situation? Vielleicht die Freiheit, die Dinge so zu tun, wie es dir entspricht? Zwischendurch Zeit nur für dich alleine? Anerkennung und Wertschätzung für deine Arbeit? Vielleicht auch Unterstützung im Haushalt, damit gemeinsame Zeit frei wird? Ideen, wie diese Zeit gestaltet werden könnte?
    Ich möchte dich ermuntern: Schau gut zu dir. Bleib mit dir in Kontakt. überlege: Was brauche ich? Was mache ich gerne? Was tut mir gut? Und mach es!
    Auf der anderen Seite ist da dein Mann. Bis vor vier Wochen ging er seiner Arbeit nach und war abends müde, setzte sich vor den Fernseher und ging dann ins Bett. Seit vier Wochen fällt diese Tätigkeit, die seinen Tag ausgefüllt und seine ganze Energie gebraucht hat, weg. Jetzt ist er plötzlich den ganzen Tag daheim und hat da kaum etwas zu tun oder mag da kaum etwas tun oder weiss nicht, was er da tun könnte? Er hat plötzlich viel Zeit und weiss vielleicht kaum etwas mit sich anzufangen? Vielleicht war er durch seine bisherige Arbeit so in Anspruch genommen, dass er jetzt gar nicht mehr richtig spürt, was ihm gut tut, worauf er Lust hat, was ihm Freude bereitet? Vielleicht ist er aber auch noch zu erschöpft und braucht noch etwas Zeit? Vielleicht sucht er in eurem Daheim nun seinen Platz und Arbeiten oder Aufgabenbereiche, die er auf seine Weise erledigen kann, möchte wirksam und nützlich sein?
    So wie du das Verhalten deines Mannes beschreibst, bekomme ich den Eindruck, dass es ihm auch nicht besonders gut geht. Er wirkt unzufrieden und lässt es an dir aus. In unserer Kultur ist es ein weit verbreitetes Phänomen, dass wir glauben, andere seien an unseren Gefühlen schuld. Statt in uns hineinzuhorchen und zu gucken, wie es uns wirklich geht und was wir eigentlich bräuchten und Ideen zu sammeln, wie wir uns das erfüllen könnten, machen wir andere für unsere Unzufriedenheit, für unsere Unsicherheit, für unsere Ängste, für unsere Trauer oder für unseren Ärger verantwortlich und versinken allzu oft in Ohnmacht und Groll.
    Ich denke, ihr beide, du und dein Mann, stehen da vor einer ganz schönen Herausforderung – einer neuen Lebensaufgabe, nämlich euer gemeinsames Leben neu zu ordnen und zu gestalten. Es stellen sich da Fragen wie:
    Welche Aufgaben oder Aufgabenbereiche übernehmt ihr beide neu daheim? Wer macht was alleine auf seine Art und was macht ihr gemeinsam
    Wer hat in welchen Bereichen Stärken? Wer kann welchen Beitrag im gemeinsamen Alltag leisten?
    Wie viel persönliche Zeit braucht ihr für euch selbst? Wie viel gemeinsame Zeit? Wie viel Nähe und wie viel Distanz ist für jeden von euch angenehm?
    Worauf hast du, worauf hat dein Mann ausser Haus Lust? Welchen Interessen, Hobbies, Gemeinaufgaben etc. möchtet ihr nachgehen? Was macht ihr alleine, was gemeinsam?
    Was erfüllt und belebt mich? Was gibt meinem Leben Sinn? Was wollte ich schon immer einmal machen?
    Ich wünsche dir und deinem Mann Zuversicht, Offenheit, Mut, Ideenreichtum und Kraft, um diese Fragen, so wie es meine Vorschreiberinnen schon vorgeschlagen haben, in gemeinsamen Gesprächen zu klären und grüsse dich herzlich

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