Fieberhaftes Geflüster

Eveline Keller, 27.11.2020

Eveline Keller
Eveline Keller

Wie lange kann ein Mensch in der Hitze überleben? Zwei Stunden, ein Tag, oder sind es nur Minuten? Verdurstet man oder versagen vorher die Nieren? Jedenfalls kein schöner Tod, schiesst es mir durch den Kopf. Da war doch dieser Krimi, bei dem das Opfer in eine Sauna eingesperrt wurde. Langsam kriecht mir eine Gänsehaut über den Rücken, hinauf bis zum Kopf. Mich schaudert. Chill mal! Versuche ich, mich zu beruhigen. Der rote Knopf für Notfälle befindet sich gleich vor mir, in Griffnähe.

Ein Röcheln lässt mich herumfahren. Wenigstens bin ich nicht allein. Die Stirn krausgezogen vor Anstrengung, um das Dämmerlicht zu durchdringen, gebe ich mir Mühe, in der Tiefe des Raumes etwas zu erkennen. Aber umsonst. Stöhnend wende ich mich ab. Ich brenne. Meine Haut ist eine einzige Hitzeempfindung. Es ist fast nicht zum Aushalten. Wie zur Antwort höre ich ein Seufzen aus den Dampfschwaden. Begleitet von fieberhaftem Geflüster. Ein Greinen und Winseln ertönt und mündet in ein rhythmisches Oohm. Wer hält das aus?

Da! Eine Hand reckt sich aus dem schummrigen Dunkel. Mein Atem stockt. Scheinbar körperlos kommt sie näher. Ergreift neben mir die Schöpfkelle. Sie füllt sich gurgelnd mit Wasser. Dann schwingt sie ruckartig hoch, haarscharf an mir vorbei. Ergiesst den Inhalt über die Steine des wummernden Ofens. Hektisch zischend verdampfte es. Auch das, nehme ich seufzend hin. Ergeben neige ich den Kopf auf die Brust. Die Hitze sinkt in mich hinein, durchdringt meine erkälteten Knochen. Danke, murmelt jemand, ein anderer grochtst zustimmend.

Inzwischen haben sich meine Augen an das wenige Licht gewöhnt. Die obere rechte Ecke belegt ein gelenkiger Yoga-Master im Schneidersitz. Etwas weiter vorne sitzt ein Buddha-ähnlicher Mann, unter dessen Gewicht die Holzstiege knarrt. Er streicht sich beständig mit einem Massagelappen über seine Extremitäten. Ihm zugewandt kauert seine flüsternde Partnerin. Sie wispert, gluckst und hastet weiter in ihrem Bericht, verständlich nur für ihn.

Die Hand ist wieder verschwunden. Im mageren Licht, des von Hitze und Staub vergilbten Lampenscheins nehme ich eine ungewöhnliche Bewegung wahr. Ich blinzle, der Schweiss tropft mir in die Augen. Fächelt da jemand mit dem Tuch? Nein. Es sieht eher aus wie ein Handgemenge, um den Besitz der Schöpfkelle. Eine Rauferei! Hier? Schon trifft Holz auf Kopf, es tönt dumpf und unheimlich. Erneut sehe ich das massive Stück niedersausen. Ich schreie. Aber ich kriege keinen Ton heraus. Ich japse. Hilfe! Schreit es in mir. Ich reisse die Arme hoch. Und lande unsanft auf dem harten Boden. Um mich herum stehen lauter leere Liegestühle. Die Bade-Aufsicht steht lächelnd vor mir: «Haben Sie geträumt? Übrigens, wir schliessen in zehn Minuten.»

«Grund Gütiger», murmle ich, rapple mich auf und sammle hastig meine Sachen zusammen. Beim Vorbeigehen gleitet mein Blick automatisch zur Sauna, die nun weit offen steht. Der Raum ist leer. Die Schöpfkelle liegt verloren auf der untersten Bank. Mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich den Wellnessbereich.

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