Fortsetzungsroman: Die Kirschen in Nachbars Garten

Julia Onken, 18.08.2022

Von Treue- und anderen Brüchen

Julia Onken
Julia Onken

1. Wie ein Wolkenbruch vom Himmel fällt und Vergangenes freispült
2. Wie sich schiffbrüchige Helferinnen für Bruchbrüder aufopfern
3. Wie Bruch reden beim Talken unvermeidlich ist und wie hemmungs- und kabellos unter dem Hag durchgefressen wird
4. Wie Zeitbrüche Seitensprünge begünstigen und Familienserien Bruchstellen kitten
5. Wie Worte in eheliche Festungen einbrechen und Wortbrüche zur Wirkung gelangen
6. Wie sich ein alltäglicher Ehebruch verselbständigt und sich ein Nachspiel anbahnt
7. Wie sich außereheliches Fruchtwasser vorzeitig ergießt und die Vernunft davonschwimmt

Auszug aus dem Buch "Die Kirschen in Nachbars Garten", erhältlich im Bücher-Shop:

1. Wie ein Wolkenbruch vom Himmel fällt und Vergangenes freispült

Brand auf Schloss Ripsen: Das Feuer brach nach Mitternacht in der Kapelle aus, von wo es sich rasch zum angebauten Schloss ausbreitete, das bis auf die Grundmauern abbrannte. Obwohl die Feuerwehr sofort zur Stelle war, konnte sie des heftigen Unwetters wegen nichts retten. Der Schaden beläuft sich auf mehrere Millionen. Personen kamen nicht zu Schaden.

Diese kurze Zeitungsmeldung trifft mich wie ein Schlag, als ob ich soeben erfahren hätte, dass einer mir sehr nahestehenden Person etwas Schreckliches zugestossen sei. Da hier die deutschsprachigen Zeitungen stets mit grosser Verspätung eintreffen, kann ich mir ausrechnen, dass das Unglück bereits vor einer Woche geschehen sein muss. Und das macht das Ganze noch schlimmer. Da liege ich also in heiterer Frühlingssonne, verschlinge ein Buch nach dem anderen, lese mich neugierig durch Frankreichs historische Liebes- und Fremdgeh-Affären, schlendere genüsslich durch die Jahrhunderte, umringt von meiner inzwischen vierköpfigen Hundefamilie, und wähne mich rundum zufrieden. Meinen beiden Töchtern geht es gut, mir ebenfalls. Felix ist wie immer wohlauf und allzeit bereit, seinem losen Mundwerk freien Lauf zu lassen, was mich meist amüsiert, gelegentlich nervt und ganz selten in Rage bringt, zur grossen Verwunderung einer meiner geschätzten Freundinnen, die jedesmal tief Luft holt und ihren Blick zum Himmel richtet. Während Schloss Ripsen also lichterloh brennt und zugrunde geht, geniesse ich ahnungslos das Leben.

Zuerst rufe ich einige Freunde und Bekannte an, um Näheres zu erfahren. Niemand weiss Bescheid. Ich suche in alten Agenden nach der Telefonnummer des nahe gelegenen Gutsbetriebes. Die Nummer hat sich geändert. Neunstellig. Die französische Auskunft ist überfordert. Nach langem Hin und Her bekomme ich eine Verbindung.

„Ja?“ Wanda meldet sich leise, tonlos, unverändert.

Als ich ihr meinen Namen sage, weiss ich nicht, ob sie sich an mich erinnert. Schliesslich ist es schon einige Jahre her.

Das Schloss sei tatsächlich bis auf die Grundmauern niedergebrannt, bestätigt sie knapp. Zwei grosse Nebengebäude, die früher als Stallungen dienten, und der Gutsbetrieb seien unbeschadet.

„Und was ist mit den Menschen? Wo sind sie?“

„Ich weiss nicht.“

„Du weisst nicht, wo Raina und Hubertus sind? Schwester Antonia, Sophia und Laura?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Dann ist die Leitung unterbrochen. Vielleicht hat Wanda einfach eingehängt.

Felix geht schnell zur Tagesordnung über. Er will unbedingt in den nächsten Tagen das grosse, mit Rundbogen und imposanten Säulen gehaltene Kellergewölbe unter der Küche freischaufeln. Obwohl mehr als genügend Kellerräume zur Verfügung stehen, will er auch diesen zugänglich machen. Er hofft, jene geheimnisvollen unterirdischen Gänge zu finden, die durch das ganze Dorf führen sollen und alle Häuser miteinander verbinden. Nicht zuletzt für heisse Tage, wie er sagt, um mit seinen Kumpanen einen zu saufen, oder um Musik zu hören, tief gekühlt, im Sommer.

Ich halte das Ganze für eine Schnapsidee.

Während Felix herumhackt und schaufelt, versuche ich, an meiner psychologischen Studie weiterzuarbeiten, welche die Hintergründe von Treue und Untreue in der Partnerschaft aufzeigen soll. Dass Menschen fremdgehen, ist eine alte Kiste. Männer und Frauen fressen über den Hag, naschen an verbotenen Früchten, mehr als zwei Drittel der Männer springen regelmässig in fremde Betten, Frauen haben seit der Erfindung der Pille in der Konsumierung aushäusiger Liebschaften gehörig zugelegt und sind nicht mehr weit von der in jeder Beziehung angestrebten Gleichstellung von Mann und Frau entfernt. Statistische Angaben übers Fremdgehen sind zwar nicht einheitlich, es finden sich Ergebnisse von harmloseren 38 Prozent bei Frauen, 42 Prozent bei Männern bis zu beunruhigenderen 64 Prozent beziehungsweise 73 Prozent. Dieses Gebiet statistisch zu erfassen, scheint nicht ganz einfach zu sein. Auch heute werden Seitensprünge verheimlicht, die Akteure sind im Schummeln geübt. Weshalb sollten sie auch bei einer Befragung für statistische Zwecke nun plötzlich die Wahrheit sagen. Ich will zwar keine repräsentative Umfrage machen und statistisch auswerten, aber ich versuche, mittels Interviews und einem Fragebogen den Gründen nachzugehen, die Menschen dazu veranlasst fremdzugehen, welcher Motor sie zum Auf- und Ausbruch aus Sicherheit und geordnetem Glück antreibt. Ebenso interessiert es mich zu erfahren, welche Gründe bei denjenigen mitspielen, die nicht fremdgehen, niemals auch nur im Traum daran denken, oder jenen, die sich per Phantasiereisen kleine imaginäre Sex­Delikatessen gönnen. Fremdgehen oder zu Hause bleiben, betrogen werden oder selbst betrügen: unterschiedliche Rollen, unterschiedliche Perspektiven. Jede Position spiegelt die Gegenposition. Klare sprachliche Verhältnisse: Opfer-Täter. Ich kenne mich in allen Rollen bestens aus, kenne die unterschiedlichen Phasen. Die eine Seite der dramaturgischen Abfolge zeigt die typische Ausweglosigkeit: Ahnungslos glücklich in der Beziehung- schleichende, böse Vermutungen - aus allen Wolken fallen - Auftakt zum grossen Martyrium

„Ich arme Betrogene“ - sie oder ich - ich will ihm verzeihen und es nochmals versuchen - Teufelskreis: hoffen, enttäuscht werden, misstrauen, hoffen ... - detektivisch nachspionieren, observieren, das Handtuch werfen. Die andere Seite nicht minder trostlos: Ein heimlicher Blick erhellt das Hausfrauendasein - Phantasien stürmen aus allen Ritzen - Endlich! - siebenter Himmel - sechster Himmel - fünfter - vierter - und so weiter ... Abgefahren in die Hölle. Bis auf wenige Ausnahmen.

Ich bin froh, den Fragebogen meiner Fremdgeh-Umfrage bald abzuschliessen, die noch nächste Woche zum Versand kommen soll.

Die Gedanken wollen mir nicht mehr richtig gehorchen, und ich kann an beinahe nichts anderes mehr denken: Schloss Ripsen ist abgebrannt. Weshalb erwischt mich diese Nachricht mitten im Zentrum, dort wo der empfindlichste Nerv sitzt? Schliesslich habe ich mit alledem nichts mehr zu tun! Habe mein Leben, meine Arbeit verändert, wohne seit langem in einem anderen Land. Und dennoch hat die Unglücksnachricht mitten im Wohnzimmer Platz genommen.

Könnte ich, wie Felix, nach irgendeinem unterirdischen Gang fahnden, einer hirnverbrannten Idee nachrennen, etwas umhacken, ausbuddeln, zersägen oder so, wären die Brandbilder eventuell kleinzukriegen. Frauenmöglichkeiten indessen sind beschränkt: in die Stadt fahren, Schuhe kaufen, Seidenblusen und schöne schwingende Röcke in neuen Frühlingsfarben anprobieren, die mir wahrscheinlich alle zu eng sind, in Drogerien herumschleichen und nach neuen Schlankheits- Wunderkuren Umschau halten oder in einem Modeschmuckladen zuschlagen. Bewusstloskaufrausch. Vergessen. Nichtwissen. Nichts können. Nur sich schmücken. Und herausputzen.

Gegen Abend wird mir klar, dass ich zum Unglücksort fahren muss, um mich mit meinen eigenen Augen davon zu überzeugen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung. Der Schaden könnte wieder behoben werden, ja, vielleicht kann das historische Schloss nach altem Vorbild wieder aufgebaut werden. Noch schöner. Und vollkommener als vorher. Bauliche Mängel, die sich im Laufe der Nutzung als Tagungshotel herausgestellt hatten, könnten eliminiert werden: Seminarräume mit schalldichten Mauern und Türen, Trennwände für kleine Gruppenarbeiten, alle Zimmer komfortabler und mit sanitären Einrichtungen versehen.

Beim Nachtessen frage ich Felix: „Kommst du mit mir ans Ende der Welt?“

„Selbstverständlich! Vor oder nach der Tagesschau?“

„Ich will zum abgebrannten Schloss Ripsen fahren.“

Am nächsten Morgen bringen wir unsere Schäferhunde zur Hundepension. Sie wedeln schon freudig in der Einfahrt. Dann springen sie zur Begrüssung an der zierlichen Madame hoch. Gut. Als wir dann gehen, wird heftig gebellt und gejault.

Es regnet Bindfäden. Wasserfontänen spritzen. Felix schweigt. Er fährt konzentriert und ist damit beschäftigt, trotz des heftigen Regens zügig zu fahren.

Seit mich die Unglücksnachricht erreicht hat, hängt sie als dunkle Gewitterwolke über allem. Die Vorbereitung für den überstürzten Aufbruch hatte mich noch etwas abgelenkt. Ebenso mit jenen Menschen zu sprechen, die sich während unserer Abwesenheit um das Haus kümmern. Erklärungen abgeben. Weshalb. Wohin. Der Hundeabschied, der jedesmal wieder neu unter die Haut fährt und die Emotionen in jene wehe Seelennische jagt, die im Moment ohnehin aufgeweicht ist. Aber dann, als wir fahren, droht sie, die ganze Landschaft zu überfluten. Augenverschluss. Alles dichtmachen. Atmen, soviel wie nötig, hören nur noch, weil Ohrmuscheln nicht abschliessbar sind. Dass Menschen etwas zustossen kann, sie plötzlich krank werden, einen Unfall haben oder sterben, damit rechnet man schliesslich, sie sind wie Schiffe, immer unterwegs, immer in Gefahr. Sie bewegen sich von einem Ort zum anderen, keine Wurzeln, die sie tausendfach zusammenhalten, verankern, kein dickmauriges Bollwerk, tief in der Erde eingegraben.

Schloss Ripsen, nie habe ich damit gerechnet, dass es niederbrennt, einfach verschwindet, in ein grosses gähnendes Loch fällt. Ich dachte, es sei ewig, ewig wie der liebe Gott - und beständig. Und dann überspült mich dieser verfluchte süssliche Herzschmerz, dieser verdammte Kitschstich mitten ins Herz, und ich beginne laut zu schluchzen.

„Könntest du vielleicht deine Hysterie etwas zügeln?“ fragt Felix sehr sachlich. Aus dieser Äusserung schliesse ich, dass er vom Ausmass meiner Betroffenheit nichts ahnt. Nicht dass Felix grundsätzlich gegen Tränen eingestellt wäre. Nein. Noch vor wenigen Wochen weinten wir gemeinsam. Wir mussten unseren Schäferhund Rony wegen einer Vergiftung in die Klinik einliefern. Und als wir ohne Hund zurückfuhren, heulten wir beide Rotz und Wasser.

„Was ist der Unterschied zwischen einem Hund und einem alten Schloss?“ will ich von ihm wissen.

„Ein Schloss ist ein Haus, und ein Hund ist ein Tier“, antwortet er.

„ Und was ist der Unterschied zwischen einem Haus und einem Tier?“ forsche ich, ohne eine bestimmte Absicht zu verfolgen, assoziativ weiter.

Er lässt meine Frage in der Luft hängen, auch als ich nachhaken will, unterbricht er mich mit „Komm, lass das“. Die Fahrt dauert lange.

Nachdem wir die Grenze passieren, rechne ich aus, dass wir in etwa vier Stunden dort sein werden. Je näher wir kommen, umso grösser wird meine Aufregung. Und als wir dann den Berg hinauffahren, stockt mir der Atem. Früher war nach der dritten Kurve von weitem die erste Turmspitze zu sehen. Und nun irrt der Blick suchend und verloren durch die Baumwipfel. Wir biegen in den Seitenpfad ein, der zum Schloss hinunterführt, fahren langsam das letzte Stück durch den Wald, das vom Regen aufgeweicht ist. Und dann stehen wir plötzlich vor der abgesperrten Unglücksstelle, vor dem schwarzen Kraterloch; alles ist verschwunden, einfach weg, grosse Steinstummel noch, verkohlte Balken, schwarze Dreckhaufen. Nur hinter der grossen, wohl über hundertjährigen Tanne, ragt einsam der alte Fels zum Himmel hinauf, aus dem die Kapelle herausgehauen worden war. Angenagte Teile der vorderen Wand. Verloren. Bruchstückhafte Ahnung einer Fensternische.

Ich stehe fassungslos wie am Grab eines mir über alles geliebten Menschen.

Später gehen wir noch zum Gutsbetrieb hinüber. Kinder spielen auf dem Hof. Der Hund bellt. Wanda, hochschwanger, steht in der Küche und schabt an einer ziemlich vertrockneten Sellerieknolle herum. Sie unterbricht ihre Arbeit nicht, als wir eintreten. Wir stehen etwas unbeholfen da. Ich frage nochmals, will mehr erfahren. Sie habe keine Ahnung, wo sich die ehemaligen Bewohner des Anwesens aufhielten, auch wisse sie nicht, wie das alles geschehen konnte. Lediglich Thorwald, der Hausmeister, wohne vorläufig bei ihnen. Wanda war schon immer wortkarg. Trotz ihrer eher spröden und zugeknöpften Art pflegte sie eine herzliche und langjährige Freundschaft zu Raina, der Frau des Zentrumleiters. Dennoch ist von ihr nichts zu erfahren.

Wir übernachten bei Freunden, die in der Nähe wohnen und ausser der Pressemeldung ebenfalls nichts Genaues wissen.

„Wie kann denn mitten in einer steinernen Kapelle Feuer ausbrechen?“ grüble ich.

„Ganze Städte brennen ab. Das ist eben so“, erklärt Felix.

„Nein. Das ist eben nicht einfach so. Wie ist es möglich, dass ein siebenhundert Jahre altes Steinschloss einfach brennt, bis nur noch Schutt und Asche übrigbleiben?“

„Schatz, entlass es aus deinem Hirn und vergiss es.“

Ein guter Rat. Wie etwas aus sich herausbringen, das sich schon in jeder Zelle eingenistet hat.

Schloss Ripsen hatte immerhin über lange Jahre eine Schlüsselstellung in meinem Leben eingenommen. Alle wichtigen Ereignisse hatten etwas mit diesem Ort zu tun.

In meinen jungen Jahren verbrachte ich viele Wochenenden dort, in analytischen Selbsterfahrungsgruppen, schreienden Primärtherapiegruppen, Encountergruppen oder was sonst gerade in Mode war. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung. Verbotstafeln wurden niedergemäht. Tabus beherzt abgesetzt. Wir rissen unbeeindruckt die Schleier wohlgehüteter Geheimnistuerei herunter, fegten·alles Umhüllende weg und entblössten das Mysterium der Sexualität. Es war die Zeit, i der jeder und jede an jeder und jedem herumknabberte, saugte, lutschte, tätschelte, zupfte, kniff, streichelte, schnüffelte, roch, leckte und jeder Mann jede körperliche Vertiefung als Aufforderung verstand, sich mittels seines Geschlechts luststöhnend hineinzubohren. Es war die grosse Zeit der Vereinigung körperlicher Säfte, Ausdünstungen, Ausscheidungen und Sekretvermischungen. Therapeuten fungierten nicht selten als die grossen Gourmetköche, als Kenner erotisch-exotischer Kochkünste, ob der asiatischen oder irgendeiner anderen morgenländischen Küche. Sie schritten wacker voran und waren dann prompt auch die ersten, die unter ehelichen Blähungen und Partnerschaftsverstimmungen litten.

Es war eine grosse Zeit. Wir waren voller Hoffnung. Wir wollten Berge versetzen und alle und alles lieben. Jene bedauerten wir zutiefst, die an völlig überalterten, lebens- und lusthindernden Begriffen wie etwa der Treue in Ehe und Partnerschaft festhielten.

Dann lernte ich schliesslich Sebastian kennen, das heisst, er schlug wie ein Blitz ein. Da ich gerade dabei war, in meinem ehelichen Dasein zu vertrocknen, brannte ich lichterloh. Und wie das so oft bei Menschen zu finden ist, die sich von Berufs wegen um die Psyche anderer Menschen kümmern, hatte auch ich keine Ahnung, was mit mir passierte. Wahrscheinlich hätte es mich einfach in die Luft gejagt, wäre explodiert, hätte ich nicht durch das Schreiben ein Ventil entdeckt, den seelischen Überdruck aus den Herzkammern abzulassen. Ich schrieb mich durch die Krise, hielt mich schreibend über Wasser; ich entdeckte das Schreiben als Selbsttherapie. Schliesslich ist Schreiben die älteste Therapieform. Das von vielen belächelte Tagebuchschreiben ist nichts weiter als tägliche Psychohygiene, wie Zähneputzen. Damit sich kein Belag auf der Seele bildet und die Fenster verdreckt.

Nach Beendigung meiner psychologischen und psychotherapeutischen Ausbildung führte ich selbst Seminare durch, für Paare, die sich trennen, und solche, die es nochmals miteinander versuchen wollten. Später kamen noch Schreibseminare dazu. Ich versuchte zwei völlig unterschiedliche Ansätze miteinander zu verbinden, einen, der aus Elementen der Spracharbeit des Religionsphilosophen Herman Weidelener1 besteht, mit einem, der auf den Erkenntnissen aus der neueren Hirnforschung von Vera F. Birkenbihl aufgebaut ist. Dies ermöglicht zweierlei: erstens, Schreibblockaden zu lösen, und zweitens, einen direkten Zugang zu jenen psychischen Kellerräumen zu schaffen, wo Abgeschobenes und Ausgeschlossenes lagert. Oft genug entstanden dadurch nicht nur aussergewöhnliche Texte, verdichtet und frei von persönlichen und individuellen Überlagerungen, sondern im Dialog mit sich selbst auch Therapeutisches, das Verborgenes freischaufelte und die Dinge beim Namen nannte.

Schloss Ripsen war alles andere als komfortabel. Spartanisch eingerichtet, mit vielen Mängeln behaftet. Dennoch mein liebster Tagungsort. In meiner Erinnerung steht es unversehrt, gross und ernst und blickt auf eine schier unendliche Weite des Sees. Es gibt keinen Ort, wo der See so weit und geheimnisvoll ruht, den unendlichen Abgrund schweigend überdeckt. Wie eine uralte Seele liegt das grosse Wasser silbern schimmernd da, und die vergangene Zeit schaukelt verträumt in den Wellen. Und die Schlosskapelle ruhte in ihren zwei Meter dicken Mauem. In die Kapelle zog es mich frühmorgens, manchmal um fünf oder noch früher. Dann sass ich da. In eine dicke Wolldecke gehüllt, überlegte dies und jenes. Und je nachdem, zufrieden, mit einer winzigen Spur von Dankbarkeit, was eher selten vorkam, oder gefangen in einer typisch weiblichen Krisengeschichte, hadernd, fordernd, pendelnd zwischen sich als Opfer fühlend und ungeduldig als Handelnde nach Auswegen suchend.

Gelegentlich war die schwere Eichentüre zur Kapelle verschlossen. Obwohl ich mich immer wieder erkundigte, ab wann die Kapelle zugänglich sei, konnte ich nichts erfahren. Niemand wusste davon. Selbst der Hauswart behauptete, es gebe keinen Schlüssel. Trotzdem stand ich immer mal wieder vor verschlossener Tür.

2. Wie sich schiffbrüchige Helferinnen für Bruchbrüder aufopfern

Am nächsten Tag fahren wir wieder nach Hause. Auf der Rückfahrt hätte ich um ein Haar den Grosseinkauf im Bürocenter vergessen. Mir ist zwar nicht danach, aber Felix besteht darauf. -Schliesslich hätte ich ihn über Wochen damit genervt, dass ich mir endlich eine neue Hängeregistratur kaufen will.

Als wir vor den 36 verschiedenen Modellen stehen, verlässt mich unverzüglich meine sonst stets bereite Einkaufslust für sämtliche Büroeinrichtungs- und Organisationsgegenstände. Auch finde ich den Zettel mit den genauen Massen nicht mehr. Da die Registratur genau unter den Kamin in meinem Arbeitszimmer passen soll, kann ich den Kauf nicht tätigen. Felix war bereits verärgert, als ich den Kamin ausser Betrieb setzte: „Wie kann man nur so blöd sein!“

„In jedem Zimmer befindet sich einer, alle betriebsbereit. Davon werden höchstens drei in Funktion gesetzt. Und ich meine, das genügt.“

Felix wirft mir weibliche Unlogik vor. Und ich ihm männliche Mega-Unlogik. Dann streiten wir darüber, wer von uns beiden in logischem Denken stärker behindert sei. Schliesslich ziehe ich meinen Joker und werfe ihm vor, er sei ein seelischer Haudegen, Mitgefühl lasse grüssen: „Da komme ich fix und fertig von der Beerdigung meines allerbesten und wichtigsten Freundes, und du hast nichts anderes zu tun, als mich zusätzlich noch fertigzumachen.“

„Madame schnappt wohl noch ganz über! Was sollen die Menschen sagen, denen ihr gesamtes Hab und Gut zusammengebombt wurde! Du hingegen hast nicht eine Bleistiftspitze verloren, sondern lediglich das Bühnenbild deiner Erinnerungen!“

Ein Verkäufer nähert sich und fragt in jenem wohlbekannt freundlichen Ton versteckter Nötigung, ob er uns behilflich sein könne. Bevor Felix, der bereits für einen gezielten Gegenschlag Luft geholt hat, ansetzen kann, sehe ich ein Sonderangebot von praktischen und stabilen, farbig beschilderten Archivschachteln. Ich schlage zu. 50 Stück. Felix staunt. Und ärgert sich wie üblich. Er kann sie kaum im Auto unterbringen.

Trotz allem fahre ich ziemlich aufgeräumt nach Hause; die 50 Archivschachteln im Auto geben mir das gute Gefühl, nicht nur die hoffentlich zahlreich beantworteten Fremdgeh-Fragebogen archivieren, sondern zudem alte Unterlagen endlich anständig ordnen zu können.

Eigentlich wollten wir direkt auf dem Heimweg unsere Hunde in der Pension abholen. Wegen der Archivschachteln ist das aber nicht möglich, und wir landen wieder, wie schon oft, bei der Frage, ob wir uns nicht besser trennen sollten. Während ich die 50 Archivschachteln im Haus verschwinden lasse, fährt Felix nochmals alleine los. Zugegeben, weniger als die Hälfte hätte durchaus genügt. Aber da waren die schönen Farben. Das Sonderangebot. Ich versuche, die Archivschachteln in meinem Arbeitszimmer zu stapeln, was ziemlich schwierig ist. So schichte ich sie in den Kamin.

Ich wollte Felix' Rat folgen. Einen Schlussstrich unter die alte Geschichte ziehen.

Doch ehe ich mich versah, packten mich die Ereignisse erneut beim Schopf und zogen mich in die Vergangenheit zurück. Ich geriet in ein Netz von Fragen, verfing mich darin, versuchte zu ordnen und Antworten zu finden. Während Felix sich immer tiefer in sein Kellerloch hineinbaggerte, geriet mein inzwischen geordnetes Leben aus den Fugen und schleuderte mich zurück. Jahrzehntedicker Bodensatz wurde aufgewirbelt, alte Bilder lebten auf und vermischten sich mit neuen Geschehnissen. Ich stolperte über Lebensverstrickungen, über jene unterirdischen Gänge geheimer Liebesverbindungen, die mir meine psychologische Fremdgeh-Studie so farbig illustrierte, dass mich zuweilen die Geschichten stärker faszinierten als meine theoretische Arbeit.

Die Sache mit dem abgebrannten Schloss hängt wie Nebel in grossmaschigen Wollkleidern. Ich bemühe mich täglich, einen Schlussstrich darunter zu ziehen, nicht mehr daran zu denken. Theoretisch weiss ich selbstverständlich, dass es nicht funktionieren kann, nicht an einen rosaroten Elefanten zu denken, ohne dabei ständig an einen rosaroten Elefanten zu denken. Mit jedem Willensimpuls, einem ganz bestimmten Gedanken nicht nachzuhängen, muss zuerst das Erinnerungsprogramm „rosaroter Elefant“ in Gang gesetzt werden. Dadurch wird das Unerwünschte intensiv belebt. Je mehr ich mich darum bemühe, nicht daran zu denken, um so deutlicher werden die Erinnerungsbilder.

Irgendwann wird mir klar, dass es wohl besser wäre, mich gezielt mit dem rosaroten Elefanten zu beschäftigen, mit einem Stapel rot etikettierter Archivschachteln in den Speicher zu gehen, um in den vielen alten Kartons, die ich beim letzten Umzug mit Schnüren zusammengebunden hatte, nach jener Zeit zu suchen, die irgendwo unter tausend anderen Unnützlichkeiten vergraben liegt. Ich will sämtliche Tagungs- und Seminarunterlagen, die vielen Texte aus den Schreibseminaren, die auf Schloss Ripsen entstanden sind, heraussuchen und datenmässig ordnen. Vielleicht gelingt es mir, auf diese Art und Weise die Vergangenheit zu erledigen und damit loszuwerden.

Ich bin in meinem Leben zwölfmal umgezogen. Verschiedene Vergangenheiten platzen aus den von Feuchtigkeit aufgeweichten Kartons und ergiessen sich auf den staubigen Speicherboden. Zurückstauen. Zusammenschnüren. Dann nach jenen Kartons fahnden, in denen die alten Seminar- und Tagungsunterlagen untergebracht sind. Dabei kracht der eine oder andere Karton vollends auseinander. Und plötzlich liegen vier dicke Ordner halb geöffnet vor meinen Füssen. Ich erkenne sofort die zierliche, feingeschwungene Schrift von Sebastian. Es gibt nichts mehr zu ordnen, da schon alles fein säuberlich nach Datum eingereiht ist. Trotzdem nehme ich es und beginne darin zu lesen. Und eh ich mich versehe, bin ich mitten in der Vergangenheit angekommen, in der Schloss­Ripsen-Zeit.

Die Liebschaft mit Sebastian war eine Verrücktheit. Sie traf mich wie ein Hammerschlag. Vielleicht aber brauchte es diesen gehörigen Stoss, der mein Leben verrückte, durcheinanderbrachte, aus den Angeln hob und mich aus einem festgefahrenen System heraussprengte.

Es fing ganz harmlos mit einer Tagung an: ,,Eingeschlossen - Ausgeschlossen“. Randgruppen zu mobilisieren war damals der grosse Renner unter den helfenden Berufen. Ein Psychotherapeutenteam, ein Sozialarbeiterteam, ein Soziologenteam, ein Psychiaterteam, Pfarrersleut' und Ärzte, ein Grossaufmarsch von Helfern, alle spezialisiert auf die Resozialisierung Straffälliger. Zahlreiche Vorbesprechungen, Endlossitzungen, ganze Projektwochenenden gingen voran. Dann war es soweit. Aus verschiedenen Nacherziehungs-, Umerziehungs- oder anderen Entzugsanstalten wurde die Klientel angekarrt. Für die Straffälligen bedeutete es, ein Wochenende ausserhalb der Gefängnismauern zu verbringen, und sie nahmen dabei den „Resozialisierungszirkus“ in Kauf. Sebastian nahm ebenfalls an der Tagung teil. Ich lernte ihn am Abend beim vergnüglichen Unterhaltungsteil kennen. Er verwickelte mich sofort in ein Gespräch, das er alleine bestritt. Er hielt weder etwas von dieser Tagung, noch von uns, die wir diese Tagung leiteten. Er hielt grundsätzlich von Psychologen, Psychiatern, psychotherapeutischen Ärzten, Theologen, Sozialarbeitern und -pädagogen nichts, rein gar nichts, wie er immer wieder versicherte. Diese hätten ja wohl den grössten Sprung in der Schüssel - sonst hätten sie sich andere Berufe ausgesucht und wären entweder Piloten, Gärtner oder Krankenschwestern geworden. Da ich nicht zu Wort kam, konnte ich ihm auch nicht bei gewissen Überlegungen zustimmen, was ich gerne getan hätte, besonders was den Knacks in der Schüssel betraf. Einige meiner Kollegen waren mir tatsächlich ebenfalls äusserst suspekt, und ich hätte sie nicht meinen ärgsten Feinden weiterempfohlen. Und auch an meinen eigenen Fähigkeiten zweifelte ich nicht selten.

Die Tagung verlief mehr schlecht als recht. Aber wir Psychohelfer und -helferinnen waren stolz auf diese neue Art, Resozialisierung zu betreiben, und verbuchten bereits den windschiefen Versuch als Erfolg auf unserem narzisstischen Konto. Nach dieser Tagung wollte Sebastian in Therapie. Er brachte drei Therapeuten zur Strecke, sie warfen das Handtuch und gaben den Fall weiter. Dann landete er kurz vor seiner Entlassung bei mir. Er kam in die erste Stunde und brachte mir einen Kaffee mit: „ So. Das hätten wir geschafft. Es war gar nicht so einfach, an die richtige Adresse zu gelangen!“ Sebastian erschien in seinen Privatkleidern und nicht wie die anderen in der Anstaltskluft. Er sah aus, als ob er gerade in einem Tennismatch, aus dem er als Sieger hervorgehen würde, eine kurze Pause machte. Ich freute mich nicht nur über den Kaffee, sondern ebenso über diesen herrlichen Anblick, neben den anderen, die alle in diesen abscheulichen Anstaltstrainingsanzügen steckten. Es gibt wohl nichts Entwürdigenderes als einen Strampelanzug für erwachsene Männer. Wie kann ein Mensch ein einigermassen klares Bewusstsein entwickeln, wenn äusserlich alles schlampt und lottert? Selbstverständlich wollte Sebastian keinerlei Hilfe: „Wer soll mir helfen? Ich werde mit der stolzen Summe von 625 Franken entlassen! Damit lässt sich eine tolle Zukunft planen. Das einzige, was mir helfen könnte, wäre eine reiche Frau. Leider führt das ausgeklügelte sonderpädagogische Nacherziehungsprogramm nichts dergleichen in seinem Resozialisierungsangebot. Stimmt's? „ Und dabei zwinkerte er mir zu. Er bestritt die übrigen drei Sitzungen. Im Alleingang. Wortgewandt. Sezierte und analysierte den Leerlauf im Anstaltsbetrieb, rechnete vor, dass jeder Gefängnisplatz pro Tag teurer sei als ein Tag auf der Intensivstation. Ebenso minutiös rechnete er vor, dass der Staat für dieses Geld jedem Strafgefangenen einen exquisiten Sex-Service bieten könnte. „Wenn schon Resozialisierung, dann bitte ganzheitlich!“

Er malteI sich und mir aus, wie jeden Nachmittag ein Stadtbus die Damen bringen würde. „Die Girls wären weg von der Strasse. Saubere Arbeitsbedingungen. Bezahlung erfolgte direkt über die Staatskasse und nicht indirekt über gezinkte Spesenabrechnungen unserer Herren Politiker. Der Jahresumsatz für legale Prostitution in der Schweiz beträgt 2,7 Milliarden, die illegale wird auf das Dreifache geschätzt.“

Ich kam so gut wie nie zu Wort. Er brachte mir zu jeder „Therapiestunde“ einen Kaffee mit - im Zahnputzglas. Dann wurde er entlassen und verschwand aus meinem Leben. Vorläufig.

Mein Leben verlief wie zuvor. Im ehelichen Arrangement, im freundlichen, aber freudlosen Miteinander. Die Essenszeiten wurden noch eingehalten. Verwandtschaftsbesuche. Familienfeste. Die intimen Freuden indessen waren beiderseits ausgelagert. Nicht ohne dass ich mich vorher nach Frauenart bei Freundinnen als typisches Frauenopfer ausgiebig ausgekotzt, ausgeweint und emotional wieder vollgetankt hatte. Wie es eben Frauen so machen. Hätten wir nicht unsere Freundinnen, würden wir unsägliche Beziehungen früher aufgeben. Ich war mit Freundinnen und in Frauengruppen intensiv damit beschäftigt, für die einst so grosszügig gutgeheissene und vertretene partnerschaftliche Freizügigkeit ein Mindestmass an Verbindlichkeit zurückzufordern. Und plötzlich hörte ich mich selbst nach jenen mir vormals zutiefst verhassten Eigenschaften wie Treue, Beständigkeit und Verlässlichkeit rufen, die ich immer bekämpft hatte. Ich war mir damals absolut sicher gewesen, niemals in die verhängnisvolle Rolle der verbitterten Ehefrau zu geraten. Bevor ich noch meine Gedanken zu Ende gedacht hatte, war ich selbst darin gelandet.

Aber ich hatte meinen Beruf. Unterstützende, pflegende und fürsorgerische Berufe sind sehr beliebt, um eigene Defizite durch helfendes Tun am anderen auszugleichen. Gut. Man ist zwar nicht auf der Empfängerseite, wird weder umsorgt noch verhätschelt. Aber man ist wenigstens mit dabei. Wenn auch auf der Gegenseite. Irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf. Depressionen sind bei Menschen in helfenden Berufen deshalb oft anzutreffen. Meine depressiven Phasen kamen immer um Weihnachten. Das ist doch klar, belehrte mich eine Bekannte, die sich mit Esoterik beschäftigte: Die Tage werden kürzer. Die Nacht länger. Da wird es in der Seele ebenfalls dunkler. Eine Psychokollegin hingegen meinte: Nichts weiter als graue Kindheitserinnerungen. Ein befreundeter Psychiater gestand, dass es ihm genauso ergehe. Er könne alles ertragen, nur nicht, wenn seine Praxis geschlossen sei: „Da fehlt mir der dankbare Glanz in den Augen meiner Patienten.“

Mir fehlte er ebenfalls, und ich arbeitete deshalb besonders viel. Sondereinsätze zwischen Weihnachten und Neujahr gaben mir das wunderbare Gefühl zu existieren: Ich werde gebraucht, also bin ich.

Seit Sebastian entlassen worden war, hatte er bereits dreimal privat bei mir angerufen. (Weiss der Teufel, woher er meine Telefonnummer hatte.) „SOS, ich brauche dringend einen Psychiater!“ Auf diesen billigen Trick fiel ich natürlich nicht herein, wimmelte ihn ab und gab ihm Adressen von Kollegen, die er selbstverständlich nie aufsuchte.

Obwohl ich nicht in den alten Briefen zu lesen beginne, sondern nur darin herumstöbere, steigt die Vergangenheit so lebendig vor mir auf, wie wenn sich alles gestern zugetragen hätte. Vor allem wird jene emotionale Landschaft wieder sichtbar, in der ich mich über Jahre versuchte, möglichst geschickt zu bewegen, um nicht in topographische Fallen hineinzugeraten. Ich sehe mich mit riesigen Schritten über den tiefverschneiten Gefängnishof vom Verwaltungsgebäude zum Zellentrakt hüpfen. Völlig unerwartet verhängte sich in den frühen Mittagsstunden der türkisblaue Himmel mit dicken weissen Wolken und warf in grossen Fetzen Unmengen Schnee herab. Drei Gefängnisinsassen waren damit beauftragt, den ganzen Nachmittag lang die Wege von den Schneemassen zu befreien. Trotzdem gelang es ihnen nicht, den Gehsteig schneefrei zu halten. Der kalte Schnee steigt über den Ausschnitt meiner Schuhe. Unterwegs treffe ich noch Max aus Zelle 14, bitte ihn, mir das dickste und wärmste Sockenpaar, das er besitze, in die abendliche Gruppensitzung mitzubringen, und ausserdem Zeitungen für die Trockenlegung meiner Schuhe. Ich steige die kahle Treppe empor, den unendlich langen, schnurgeraden Zellengang entlang, jeder Schritt vom diskreten Seufzer meiner nassen Schuhe begleitet. Alle Gruppenteilnehmer sind bereits anwesend. Sie haben alles vorbereitet, Kerzen brennen, auf dem wackligen Tisch steht Kaffee zum Servieren bereit, in der Mitte harrt einladend eine mit bunten Servietten ausgelegte Schuhschachtel, randvoll angefüllt mit Weihnachtsplätzchen. Zorro hat sie von seiner Mutter geschenkt bekommen, obwohl er Süssigkeiten nicht ausstehen kann. Er gehört zu den wenigen, die keinen Weihnachtsurlaub bewilligt bekommen haben. Auf meinem Stuhl liegt ein dickes Paar grauer Anstaltssocken und eine Wolldecke. Nachdem ich meine Schuhe ausgestopft und in Rillen der Zentralheizung geklemmt habe, beginnen wir mit der Gruppensitzung. An diesem speziellen Abend als Weihnachtsfeier mit Gitarrenbegleitung. Da drückt es beim einen oder anderen in der Kehle, kitzelt in der Nasenwurzel. Hastig sich in der Schuhschachtel Hilfe holen. Schnell in die Illusion einer heilen Zimtsternenwelt flüchten, Nachtspaziergang mit Mandelhonigmond und Puderzuckerwolken, dazwischen flitzen vanillegeflügelte Engel, mit Pfeffernüssen und Koreanderkeksen bepackt. Das schummrige Licht verhüllt. Betroffenheit. Seelische Gleichgewichtsprobleme. Es gibt Situationen, die so trost- und freudlos sind, dass ein harmloses Wort jenen fraglichen, gut versteckten Knopf trifft, der eine Flutwelle auszulösen droht.

Um zweiundzwanzig Uhr ist die Schuhschachtel leer gegessen, und meine Schuhe sind trocken.

Der Gefängnishof ist wie ausgestorben, kein Mensch unterwegs. Die Lichter in den Zellen brennen. Spielzeughafte Lieblichkeit. Die klotzigen Gebäude der Gefängnisverwaltung, die schulhausähnlichen Häuser der sozialpädagogischen Wohngruppe, sogar der düstere Zellentrakt, der wie ein grosses Kreuz im Schnee liegt, ja selbst die hohe Mauer, die das Ganze umschliesst, muten weiss überpudert märchenhaft an. Dazwischen ragen die wenigen Bäume in die Nacht, in schneeglitzernde Abendkleider gehüllt, die mächtige Tanne eingangs des Zellentrakts mit weitausladenden Armen, Bilderbuchmutter, die alle ihre verlorenen Söhne, was auch immer sie angestellt haben, aufnimmt.

Mein Auto, das am Nachmittag unter einem grossen Schneehaufen verschwunden war, ist freigeschaufelt. Unter dem Scheibenwischer steckt ein Zettel: Frohe Weihnachten. Vorsichtig fahre ich über vereiste und rutschige Strassen.

Es folgten wie jedes Jahr stimmungstrübe Weihnachtsvorbereitungen: Unterschwellig drückte die Depression. Dazwischen Kinderlachen. Blick aus dem Mausloch. Ferne Heiterkeit.

Und dann. Plötzlich. Ein Brief. Im blauen Umschlag.

„Hallo, Lena, hier bin ich wieder. Kaum draussen, schon wieder drinnen. Schreibst du mir? Bitte! Viele Grüsse vom lieben Sebastian.“

In den folgenden Wochen stürzte eine Briefflut über mein verheiratetes Dasein und schwemmte kurzerhand die Weihnachtsdepression hinweg.

Ich blättere in den Briefen, erhasche einzelne Wortfetzen, atme den Duft der damaligen Zeit. Abenteuerliches Verführungsspiel. Verstandeskiller.

Felix steht plötzlich unter der Tür. Er schreie sich heiser durch das ganze Haus, ich sei offenbar taub geworden.

Inzwischen hat sich Felix auf dem Postamt erkundigt, wie teuer der Versand der Fremdgeh-Umfrage kommen werde. Obwohl er diese Information auch telefonisch hätte einholen können, zog er es vor, höchstpersönlich hinzufahren, an mindestens fünf anderen Poststellen vorbei, um zu jenem einen Postschalter zu eilen, hinter dem eine besonders attraktive und freundliche Dame sitzt. Normalerweise kehrt er beflügelt von einem solchen Postbesuch zurück, er summt vor sich hin, verhält sich mir gegenüber äusserst liebenswürdig und hilfsbereit, und mit den Hunden strotzt er vor Geduld. Seine ganze Haltung strahlt „Land in Sicht“ aus und dauert mindestens einen halben Tag an. Diesmal scheint etwas schiefgelaufen zu sein.

Er will mit mir zum Hundespaziergang. Und zwar sofort. Ein tägliches Ritual. Morgens alleine, abends mit mir. Wir gehen nebeneinander. Ehepaartauglich, aufregungslos. Wir essen unterwegs, wie jeden Abend, eine Banane. Manchmal einen Apfel. Oder Mandarinen. Felix zeigt mir, was er den Hunden Neues beigebracht hat. Sie setzen sich vor einen liegenden Baumstamm. Wir gehen ein Stück weiter. Dann drehen wir uns um. Felix flüstert kaum hörbar „sitz“. Sie legen sich hin. Die Ohren gespitzt. Mit wunderbar hellwachen Augen warten sie auf den Befehl zu springen. Sie schiessen synchron wie Raketen über das Hindernis. Hinterher Herumtollen in der Wiese. Jedesmal ein Fest. Sie wollen sich nochmals hinsetzen, sich hinlegen, auf Befehle warten, springen und gelobt werden. Das ist die heile Hundewelt. Pädagogische Inputs. Konditionierte Reize. Gefühle bei Fuss. Emotionen an der Leine. Überschaubar. Kein verwinkeltes Liebesleben. Und nur aufgrund eines kurzen menschlichen Versagens ist uns dieser reiche Hundesegen zuteil geworden. Alles fing harmlos mit einem einzigen Hund, dem Rüden Rony, an. Felix hatte ihn aus dem Tierheim geholt, wo er bereits seit zwei Jahren auf einen neuen Meister wartete, aber dank seiner starken Aggressivität niemanden für sich erwärmen konnte. Später kam Chypie dazu, ein acht Monate altes Schäferhundweibchen. Rony schmolz. Er überliess ihr sofort sein Kissen und drückte sich in das winzige Körbchen hinein, das wir für sie gerichtet hatten. Wonnetrunken legte er sich alsdann auf den Rücken ins Gras, und Chypie turnte und spielte auf ihm herum. Es dauerte nicht lange, und sie wurde läufig. Zuerst hatten wir alles im Griff. Doch dann ein unbedachter Augenblick meinerseits. Ich rannte ihnen über den Hofplatz nach, stolperte und schlitterte bäuchlings über den Kies. Dennoch gelang es mir, Chypies linkes Hinterbein zu fassen, das ich nicht mehr losliess. Robbend machte ich mich zu ihrer Rettung auf. Ich trug sie auf dem Arm ins Haus. Rony, über mein Eingreifen erbost, wollte sie verständlicherweise zurückhaben. Ich sperrte Chypie in die Küche und ging ins Badezimmer, um meine aufgeschürften Hände und Knie zu verarzten. Als ich wieder in die Küche zurückkam, war Rony auch da. Er hatte sämtliche Türen eingedrückt. Nach 62 Tagen erblickten sieben kleine Schäferhündchen das Licht der Welt.

Am Abend, der ereignislos wie immer in die Nacht schleicht, schrillt das Telefon wie eine Alarmglocke.

Wanda. Atemlos. SOS. Ichsollsoschnell wiemöglich zuihr fahren. Ich möchte den Grund erfahren. Sie kann das nicht am Telefon erklären.

3. Wie Bruch reden beim Talken unvermeidlich ist und wie hemmungs- und kabellos unter dem Hag durchgefressen wird

Wanda. Was geht sie mich an. Erneut aufbrechen? Mich verabschieden. Und nicht einmal wissen, wozu. Das Reiseleben hängt mir ohnehin zum Hals heraus. Koffer packen. Auspacken. Wieder einpacken. Ins Ungewisse starten. Dabei unbändig mich sehnen nach Beständigkeit. Neid auf alle Hausfrauen. Montags waschen, dienstags bügeln, mittwochs Wocheneinkauf, donnerstags Haare waschen, freitags Fisch, samstags Sex, sonntags Brunch.

Inzwischen habe ich die Reiserei so erträglich wie möglich gestaltet. Im Auto Kassettenseminare hören: Amerikanisches Management, Personalführung und Lyrik. In Eisenbahn oder Flugzeug lesen. Lesen. Endlosstunden in Flughäfen, Wartehäfen. Zwischenzeiten. Wartezwischenzeiten, seelische Windstille, wo nichts geschieht und die Gedanken träg an der Wäscheleine baumeln. Ödes Gähnland. Kein landschaftliches Lächeln, alles in metallgrauem Beton klotzgegossen. Im Bus zum Flugzeug emigrantenfremd. Evakuierungsschicksal. Notschlachtviehtransport. Stehend. Und dicht. Das Handgepäck zwischen die Füsse geklemmt. Mit der freien Hand sich festklammern, mit der anderen die Lächerlichkeit eines Handtäschchens an sich drücken. Und in luftzugiger Ungastlichkeit einem ungewissen Zeitplan ausgeliefert. Plötzlich, endlich geht die Fahrt los, taumelnd balancieren zwischen Menschenwürde und einem Leben als Frachtstück. Oder zedernlang wurzelschwach schwanken.

Nach meiner letzten Flugreise, die total danebenging, beschloss ich, mich wenigstens zu erkundigen, wie ein Flugschein zu erwerben sei. "Du bist verrückt“, meinte Felix, der mich sonst von nichts abhält. Diesmal aber machte er nicht mit, sagte, ich spinne, ich sei ohnehin zu alt, Gesundheitszustand zu schlecht, Sehvermögen zu schwach, Intelligenz für technische Belange nicht ausreichend. Und überhaupt. Früher hätte mich wahrscheinlich eine derartige Argumentation in die Knie gezwungen und mich davon abgehalten, weitere Schritte zu unternehmen. Diesmal liess es mich kalt. Ich will es wissen. Ich will es genau wissen. Ob es geht. Oder nicht.

Bei meiner letzten Flugpanne hatte ich mir geschworen, dass ich mich derartigem nicht mehr freiwillig aussetze. Ich sollte an einer Talkshow teilnehmen, was ohnehin ein äusserst fragwürdiges Unternehmen ist. Talk kommt wahrscheinlich von Teig. Man nehme genügend Backpulver. Gastgeber-Moderatorinnen gehen in ihrer Rolle auf. Für TV-Journalistinnen ist die eigene Show das Ende der Fahnenstange. Das Ziel ist erreicht, und die narzisstische Flagge wird gehisst, die fortan weht und plaudernd flattert. Viele Moderatorinnen führen Gespräche über Themen, von denen sie keine Ahnung haben. Die Gäste werden in ausführlichen, telefonischen oder gar persönlichen Vorgesprächen mit zuständigen sachkundigen Redakteurinnen vorabgefragt und auf Herz ·und Nieren auf ihre Fernsehtauglichkeit und ihren Unterhaltungswert geprüft. Von kompetenten Redakteurinnen ist in der, Sendung nichts mehr zu sehen. Moderatorinnen galoppieren telegen gepudert über das Thema, das zur puren Nebensächlichkeit verkommt, werfen Zufallsfragen in die Arena, springen mal über dieses, mal über jenes Gästehindernis. Kopf einziehen und auf Knopfdruck Kurzformeln husten. Fachwissen als Werbespots. Schnellschuss feuern. Kreuzfeuer. Frauen werden doppelt so oft unterbrochen wie Männer und aus Gedankenschleifen abgeschossen. Mit vollen Champagnergläsern auf hohem Seil balancieren. Bei massiverem Angriff Absturz samt Gläsern. Danach Scherben einsammeln. Deshalb sitzt die Runde hinterher noch zusammen, isst und trinkt und prostet sich zu, gegenseitig Anerkennendes versichernd und lobende Worte über unsägliche Peinlichkeiten anhäufend. Je nach Aufräumarbeit kurz oder bis in die frühen Morgenstunden hinein. Nur die Moderatorinnen sind meist gut gelaunt. Sie sind in Premierenfeierstimmung. Euphorisiert. Viele leiden an Grössenphantasien, jenseits realistischer Beurteilung ihrer Person und ihrer Arbeit, entweder übermässig von sich begeistert oder in übertriebener Kritikbesessenheit wegen eines unbedeutenden Furzes verfangen, was ebenfalls masslose Selbstüberschätzung verrät. Die Talk-Gäste indes kramen ihre Spesenabrechnungen zusammen: 26 DM fürs Taxi, 83 DM das Bahnticket und 449 Kilometer Autofahrt, die sich leider nicht belegen lassen.

Meine letzte Reise zum Talk nach Hamburg. Kein Direktflug. Umsteigen in München. Abflug mit Verspätung. Beruhigende Lautsprecherworte: „Die Maschine in München wartet auf jeden Fall.“ Hastig mit der Redaktion telefonieren. Seit neuestem mit Natel, dessen Benützer ich bis vor kurzem noch aus tiefstem Herzen verachtete. Wichtsäcke, Grosskotzärsche, dachte ich unverhohlen, wenn ein Herr unmittelbar in meiner Nähe mit grosser Stimme und breiter Geste Zahlen und Daten in den Nabel seiner kleinen Welt hineinflötete. Inzwischen sind mir erhebliche Unterschiede im Umgang mit kabelloser Telekommunikation auf gefallen. Da gibt es plötzlich andere Töne, eine andere Körperhaltung. Da neigt ein Herr sacht den Kopf leicht nach vom, wandwärts, menschenabgewandt, das Gesicht etwas hinter dem spielzeuggrossen Telefon kaschiert, die freie Hand steckt in der Hosentasche, Blick nach unten gerichtet, mit leisem Lächeln flüstert, haucht er, nuschelt in die Minimuschel. So spricht kein Mann mit einem Geschäftspartner. Und auch nicht mit seiner Ehefrau! Hier huscht aushäusiges Liebesgeflüster durch den Äther. Das Natel hat eine grosse Erleichterung im organisatorischen Bereich von Liebschaften beschert. Zwei von drei Ehemännern gehen fremd. Statistisch gerechnet. Vielleicht sind es auch zweieinhalb. Zählspiel in der Flugwartehalle, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Die Art und Weise, wie ein Mann mit seinem aushäusigen Lustobjekt telefoniert, gibt zudem Auskunft über den Stand der Liebschaft. Befindet sich der Liebhaber in der Brunftphase, umwirbt er das Weibchen, ist zwar der Kopf nach vorn geneigt, aber der hoffende Blick richtet sich beim Zuhören nach oben rechts in die Zukunftsecke. Ist die Angelegenheit so gut wie sicher und geht es nur um sachliche Abmachungen wie Ort und Zeit, hebt er den Kopf und blickt zielstrebig geradeaus. Hat er bereits ein aufregendes Treffen hinter sich und lechzt danach, es möglichst schnell zu wiederholen, neigt er Kopf und Blick zu Boden. Dann gibt es noch Situationen, in denen er abrupt die freie Hand aus der Hosentasche nimmt, entschlossene Worte ausstösst und dabei entschieden abwehrt, mit leichtem Linksdrall unverfroren geradeaus blickt, was soviel heisst wie: Ich wünsche absolut keine weiteren Treffen. In diesem Fall will die Geliebte mehr, als ihm lieb ist, droht vielleicht damit, die Ehefrau zu informieren. Dann klappt er verärgert den Bügel zu, nimmt eine Tageszeitung und liest. Das Natel hat den Ehefrauen ihrerseits neue Dimensionen eröffnet. Sie können jederzeit den Gemahl aufspüren und Zugriff auf sein Dasein ausüben. Zwar wissen sie nicht genau, wo und in welcher Gesellschaft er sich gerade befindet, aber immerhin sind sie mit seiner Stimme verbunden, können ihn über längere Zeit akustisch besetzen und seine Aktivitäten beeinflussen. Ein Manager erzählte mir von dem tief greifenden Einschnitt in seinen höchstpersönlichen Bereich, habe doch seine Angetraute stets den Braten gerochen und ausgerechnet immer in jenem - ohnehin für ihn äusserst kritischen - Moment angerufen, als er sich das Präservativ überrubbeln wollte. Die ersten zwei Male habe er geantwortet. Die detaillierte Schilderung familiärer Alltagsunbill, wie etwa der verstopften Toilette, des unauffindbaren Schlüssels für das Kinderfahrrad und der anhaltenden Magenverstimmung von Möhrchen, der Katze, haben ihn derart aus dem Takt geworfen, dass er hinterher nur noch in der Lage war, sich der Peinlichkeit der Situation durch unverzügliches Einschlafen zu entziehen. Beim drittenmal liess er das Telefon klingeln . . . mit demselben Resultat. Offenbar gelten im Umgang mit der Lust dieselben Regeln wie in psychologischen Gesprächsgruppen: Störungen haben Vorrang.

Felix hatte mir das Natel aufgeschwatzt. Nicht um mich zu kontrollieren. Er lebt diesbezüglich beneidenswert angstfrei. Wenn es denn sein müsse, dann könne er es auch nicht verhindern, so sei nun mal das Leben, und er habe keine Lust, sich um etwas zu sorgen, was er ohnehin nicht beeinflussen könne. Diese Gelassenheit übt eine derartige Faszination auf mich aus, dass ich wahrscheinlich schon deshalb nicht an andere Männer denke, sondern ausschliesslich an ihn.

Auf meinem Talkflug wurden nach langer, ungewisser Wartezeit die Fluggäste zum Ausgang gebeten, in den bereitstehenden Containerbus verladen und zum Flugzeug über die Piste gekarrt. In München wartete das Flugzeug tatsächlich. Es gibt Flughäfen, da werden Transitpassagiere zu Langstreckenläufern. Durch kilometerlange Glasgänge keuchen und zugleich versuchen, aus dem Labyrinth einer verwirrenden Anzahl von Ausgängen den richtigen zu erwischen. Am Ziel angekommen, dreieinhalb Kilometer Fussmarsch hinter mir, war die Maschine gerade am Starten. Umbuchen. Warten. Maschine fällt aus. Nochmals umbuchen. Zurückhasten. Wäre ich noch jünger gewesen, hätte ich diesen Stress nicht überstanden. Das ist der grosse Vorteil des Älterwerdens, die Schuhe werden bequemer.

Wieso also nicht selbst fliegen lernen? Was heisst hier zu alt? Zu ungesund? Zu fehlsichtig? Das ist doch die menschliche Situation! Altern. Sehschwach werden. Kränkeln. Soll uns das daran hindern, zwischen den Wolken durchzuflitzen? Den Winden nachzujagen? Sich ins Blaue hinaufzupfeilen, schnurgeradeaus dem lieben Gott entgegen. Näher mein Gott zu Dir. Im Alter wird es ohnehin Zeit, sich über den Weg nach Hause Gedanken zu machen.

Eigentlich wollte ich diese Woche in die Flugschule fahren, um alles abzuklären. Und jetzt will Wanda, dass ich komme. Felix meint, ich solle unbedingt fahren. Wanda sei eine so blöde und kärgliche Frau, da müsse schon etwas Aussergewöhnliches vorgefallen sein, sonst würde sie mich nicht bitten zu kommen.

Bevor ich beginne, meine Sachen für die Reise zusammenzusuchen, will Felix nochmals die von ihm entworfenen Auswertungstabellen der Fremdgeh-Umfrage mit mir durchsprechen, um ganz sicher zu sein, dass alle Antworten richtig erfasst und ausgewertet werden können. Ich bin froh, dass er mir diese zeitraubende Arbeit abnehmen wird.

Obwohl ich alles andere als Lust dazu habe, beginne ich meine Sachen zu packen. Ich rechne mit maximal drei bis vier Tagen. Es sollte sehr viel länger werden.

4. Wie Zeitbrüche Seitensprünge begünstigen und Familienserien Bruchstellen kitten

Wanda steht in der Küche. Das kleinste Kind, 13 Monate alt, hat sie auf dem Arm, sie stützt es seitlich auf ihrem Hüftknochen ab, der schwangere Bauch ragt spitz und forsch über sie hinaus. Sie ist noch dünner geworden. Das feinknochige Gesicht ist wie von Pergamentpapier überzogen, ihr Haar hängt braun, müde und kraftlos. Zwei Kinder am Tisch. Sie versucht, einhändig ihre Teller mit Spaghetti zu füllen.

Vera, das älteste Mädchen, etwa sechs, trocknet Salat in der Schleuder, was ihr nicht gelingen will. Ich helfe nach.

Wanda nimmt mich kaum wahr. „Hallo, hier bin ich.“ Sie schaut aus leerem Blick. Vera klettert flink auf einen Stuhl, holt noch einen weiteren Teller und stellt ihn auf den hellen naturfarbenen Holztisch.

Der Platz für den Vater bleibt zunächst leer. Seine Abwesenheit scheint selbstverständlich. Als wir mit Essen beinahe fertig sind, kommt er, überrascht, mich hier zu sehen. Er isst wortlos. Die Kinder sind ziemlich laut. Vera beruhigt, hilft, räumt den Tisch ab, übernimmt die Rolle der Mutter.

Die Kinder werden zu Bett gebracht. Geschrei, wie in allen Familien. Die Kleinen stehen nochmals vier- bis fünfmal auf, dann wird es allmählich ruhiger.

Wanda sitzt mir am Küchentisch gegenüber und schaut mich an.

Ich warte. Obwohl es etwas peinlich ist, möchte ich ihr keine Fragen stellen. Offenbar braucht sie Zeit.

Sie steht nochmals auf, setzt Wasser für einen Tee auf, hantiert mit Tassen, fragt, Zucker oder Honig.

Wir rühren in henkellosen Teetassen. Wanda hält inne, blickt flüchtig in meine Richtung und spricht wie zu sich selbst: „ Es ist etwas Schreckliches geschehen. Hubertus wurde verhaftet. Die Polizei hat ihn abgeholt.“

Was soll das? Hubertus, der Leiter des Tagungszentrums von Schloss Ripsen, hinter Schloss und Riegel? Wanda umschliesst mit ihren schmalen Fingern den oberen Rand ihrer heissen Tasse, als ob sie sich daran wärmen wollte. Und während sie in die Tasse blickt, erfahre ich den Grund, weshalb sie mich gerufen hat: „Du hast doch im Strafvollzug gearbeitet und kennst dich da aus. Bitte sprich mit der Polizei, dass sie ihn wieder freilassen.“

Etwas erschüttert über ihre kindliche Vorstellung, versuche ich ihr klarzumachen, dass ich absolut keine Möglichkeit habe, irgendetwas Hilfreiches zu unternehmen, zumal ich schon lange keinen Kontakt mehr zu diesen Institutionen habe. Sie hört nicht, was ich sage: „Bitte. Du musst uns helfen.“

In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Was geht mich das alles an! Und überhaupt. Wie kommt Wanda dazu, mich einzuschalten.

Bereits vor acht Uhr ruft sie mich an: „Ich muss mit dir reden.“ Als ich etwas später bei ihr bin, spricht sie nicht. Irgendwie kann sie nicht. Ich frage sie nach der Adresse von Raina und Hubertus. Wanda sagt sie mir auswendig mit Telefonnummer, während sie in die Feme blickt. Ich notiere. Dann will ich noch den Grund von Hubertus' Verhaftung erfahren: „Brandstiftung.“

Ich fahre sofort zum Hotel. Telefonieren. Mit zehn verschiedenen Stellen. Mit zwanzig alten Kontaktadressen. Uralten Freunden. Kollegen. Dem ehemaligen Direktor einer Strafanstalt.

Schliesslich bekomme ich eine Besuchsbewilligung. Allerdings erst für nächste Woche.

Raina erreiche ich nicht. Es meldet sich stets der Anrufbeantworter. Nach dem zehntenmal gebe ich auf. Es lohnt sich nicht, nach Hause zu fahren. Wanda bietet mir an, bei ihnen zu wohnen, was ich aber dankend ablehne. In dieser frostigen, ungeselligen Umgebung würde ich es nicht lange aushalten. Zudem befürchte ich, dass Wanda kurz vor der Niederkunft steht und ich dann für den Haushalt mitsamt der Kinderschar eingespannt werden könnte. Ich sehe mich schon auf den Knien die Holzböden schrubben und für den ganzen Verein Kartoffeln schälen. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Wanda diesbezüglich keine Vorbereitungen getroffen hat. Sicher wird sie zu Hause entbinden wollen, auf die sanfte Art und so. Während alles andere drunter und drüber geht. Ernst, ihr Mann, würde das tun, was ihm möglich wäre. Es wäre sicher von grossem Vorteil, wenn ich mich möglichst weit von ihnen entfernt einquartierte.

Hotelwechsel. Direkt am See. Da ich nicht weiss, wie lange ich bleiben werde, will ich es mir so bequem wie möglich machen und miete ein Doppelzimmer. Mit allem, was ein Mensch benötigt, um sich vor dem Asylantensyndrom zu schützen. Wenn schon nicht im eigenen Bett, in der gewohnten Umgebung, dann wenigstens die Grundbedürfnisse befriedigen, wie zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Tee, einen Kaffee trinken zu können. Nomadendasein bringt die gewohnte Lebensqualität zu Fall. Es scheint nicht im menschlichen Programm vorgesehen zu sein, dass wir unsere Körperlichkeit von A nach B und C und D verschieben wie eine Stecknadel auf der Landkarte. Die Entfernungen müssen um den Preis der Geschwindigkeit überwunden werden. „ Alles ist Realeffekt, Effekt der Geschwindigkeit, alles, was erscheint, erscheint im Licht, und das heisst: in der Geschwindigkeit, jede Geschwindigkeit ist eine Belichtung der Welt. Die Menschen sind keine Stadtbewohner, sie sind Transitreisende.“3 Da helfen weder Luftpolster im Auto noch ein Gläschen Champagner in der Business Class. Das Lebenskontinuum bricht, der Lebensraum wird unterteilt, Zeit zerstückelt, die Verbindlichkeit unbedeutender Alltagskleinkrämereien fallen weg, Tagesordnungen geraten durcheinander, und plötzlich ist man ein anderer, eine andere, Erinnerungsfetzen an ein früheres Leben ziehen wie Nebelschwaden durch unbekannte Landschaften. „ Unterwegs bin ich ein anderer“, gesteht ein Geschäftsmann, den ich für meine Fremdgeh-Recherchen interviewe, „ich bin meiner Frau treu, nur wenn ich verreise, gelten völlig andere Spielregeln.“ Und ein frisch verheirateter Manager erzählt: „Auf meinen Auslandsreisen hört meine Ehe auf zu existieren. Ich fühle mich wie in einem anderen Leben und geniesse alle Freiheiten in vollen Zügen.“ Ein Zimmer im Fünfsternehotel ist gerade noch das mindeste, was einem kurzfristig die Illusion einer vorübergehenden Beheimatung liefert. Ebenso die Fortsetzung einer Familiengeschichte im Fernsehen, die, so jämmerlich dumm und trivial sie auch sein mag, für Transitreisende einen familiärverwandtschaftlichen Bezug leistet, der oft mehr Realität und Kontinuität in ein Leben bringt als die eigene Familie. Sie ersetzt auf unaufdringliche Weise die ganze Familie und Verwandtschaft samt Hund und Katz, bei Knopfdruck springen sie ins Hotelzimmer, und ebenso schnell wird man sie wieder los. Der reisende Mensch erschafft sich theoretische Beziehungen, er ist zugleich Regisseur, Held, Tragöde, Protagonist einer imaginären Welt- immer aber bleibt er als Verlierer im heimatlosen Niemandsland der Familienserien, Talkshows und Wetterkarten.

Aber auch Menschen, die nicht verreisen müssen, sondern innere Transitreisende sind und wie gehetzte Hunde durch ihre Seelenräume jagen, unterhalten nicht selten kontinuierlichere Beziehungen zu Fernsehfiguren als zu den real vorhandenen Bezugspersonen. Viele Paare führen eine Ehe oder Partnerschaft mit televisionärem Anhang, der mit gruppendynamischer Kraft die intimsten Bereiche bestimmt. Welches Paar entscheidet noch selbst über den Zeitpunkt für Zärtlichkeiten und Sex? In den meisten Wohnungen steht der Fernseher mitten im Wohnzimmer, im Lebenszentrum. Und damit geben wir das Steuer aus der Hand. Sind Kinder da, wird es noch problematischer, denn dieser Kasten greift drastisch in die Erziehung ein. So erziehen mindestens noch zehn weitere Personen mit völlig unterschiedlichen Lebensanschauungen und Erziehungsmethoden mit. Ich frage mich, weshalb Architekten nicht versuchen, wohntechnische Möglichkeiten zu schaffen, die dazu beitragen, die diktatorische Zentrale aus dem Herzstück der Wohnbereiche auf weniger zentral gelegene zu verlagern. Anstelle von Besen- und Putzkammern ein spezielles Fernsehräumchen. Winzig, da wir uns eh nicht darin bewegen und nur in Sesseln sitzen, fensterlos, da Licht ohnehin störende Reflexionen auf den Bildschirm wirft, lediglich mit einer automatischen Belüftung ausgestattet. Vielleicht hat deshalb der Begriff der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung eine so immense Bedeutung gewonnen, weil wir täglich erleben, wie wenig wir selbst über unser Leben bestimmen können. Sind diese Programme einmal installiert, benötigen wir viel Zeit und systematisches Umlernen, bis es uns gelingt, die Zügel für unseren sechsspännigen Lebenswagen wieder selbst in die Hand zu nehmen und die Richtung des Gefährts selbst zu bestimmen.

Es ist ja nicht nur die Fernsehinstanz, die in unser Leben eingreift. Reale Figuren mischen ebenso mit, wie zum Beispiel die Elternfiguren - auch wenn sie schon längst tot sind. Ein grosses Ärgernis für all jene, die nichts von psychologischen Zusammenhängen halten. Plötzlich müssen sie feststellen, ausgerechnet jene fraglichen elterlichen Programme übernommen zu haben, die ihnen das Leben einst versalzten. Ich hatte ebenfalls über längere Zeit eine fest installierte Instanz, die es mir strengstens untersagte, mehr als nur das Nötigste für ein Hotelzimmer auszugeben. Felix unterstützte mich darin, das alte Frauenprogramm „Es-steht-mir-im-Grunde­nicht-zu“ umzuschreiben, das ich zweifellos von meiner Mutter übernommen hatte, und mit den neuen Daten „Nur-das­Beste-ist-gut-genug“ zu füttern.

Ich bin nicht unglücklich darüber, einige Tage länger als geplant hierzubleiben. Endlich könnte ich die Freunde besuchen, die ich jedesmal auf das nächste Mal vertröste. Zudem will ich mich unbedingt mit Raina treffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in Urlaub gegangen ist, während ihr Mann verhaftet und in Untersuchungshaft genommen wurde. Wanda hat ebenfalls keine Ahnung, wo Raina sein könnte.

Irgendwie würde ich mir die Zeit schon vertreiben. Wenn alle Stricke reissen sollten, hätte ich noch meinen Laptop dabei, ich könnte an verschiedenen Texten arbeiten. Eine Glosse beenden. Und wie wenn ich es geahnt hätte, hatte ich Felix im letzten Moment vor meiner Abreise noch gebeten, mir eine Archivschachtel, in die ich die vier Ordner mit Sebastians Briefen untergebracht hatte, in den Kofferraum zu tragen.

5. Wie Worte in eheliche Festungen einbrechen und Wortbrüche zur Wirkung gelangen

Wie immer telefoniere ich morgens und abends mit Felix. Er hält meinen Entschluss zu bleiben für richtig.

Wanda ruft mich jeden Tag mindestens zweimal an. Ein Gespräch zwischen uns will nicht in Gang kommen.

„Wie geht es dir?“

„Nicht gut.“

Und das ist es dann schon.

Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, weshalb sich Wanda ausgerechnet für Hubertus einsetzt oder dafür sorgt, dass ich es tue. Gut. Sie ist mit Raina, Hubertus' Frau, sehr eng befreundet. Vielleicht setzt sie sich ihretwillen ein. Aber wo ist Raina?

Ich nehme mir vor, mich möglichst wenig um logische Zusammenhänge zu kümmern oder irgendetwas verstehen zu wollen. Ich werde Hubertus besuchen. Mit ihm sprechen. Vielleicht kann ich etwas für ihn tun. Eventuell einen Anwalt besorgen. Und dann wieder abreisen. Bis dahin werde ich tagsüber an meinen Texten arbeiten und abends Freunde besuchen.

Mit dem Arbeiten will es nicht so recht werden, bin unkon- zentriert, ziellos. Irgendwann lege ich mich aufs Bett, blättere, ohne darin lesen zu wollen, in den mitgebrachten Ordnern mit Sebastians Briefen herum, aber da hüpfen schon seine Worte heraus, springen mich an und klammern sich wie kleine Kletteraffen an mir fest, fressen sich ins Hirn und wollen mich so schnell nicht mehr loslassen. Sie ziehen mich in die alten, verstaubten Bilder einer unmöglichen Liebschaft.

Da war der blaue Brief von Sebastian. Er flatterte damals mitten in meine eheliche Weihnachtsdepression hinein.

„Hallo, Lena“, rief mir Sebastian in mein Felsspaltenloch zu.

„Hallo hallo, Lena Lena“, gab das Echo zurück. Ich horchte auf, kletterte blitzschnell aus meinem Verlies, wollte die kühnen Schmetterlingsworte einfangen, ihnen nachjagen, über Stock und Stein. Und schon schlüpften sie durch das Netz und waren wieder verschwunden.

„•.• hier bin ich wieder“, ein neckischer Sonnenstrahl, der über die vernebelte Bergspitze lugt, trübes Gedankenwerk überheitert. Vogelgezwitscher. Morgengesicht.

„Kaum draussen, schon wieder drinnen.“ Max und Moritz. Schneller als die Polizei erlaubt. Wieder was ausgefressen. Kaum auf freiem Fuss.

„Schreibst Du mir?“ Wechselbad. Wehschnell. Sachtes Anklopfen. Beinahe zärtlich.

„Bitte!“ Fordernd. Aufforderung zum Tanz. Wie aber kann eine Bitte mit einem Ausrufezeichen versehen werden?

„Viele Grüsse vom lieben Sebastian.“ Und beinahe kindhaft schob sich dieser Mann unter mein Kopfkissen.

Mit einem Schlag war ich die Depression los. Es schrieb tausend Antworten in meinem Kopf, es war ein Auftakt zum Schreiben. Zunächst von Hand, später auf einer uralten Kugelkopfschreibmaschine. Zehnfingersystem. Es war eine ganze Menge, die da unter Kontrolle zu bringen war. Gelegentlich tanzte etwas aus der Reihe. Schöpfte unbemerkt Abgeschobenes aus der Tiefe. Da stand es dann, das gut Verdrängte. Schwarz auf weiss, dass ich in meiner Ehe im Grunde kreuzunglücklich war.

Trotz theoretischer Auseinandersetzung mit den feministischen Forderungen nach gleichen Rechten - auch in der Liehe - zierte ich mich. Das alte Programm. Wie es sich gehört. Wie es sich für eine anständige Frau gehört. Schliesslich ist das unser Kapital. Frauengut. Wo kämen wir denn hin, wenn wir die Dinge heim Namen nennten! Einfach so. Mir nichts. Dir nichts. Sich das zu nehmen, was uns zusteht. Noch weit davon entfernt, der ehelichen Unbill abzuschwören und das Unglück in die Nacht hinauszuschreien: Tausche Trauschein gegen kurzes Glück, im Herz, im Schritt oder wo auch immer.

Sebastian schrieb täglich. Gelegentlich gar mehrmals. Ich schrieb ihm, zuerst getarnt, als Fachfrau. Fachlich. Sachlich. Hielt mir seine frechen Sprüche vom Leih. So gut es ging. Doch gab es einzelne Worte, die lösten sich wie abenteuerliche, von Lebensneugierde getriebene Kinder von der Wortgruppe ab, schlichen sich unbemerkt in mein Gemüt und liessen sich dort nieder. Und während sie nachts durch meine Träume schlenderten und immer mehr Gebiete besiedelten, wähnte ich mich tagsüber gesichert, im beruflichen Selbstverständnis.

Nach Weihnachten nahm ich meine Arbeit im Gefängnis mit frischem Elan wieder auf. Es gab viel zu tun. Sie hatte mir in all den Jahren meiner Tätigkeit mit Straffälligen meine Ideale gehörig zusammengestutzt. War ich zu Beginn noch voller Enthusiasmus und naiver Zuversicht, durch meine psychotherapeutische Arbeit dazu beizutragen, dass weniger Täter rückfällig würden, so hatte ich allmählich gelernt, unser Tun überhaupt in Frage zu stellen. Wir wollten mit filigranen Pinzetten Pflastersteine bewegen. 86 Prozent aller Straffälligen werden rückfällig. Dennoch halten wir an der Vorstellung fest, dass Besserung nur durch Bestrafung kombiniert mit Freiheitsentzug erzielt werden kann. „ .•• was durch die Besserung schliesslich wiederhergestellt werden soll, ist nicht so sehr das Rechtssubjekt, das in die fundamentalen Interessen des Gesellschaftsvertrags integriert ist, sondern das gehorchende Subjekt, das Individuum, das Gewohnheiten, Regeln, Ordnungen und einer Autorität unterworfen ist, die um es und über ihm stets ausgeübt wird und die es automatisch in sich selber wirken lassen soll.“

„Bitte nicht stören“. Ich hänge das Schild an die Türe und bestelle beim Zimmerservice eine Literkanne Kaffee, ebenso erteile ich den Auftrag, keine Anrufe durchzustellen. Und ab geht die Reise in die alten Briefe. Und wieder erwischt es mich. Wieder lasse ich mir den Kopf verdrehen. Wieder sind da die Schmetterlinge im Bauch- mein Gott. Ist das alles, was ich in all den Jahren gelernt habe? Mir einfach von ein paar lächerlichen Worten den Kopf verdrehen lassen?

Zu spät. Meinen halbherzigen Protest fege ich mit einem trotzigen Lächeln weg. Obwohl ich bereits tausendmal gedacht habe, dass alles nur eine Illusion war, gehe ich Sebastians Worten erneut auf den Leim. Die Macht der Worte hält ungeschmälert an. Beinahe. Dennoch gibt es einen Unterschied. Irgendwo in meinem Kopf sitzt eine kleine Beobachtungsinstanz, die davor warnt, sich in den Strudel der Ereignisse hineinziehen zu lassen. Früher wurde ich flutwellenartig von Gefühlen überschwemmt, was jede Möglichkeit ertränkte, einen klaren Gedanken zu fassen, ich war den Emotionsströmungen ausgeliefert wie ein Schiff ohne Ruder. Der Zugang zum Beobachtungshochsitz war mir lange versperrt. Nun geniesse ich den Luxus, eine Wahlmöglichkeit zu haben, eine Entscheidungsfreiheit, mich in der beobachtenden Vogelwarte einzunisten oder mich auf den Wellen der Vergangenheit einfach treiben zu lassen.

Da ich jederzeit auf meinen Beobachtungsposten klettern kann, steigert es den Genuss, mich auf den Zauber von damals einzulassen.

Ich brenne vor Neugier, ich will endlich wissen, weshalb es mich ausgerechnet mit Sebastian erwischt hat. Ich will erfahren, was geschieht eigentlich genau, wenn man sich verliebt? An welchen seelischen Knöpfen wird gedreht, dass es uns den Kopf verdreht? Und was ist mit der Sexualität? Wodurch wird sexuelles Begehren überhaupt ausgelöst? Welche Wellen schlagen an unser Hirn, damit in den Geschlechtsregionen die Post abgeht?

Sind wir ehelich verankert, haben im Hafen der Ehe Anker geworfen, können folgende Phasen beobachtet werden. Die erste ist zweifellos die Illusionsphase, eine kurzfristige Bestätigung romantischer Erwartungen. Statistischen Angaben zufolge dauert es nur wenige Jahre, bis das Schiff auf Grund läuft und Schlagseite bekommt. Festgefahren im ehelichen Verpflichtungspfuhl, wenn der Blick an einem gleichgültig vorbeistreift und sich kein Glanz in den Augen des Partners mehr einstellen will, sollen Frauen erstmals bereits nach drei Ehejahren für eine kurze Zwischenverpflegung aus dem Kahn springen, Männer nach vier Jahren. Es ist das alte Lied vom plötzlichen Wetterleuchten im Gesicht eines anderen, vom betörenden Lufthauch eines Wunders ergriffen zu werden, sich hinaufzuschwingen in üppige Wunschwelten, in denen es trotz allem einen einzigen Menschen gibt, der zu einem passt wie der Deckel zum Topf.

Der eheliche Alltagstrott eignet sich vorzüglich als Nährboden für aushäusige Illusionswelten. Flüchtiges Verstandenwerden wird zum grossen Einverständnis. Spielerisch hingeworfene Aufmerksamkeit zum grossen Erkanntwerden. Zufällige Gesten werden zur grossen Einladung.

Sebastian hatte leichtes Spiel mit mir. Mein persönliches Selbstwertgefühl war auf weit unter Null gesunken - typisch für alle Frauen, die ihr Selbstwertgefühl aus der Zuwendung des Partners beziehen. Wird diese im Lauf der Jahre weniger oder bleibt gar vollständig aus, ist es wie bei einem Luftballon, der allmählich zusammenschrumpft. Kommt einer und pustet hinein, sind wir nicht mehr zu halten und fühlen uns prächtig. Diesen Zustand nennen wir Verliebtsein.

Plötzlich werde ich aus meiner Reise in die Vergangenheit herausgerissen. Ein heftiges, drängendes Klopfen an meiner Zimmertür. Raina.

6. Wie sich ein alltäglicher Ehebruch verselbständigt und sich ein Nachspiel anbahnt

„Ich bin etwas heruntergekommen“, sagt sie, als könne sie meine Gedanken lesen. Sie lächelt, ein leiser Schalk. Noch die alte Raina.

Wir umarmen uns. Sie kommt ins Zimmer, zieht die Schuh aus, und wir setzen uns auf das grosse Doppelbett. Die eine am unteren, die andere am oberen Ende. Wie in alten Zeiten. Als wir es uns abends in ihrem Zimmer im Schloss Ripsen gemütlich machten und uns alles erzählten, was uns bewegte.

Raina schiesst sofort los. „Du hast es erfahren. Du weisst, was geschehen ist. Es ist alles schrecklich. Hubertus sitzt im Untersuchungsgefängnis. Ich bin beinahe durchgedreht. Wir wohnen jetzt in einer blödsinnigen Wohnung mitten in der Stadt. Gott sei Dank, die Kinder sind aus dem Haus. Das bleibt ihnen wenigstens erspart. Wie konnte uns Hubertus das nur antun! Er hat den Kopf verloren. Es dauert eben schon lange. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Zufällig habe ich es erfahren. Er hatte mir nichts davon erzählt. Das ist eigentlich das schlimmste. Und das geht schon seit Jahren. Und ich habe nichts davon gemerkt. So eine lange Liebschaft. Und zur Krönung auch noch das Kind. Ich bin ganz sicher, es ist von ihm. Die anderen Kinder vielleicht auch. Oder eines davon. Was weiss ich. Das hat ja schon vor Jahren begonnen! Stell dir das vor! Erinnerst du dich? Wenn du deine Seminare bei uns abhieltest, war Hubertus doch nie da! Er sei noch im Büro, hat er jeweils gesagt. Oder nächtelang beim Meditieren! Er stand ja kurz vor der Heiligkeit! Dabei hat er frisch-fröhlich dieses elende Luder gebumst!!“

Raina ist wütend und total durcheinander. Sie wiederholt sich.

„ Und was hat das alles mit dem Brand und Hubertus Verhaftung zu tun?“ will ich wissen.

„Was weiss denn ich! Er hat sich das alles eingebrockt. Nun muss er es eben auslöffeln. Ich kann ihm auch nicht helfen!“ Sie weint. Später schläft sie auf einem Ordner mit Sebastians Briefen ein.

Felix ruft mich an. „Schatz, wie geht es dir?“

„Raina liegt bei mir im Bett und schläft“, erzähle ich. Er versteht die Welt nicht mehr. Und ich auch nicht.

Mitten in der Nacht wacht sie auf und geht.

Am nächsten Morgen steht Wanda vor meiner Türe. Sie habe mich telefonisch nicht erreichen können und befürchtete, ich sei abgereist. Ob ich nicht heute vorbeikommen könne. Ich verspreche, am Nachmittag zu kommen.

Als ich gehen möchte, kommt bereits Raina wieder: „Mir fällt die Decke auf den Kopf.“

Ich sage ihr, dass ich zu Wanda fahren will.

„Du steckst also mit ihr unter einer Decke?“ argwöhnt sie, sagt es aber mehr zu sich selbst als zu mir.

Ich biete ihr an, in meinem Zimmer zu warten. Sie legt sich ins Bett, dreht den Fernseher an und schläft unverzüglich ein. Ich gehe.

Ich erzähle Wanda, dass Raina bei mir sei. Sie reagiert nicht darauf. Ein schreiendes Kind mit aufgeschürftem Kinn stürmt herein, was bei ihr ebenfalls keine Reaktion auslöst. Ich suche im Badezimmer nach irgendeinem Desinfektionsmittel, betupfe die Wunde. Das Kind schreit weiter. Wanda schaut aus dem Fenster. Nachdem wir wieder alleine sind, öffnet sie das Fenster. Sie blickt in die Weite.

„ Es ist ziemlich schwierig für mich“, eröffne ich einfühlsam das Gespräch, „wenn ich so wenig von dir erfahre.“

„Ich kann nicht“, sagt sie. Dann schaut sie mich lange an.

Scheisse. Denke ich. Der Karren ist festgefahren. Und ich kann ihn nicht aus dem Dreck ziehen.

Seppli, der Berner Sennenhund, schnuppert an mir herum. Ich will ihn hinter den Ohren kraulen. Sein Fell ist verklebt und verknotet, und ich gebe schnell wieder auf.

„Möchtest du, dass ich noch bleibe?“

„Ja.“

Wir sitzen stumm nebeneinander.

Gegen Abend gehe ich. Schon auf dem Hotelflur höre ich Rainas Stimme. Sie telefoniert mit Felix.

„Diese elende Schlampe“, höre ich sie rufen, „hatte nichts anderes im Kopf, als sich an Hubertus zu hängen. Dieser Idiot. Fällt auch prompt auf ihre Nummer rein. Die grosse Depressionsouvertüre. Er wollte sie heilen. Retten vor der gottverdammten Magersucht. Frisst alles in sich hinein und kotzt es hinterher wieder raus. Typisch. Heimlich fressen, heimlich kotzen und heimlich vögeln. Paf.;t alles wunderbar. Dazu den Heiligenschein! Diese gottverdammte Lügnerin. Und auch noch dieses ganze Meditationsgesabber! Ausbildung zur Meditationslehrerin! Zusammen mit Hubertus! Mit ihm zum Seminar. Ungestört bumsen! Während ich ihre Kinder hütete. Und wenn sie jeweils zurückkamen! Heiligkeit lässt grüssen! Hubertus hätte am liebsten in der Kapelle übernachtet! Jetzt hat er die Strafe. Und sie auch. Geschieht ihnen ganz recht!“ Als mich Raina sieht, übergibt sie mir den Telefonhörer.

„Da hast du dich ja ganz schön in die Tinte gesetzt“, grinst Felix.

„Wie schön. Du findest immer die passenden Worte“, ächze ich zurück. „Was soll ich tun?“

„Ertragen, dass es Situationen gibt, in denen du hilflos bist.“

Da sich Raina schon bei Felix ausgekotzt hat, redet sie nicht, sondern will von mir erfahren, was Wanda gesagt hat. Und jetzt wird es mir allmählich eng. „Frag sie doch selbst,

was sie zu sagen hat.“

Raina geht, ohne sich von mir zu verabschieden. Etwas ratlos bestelle ich mir ein Abendessen beim Zimmerservice. Etwas Süsses muss es sein. Apfelstrudel mit Vanillesauce. Ich esse im Bett. Dazu schaue ich fern. Irgendetwas. Hauptsache es flimmert. Es tut gut. Ein süsser Hauch, der sich schützend um meine aufgekratzte Seele legt. Morgen werde ich wieder etwas Süsses essen.

Das Fernsehen kann mich auch nicht ablenken, also lese ich in Sebastians Briefen weiter. Wohl keine andere Lektüre könnte mich aus diesen Verstrickungen wegtragen. Warum nicht ein bisschen mit dem Feuer spielen? Vielleicht springt ein Funke zu Felix über, ein Mix aus beiden Männern wäre nicht schlecht. Sebastians verbale Brunftrituale, virtuos hingeworfen, zupften haargenau an jenen defekten Stellen, die sprungbereit darauf warteten, endlich erlöst zu werden. Es gibt Männer, die spüren intuitiv, was Frauen hören wollen. Sie werfen ihre Sätze wie Köder an der Angel aus. Frau schnappt danach und bleibt am Haken hängen. Einmal gab er mir das Gefühl, eine wunderbare Frau zu sein: „Lena, Du bist einfach grossartig! Bei Deinem Anblick geht bei jedem Mann die Sonne auf (in jeder Beziehung, haha!).“ Das musste man mir nicht zweimal sagen. Sexismus hin oder her. Ich definierte mich damals ganz und gar über mein Äusseres: Ich gefalle, also bin ich. Ich werde begehrt, also bin ich noch mehr.

Aber das hätte noch nicht genügt: „Du bist das intelligenteste Wesen - zugleich weich und Weib.“ Klüger - auch wenn total verlogen - hätte er es gar nicht anstellen können. Intelligenz allein hätte mir nicht genügt. Die Ankopplung an das Weibliche war wichtig.

„Ich bin sicher, dass man mit Dir Pferde stehlen könnte. Lenchen, stell Dir vor, wir klauen uns zwei windschnelle Schimmel und galoppieren in den lachenden Morgenrachen!“ Klar, sich wie zwei Kinder in verbotenen Spielen ergehen und sich vor Lachen den Bauch halten. Diese Vorstellung belebte mich. Psychologen würden von Grössenphantasie und Realitätsverlust sprechen, was dem wunderbar prickelnden Gefühl freudvoller Lebendigkeit keinerlei Abbruch tun kann.

Aber das alles hätte nicht genügt, wenn er nicht auch mein auf Abruf lauerndes Hilfspotential in Bewegung gesetzt hätte:

„Ich starre Löcher in die Decke, bis sich der Raum zu drehen beginnt und der Kalk durch die Hirnzellen rieselt. Die einzige Attraktion ist, den Flug einer Schmeissfliege zu beobachten, ihrem waghalsigen Landemanöver folgen. Und das Herz in die angehaltene Welt hinein pochen hören und nicht mehr wissen, ob es das eigene ist, oder ob ich mich schon in die Fliege verwandelt habe. Lena, ich brauche Dich! Bitte schreib mir! Schreib mir alles von Dir! Was Du denkst. Was Du machst. Wie Du lebst. Ich trinke jedes Wort von Dir in mich hinein, lagere es in meinem Keller wie kostbaren Champagner. Kurz vor dem Durchdrehen nehme ich einen kleinen, rettenden Schluck davon.

Ohne Dich ist mein Leben leer.“

Unverhoffte Töne in den Ohren einer verheirateten Frau. Und bald schrieb ich mir das Leben vom Leib. Von der Unsäglichkeit, neben einem Partner innerlich zu vereinsamen. Vom schrecklichen Versuch, Intimität über theoretische Konzepte herzustellen. Und von den tausend einsamen Nachtflügen über den Ozean. Gottvergessenmausallein. Von beunruhigenden ärztlichen Untersuchungen, die niemanden interessierten. Von meiner Operation, die keiner zur sorgenden Kenntnis nahm. Ich dachte damals, ich könnte sterben - und niemand würde es bemerken. Ich schrieb von meinen rührseligen Phantasien: Mich selbst in einer entlegenen Hütte in einen Sarg zu legen, mich nicht mehr zu ernähren, bis lautlos das Licht ausging. Irgendwann würde ich vertrocknen und zu Staub zerfallen. Saubere Selbstentsorgung.

Es gab kein Wort, das ihm entging. Er reagierte auf alles. Und es gab nichts, was ich nicht hätte erzählen können! Endlich erlaubte ich mir, in Sentimentalitäten zu baden und mir selbst unendlich leid zu tun, während ich mir vorstellte, in seinen tröstenden Armen zu liegen. Wir hatten die Rollen vertauscht. Er wurde zu meinem Therapeuten. „Lass Dein Zellenfenster immer einen kleinen Spalt geöffnet, damit ich zu Dir kommen kann“, flehte ich wie in einem Groschenroman.

„Schlüpf unter meine Flügel - wann immer Du willst!“ antwortete er.

Dazwischen stritten wir heftig. Er wollte unbedingt, dass ich ihm ein Playboy-Heft schicke. Ich fand das eine derartige Geschmacklosigkeit, dass ich zuerst zwei Tage nicht schrieb und verstummte. Er hakte nach. Es seien vor allem die tollen Kochrezepte, die ihn interessierten. Daraufhin schickte ich ihm ein Kochbuch: „Viel Vergnügen beim Ausprobieren!“

Er liess nicht locker. „Himmelarsch! Was bist Du für eine prüde Tante! Frau Psychologin rümpft ihr properes Näschen und hat nichts als faule Sprüche wie „lch-bin-okay-du-bist­okay“ und anderen Psychoschrott auf Lager. Ach, ihr Weiber seid doch alle gleich! Wenn Mann die Augen euch verdreht, ein Sümmchen auf dem Konto steht, und euch den Himmel und das Glück verspricht, dann seid vor Liebe ihr verrückt. Folgt aber ein Mann seinen natürlichen Bedürfnissen und will sie einigermassen menschlich befriedigen, dann fährt die Moral jäh wie ein Blitz aus blanksauberem Himmel ins hehre Haupt und verkündet fromm und falsch.“

Er hörte nicht auf, mich zu verhöhnen. Er hämmerte schlagfertig gegen meine Argumente. Irgendwann hatte ich es satt. Ich bestellte für ihn ein Jahresabonnement des Playboy. Prompt antwortete er: „Bravo. Was bist Du doch für ein vernünftiges Mädchen. Ich wusste, dass Du nicht nur eine völlig überflüssige psychologische Datenbank in Deinem Hirn herumschleppst, sondern dass Du auch in der Lage bist, eigenständig zu denken und Grundgesetze der menschlichen Existenz zu begreifen. Danke. Und eins noch. Ein Mann, der hinter Gittern steckt, bleibt dennoch ein Mann. Mit allem, was dazugehört. Und es gibt eben Momente, da zieht es die gesamte Hirnsubstanz aus dem Kopf in die Eier hinunter, sie sammelt sich mit dem ungeheuerlichen Druck eines sirenenheulenden Feuerwehrwagens und will nur eins: den Brand löschen. Hätte ich mich freiwillig für den Zölibat entschieden, würde ich vielleicht kämpfen, gegen den drängenden Aufrichteimpuls, gegen die schlafpralle Morgenlatte, die fordernd wie ein Hahn in die frühen Stunden pisst, gegen den hämmernden Herzschlag,

gegen die angina-pektorale Not in der Eichel, gegen das Abhandenkommen von Vernunft und gegen die Versklavung der Intelligenz. Vielleicht aber würde ich als Abbe Pierre verzweifelten Weiberherzen beistehen, von unten her Trost in sie hineinspritzen, bis sie vollgepumpt und gesättigt wären. Sorry. Lenchen. Nicht böse sein. Meine Phantasie zieht mehrfarbige Bahnen am Horizont wie die Flugstaffel der Trikolore.“

Ich konnte ihn nicht als Sexisten abzutun. Ich entschuldigte ihn, ein echter Sexist wäre niemals in der Lage, über seine Haltung nachzudenken. Zudem überzeugten mich seine Argumente: „Entzieh einem Menschen das Essen, und er wird an nichts anderes mehr denken als ans Essen. Entzieh ihm die Möglichkeit sexueller Kontakte, und er wird an nichts anderes mehr denken können als an Sex. Verbiete einem Mann, kein anderes Weib als sein eigenes zu begehren, und es läuft ihm bei jeder Verkäuferin das Wasser im Mund zusammen! Die menschliche Hardware ist in ihrer Präzision nicht zu übertreffen. Jedes Verbot steigert das Verlangen.“

Obwohl ich ihm recht geben musste, wäre es mir äusserst peinlich gewesen, mit Frauen aus der Frauenbewegung darüber zu sprechen. Ihr Urteil wäre einstimmig gewesen. Ich genoss das Gefühl, endlich von einem Mann verstanden zu werden, und sein Werben beflügelte mich, meinen ehelichen Alltag über die Runden zu bringen:

„Die Eiszeit ist um. Zehn Jahre Ehe genügen. Wach auf! Streck Dich und reck Dich!

Gähn laut und vertreib die elenden Gespenster/ Bin zwar kein Prinz, nur ein Vagant,

kann jagen, wild reiten, fechten und streiten, rechten, schön fluchen, rastlos Dich suchen

in hintersten Ecken, geheimen Verstecken, bis ich Dich pack', Deine Seele aufknack'.

Den Rest kannst Dir denken und wir uns beschenken.

Herzlich - wie immer lachend - wie immer wütend - wie immer

ratlos - wie immer

Dein Wildschwein Sebastian“

Das verbotene abenteuerliche Liebesspiel mit Sebastian teilte ich mit Raina, der ich alles erzählte. Und Antonia las ich sogar aus den Briefen vor, auch ihr erzählte ich alles. Antonia war bereits als Novizin für den Haushalt des ganzen Schlosses zuständig. Sie hatte eine innere Grösse, die grenzenlos schien. Ich konnte mit meinem ganzen Leben in sie einziehen und mich darin ausbreiten. Für sie gab es nichts, was es nicht gab. Sie habe mit dem lieben Gott ein Abkommen getroffen, scherzte sie. Sie wolle ihm niemals ins Handwerk pfuschen, sondern alles als Ausdruck der göttlichen Schöpfung entgegennehmen. Dies bewirkte tatsächlich, dass man sich in ihrer Nähe niemals abgewertet oder kritisiert fühlte. Alles ist so, wie es ist. Und das ist gut so. Ihr zierliches Äusseres stand im krassen Gegensatz zu ihrer seelischen Fülle. Körperlich lud sie nicht ein, sich an ihre schmale Brust zu werfen, um sich auszuweinen. Aber ihre seelische Dimension überlagerte die Körperlichkeit. Und wahrscheinlich war gerade das ihr Geheimnis, dass man auch bei seelischer Intimität mit ihr stets unabhängig und eigenständig blieb. Ich liebte sie. Einmal schlich ich nachts mit einem besonders aufregenden Brief von Sebastian durch den Schlossgang in ihr Zimmer. Sie war schon im Bett, aber sie öffnete trotzdem die Tür. Sie trug zu meiner grof1en Verwunderung ein wunderschönes plissiertes, blassgelbes Chiffonnachthemd, ihr dunkles schnittlauchgerades Haar rahmte das Gesicht ein, das nun einen ganz anderen Ausdruck erhielt. Die Schwesternhaube milderte ihre etwas kantigen Züge, besonders die Nase ruhte unauffällig in ihrem Gesicht. Durch die Einrahmung der dunklen Haare trat sie nun wie ein Felssprung hervor, der über einem unnennbaren, gefährlichen Abgrund abzustürzen drohte. Ihre Zehennägel waren tomatenrot lackiert, die Füsse wirkten sehr unternehmungslustig. Die Schuhe, die sie sonst trug, verrieten bei genauem Hinsehen ihre modische Neigung. Zwar waren sie pechschwarz und geschnürt, aber so seidenweich und edel wie ein Abendschuh, die Sohle ebenfalls hauchdünn und biegsam, dazu ein zierlicher, beschwingter Absatz, der wohl ihrem Gang diese Leichtigkeit verlieh. Der ganze Schuh war schmal und verletzlich gearbeitet, bis zur neckischen Spitze. Später erfuhr ich von ihr, dass sie sich diese Schuhe nach einem eigenen Entwurf selbst machen liess. Dies sei der einzige Luxus, den sie sich leiste, witzelte sie.

Den Kontakt zu Antonia hatte ich schon lange verloren. Früher musste diese· Beziehung nie gepflegt werden. Auch wenn wir über längere Zeit nichts voneinander gehört hatten, führten wir mühelos unsere Unterhaltung dort weiter, wo wir das letzte Mal aufgehört hatten.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie nach dem Brand auf Schloss Ripsen einfach sang- und klanglos in ihr Mutterhaus zog und aus dem Leben, das sie so liebte, verschwand, um sich irgendeiner Oberin unterzuordnen und sich strengen Ordensregeln zu unterwerfen. Sie führte den Haushalt des Schlosses seit vielen Jahren, empfing die Gäste für die Seminare, kümmerte sich um ihr Wohlbefinden, hatte ein Ohr für alle und jeden, und abends trank sie auch gerne ein Gläschen in netter Gesellschaft. Sie war von einer seltenen Heiterkeit, blitzschnell im Denken und Sprechen und stets für einen frechen Witz zu haben. Genauso virtuos stellte sie sich auf den Ernst des Lebens ein, verfügte über sämtliche Seelenschattierungen des Trübsinns, der Verzweiflung und Trauer. Sie begleitete die Menschen in sämtliche seelischen Landschaftsbilder. Dies machte sie zur begehrtesten Gesprächspartnerin auf Schloss Ripsen.

Irgendwie wagte ich aber doch nicht, einfach im Kloster anzurufen und zu sagen, könnte ich mal mit Schwester Antonia sprechen. Es schien mir sehr unpassend zu sein, deshalb liess ich es bleiben, obwohl mir beim Lesen von Sebastians Briefen Antonia mit ihren kessen Schühchen stets durch den Kopf flitzte.

Während der folgenden Tage kam ich allerdings nicht mehr oft zum Lesen. Ich kümmerte mich um Raina, die entweder wild fluchend um sich schlug und ausrastete oder weinend zusammenbrach und lange Predigten über die gerechte Strafe Gottes verkündete, dass Hubertus mit seiner elenden Schlampe nun für sein Unrecht büssen müsste. Sie kam jeweils derart in Fahrt, dass sie vor nichts haltmachte. Und wenn wir gerade im Restaurant miteinander sassen und ein emotionaler Schub sie überfiel und in Bewegung setzte, dann wurden die Gäste ebenfalls von dieser Dramatik erfasst. Gelegentlich befürchtete ich sogar, ein beunruhigter Gast könnte die Polizei benachrichtigen, wahlweise auch einen Arzt oder den psychiatrischen Dienst. Je nachdem. Dazwischen verschwand sie. Da sie keine Telefonate mehr entgegennahm, wusste ich nicht, wo sie sich in der Zwischenzeit aufhielt. War ich nicht mit Raina beschäftigt, meldete sich Wanda. Aber ihre Not machte sie nicht gesprächsbereiter. Nachdem sie wusste, daf3 ich Raina getroffen hatte, gelang es ihr, noch einen Satz aus sich herauszuwürgen: "Nun weisst du alles über Hubertus und mich.“

Im Grunde genommen wusste ich immer noch nicht viel. Hubertus und Wanda hatten offenbar ein heimliches Techtelmechtel. Seit Jahren. Irgendwann flog die Sache auf. Raina vermutet, Hubertus sei der Vater von Wandas Kind, das sie erwartete. Aber weshalb sollte ausgerechnet Hubertus das Schloss angezündet haben?

7. Wie sich aussereheliches Fruchtwasser vorzeitig ergiesst und die Vernunft davonschwimmt

Ich fahre früh los. Ich will rechtzeitig im Untersuchungsgefängnis sein. In der Stadt werde ich wahrscheinlich stundenlang nach einem Parkplatz suchen müssen. Besser wäre, das Auto am Stadtrand zu parken und dann die Trambahn zu nehmen, wie damals, als ich Sebastian zum erstenmal im Untersuchungsgefängnis besuchte. Da hatte mich der Untersuchungsrichter telefonisch darum gebeten, Sebastian einen Besuch abzustatten. Unser Briefwechsel lief gerade auf Hochtouren. Und mir war die ganze Angelegenheit unendlich peinlich. Ich wollte nicht. Schreiben, gut, das schon. Ihn aber auch noch besuchen. Ich log. Keine Zeit. Der Untersuchungsrichter rief ein zweites Mal an. Sebastian habe seine Zelle zusammen - geschlagen, i1/h solle mich doch endlich - als seine ehemalige Psychotherapeutin! - um ihn kümmern. Ich wollte immer noch nicht. Als er zum drittenmal anrief und mir mitteilte, die Untersuchungen stockten, weil Sebastian jedes Gespräch verweigere und darauf bestehe, nur mit mir zu sprechen. Ich war wütend auf ihn, aber ich gab nach.

Alles ist hier noch wie früher. Zuerst kommt man durch den steinernen Türbogen, dann führt der Weg über eine pfeilgerade Betonbrücke, die bei einer gläsernen Kommandozentrale endet. Dort werden die Zulassungspapiere geprüft. Der Beamte meldet die Nummer des gewünschten Insassen per Funk an qas Aufsichtspersonal: ,,Nummer 37 bitte.“ Dann geht es durch die Schleuse. Ringe, Ketten und alles, was aus Metall ist, auf einen Teller legen. Es pfeift. Nochmals zurück. Ach ja, die Ohrringe. Es pfeift nochmals. Irgendwo muss noch was sein. Witze. Pfeift da etwa meine Spirale? Oder Metallknöpfe am Blazer. Also ausziehen. Jetzt geht es. Bei meinen späteren Besuchen, als ich mich bereits in Sebastian verliebt hatte, schmuggelte ich kleine (Überraschungsgeschenke für ihn ein. Ich steckte mir Metallfotorahmen als Brosche an, hing mir kleine Goldherzen, Elefanten oder Pillenboxen mit zusammengefalteten Geldscheinen und Briefmarken an eine Halskette oder bastelte daraus aufregende, exotische Ohrgehänge, zog sie aus, legte sie mit gelassener Miene in die Plastikschale, um sie hinter der Metallschranke unversehrt wieder in Empfang zu nehmen.

Auch der Gesprächsraum für Besucher war unverändert: zwei auf zwei Meter, karamelcremefarbener Linoleumboden, vergitterte Fensterluken, in der Mitte ein Tisch, zwei Stühle auf jeder Seite, bei Untersuchungshäftlingen ein Stuhl für die Aufsichtsperson, diskret in der Ecke. Peinlich für alle. So oder so. Oder der winzige Raum ist durch eine Trennwand aus Glas halbiert. Damit nicht irgendein unstatthaftes Zettelchen mit Informationen oder Bestandteile eines zerlegten Revolvers transportiert werden können. Während meines ersten Besuchs bei Sebastian im Untersuchungsgefängnis sass auch ich hinter einer Glasscheibe. Hermetisch abgeschirmt. Als er hereingeführt wurde, geriet mein Kontrollsystem aus den Fugen, und ich brannte wie ein hochsommerlich ausgetrockneter Heuhaufen lichterloh. Die Falle klappte hinter mir zu. Die kleine Räuberbraut aus dem Groschenroman hatte Angst um ihn und befürchtete, er könne ihr in seinem Übermut irgend etwas erzählen, was sich ungünstig auf ihn und das ausstehende Gerichtsurteil auswirken würde. Deshalb schrieb sie eilends mit mohnrotem Lippenstift auf ein handgesäumtes Spitzentaschentuch: „Achtung Tonband!“ Er nickte, jonglierte sich mit verschlüsselten Worten in ihr verliebtes Ohr, während er sie mit den saphirgrünsten Augen der Welt umflunkerte.

Hubertus wird hereingeführt.

„Du bist sicher überrascht, dass ich dich besuche.“

„Dein Besuch wurde mir schon vor Tagen angekündigt.“

Wir setzen uns. In der Ecke der Aufsichtsbeamte. Er liest in einer Zeitung.

„Wanda hat mich gerufen.“

,,Sag, wie geht es ihr?“

„Nicht besonders gut.“ Er schweigt.

Meine Beziehung zu Hubertus war über all die Jahre immer sehr unproblematisch. Emotionslos. Sachbezogen. Wir planten Tagungen. Er übernahm die gesamte Organisation. Wir führten neue Themen ein. Im Anschluss werteten wir die Ergebnisse aus. Es geht. Es geht doch nicht. Seine unleidenschaftliche Art, mit Fehlern umzugehen, bot mir viel Raum für Experimente. Wir kamen uns emotional nie sehr nahe. Aber wir respektierten uns.

Hubertus ist auch in dieser neuen Situation nicht von Gefühlen aufgeweicht. Er freue sich zwar, dass ich ihn besuche, teilt er mir mit, aber es gebe nichts, was ich für ihn tun könnte. Der Haftbefehl gegen ihn wegen Brandstiftung sei einfach lächerlich. Aber das werde sich zweifellos aufklären. Es brauche lediglich etwas Geduld. Die aber könne nur er allein aufbringen. Ich frage nach seiner Rechtsvertretung. Etwas Derartiges brauche er nicht.

Irgendwie bin ich ein Idiot, denke ich. Ich lasse mich auf etwas ein, das total verfahren ist. Ausserdem rückt keiner mit der Sprache heraus. Die Wahrheit tröpfelt durch zufällige Kommunikationsfetzen, und ich steh' wie der Ochs vorm Berg.

Ich erzähle Hubertus, dass ich auch Raina getroffen habe und dass sie ebenfalls ziemlich angeschlagen und recht verwirrt sei. An seiner Ehefrau Raina scheint sein Interesse völlig erloschen zu sein. „Wanda steht kurz vor der Niederkunft. Bitte benachrichtige mich.“ Das ist alles, was er von mir will. Noch bevor die Sprechzeit um ist, verabschiede ich mich.

Vorbei an der Kommandozentrale, über die Betonbrücke, unter dem steinernen Türbogen ins Freie. Die Sonne brennt ins Gesicht. Weshalb helfen wollen, obwohl es nichts zu tun gibt. Macht euren Dreck allein. Löffelt eure Suppe selbst aus. Was hab' ich mit all dem zu tun. Ich setze mich mitten in das Gewühl eines Strassencafes. Ein Herr mittleren Alters quatscht mich an. Ich schaue auf die andere Strassenseite. Einmal in meinem Leben möchte ich den Mut aufbringen und einem dieser sabbernden Zufallsquassler, die hinter jedem Rock herjagen, eine Ohrfeige mitten ins Gesicht verpassen. Ohne vorherige Ankündigung. Affektlos. Kühl berechnend und absolut vorsätzlich. Ich bin wütend. Und weiss nicht einmal so recht, auf wen. Ich will nur eines, die Wut loswerden und dann endlich wieder heimfahren. Ich wende meinen alten Trick an, wenn ich mich von unangenehmen Gefühlen befreien will, und lege mir einfach eine andere Filmspule ins Hirn ein: Als die kleine Räuberbraut nach ihrem ersten Besuch bei Sebastian das Untersuchungsgefängnis verliess, bemerkte sie zuerst nicht, dass sie ihren Verstand verloren hatte. Sie irrte in den Strassen umher und fand ihr Auto nicht mehr. Dicke Tränen kullerten ihr über die rosig gepuderten Wangen und zogen feine wimperntuschschwarze Schneckenspuren übers Gesicht. Sie war verzweifelt. Einerseits sass der Liebespfeil genau an jener empfindlichen Stelle, wo es so verdammt schmerzt, andererseits konnte sie trotz heftigen Suchens in sämtlichen Strassen ihr Auto nicht mehr finden. Nachdem die Füsse heftig zu brennen begannen, ging sie zur Polizei und meldete das Verschwinden des Autos. Bei der Protokollaufnahme fiel ihr schliesslich ein, dass sie es am Stadtrand geparkt hatte. Nach diesem ersten Besuch bei Sebastian war sie nicht mehr zurechnungsfähig. Sie schwebte nicht nur wie auf Wolken, sie hatte auch plötzlich das eigenartige Gefühl, aus einem jahrelang tiefgefrorenen Zustand allmählich aufzutauen. Sebastian, dem es wohl nicht entgangen war, welchen Eindruck er auf sie gemacht hatte, hakte gleich nach und jagte ihr Briefe mit heissen Villon-Versen hinterher:

„Die Luft erbrach sich fast vor Fruchtbarkeit.

Und unsereins hat Gott wer weiss wie lang nicht mehr sich in ein Weiberfell hineingewühlt.“5

Seine Briefe heizten ihr Verliebtsein täglich erneut an. Er streute gekonnt Villon-Zitate oder ganze Gedichte in seine Briefe, die sie alle auswendig lernte. Wenn sie sie vor sich hinsprach, fühlte sie sich auf eine wunderbare und erhabene literarische Art mit ihm aufs innigste verbunden. Gelegentlich aber konnte sie nicht mehr genau unterscheiden, wem ihre Gefühle galten, Sebastian oder Frarn;ois Villon.

Die kleine Räuberbraut informierte ihren gesetzlich Angetrauten über ihre inneren Verhältnisse. Da dieser seinen emotionalen Haushalt längst aushäusig versorgte, vermochte diese Mitteilung keine grossen Emotionen bei ihm auszulösen. Sie hatte also freie Fahrt. Sie steckte sich rote Rosen ins Haar, schrieb Briefe, was das Zeug hielt, und schlürfte Sebastians Worte wie köstliche Austern in sich hinein.

Obwohl ich es aufrichtig bedauerte, dass Sebastian hinter Gittern sass, genoss ich vor allem den abstrakten Charakter dieser Liebe. Es findet ja ohnehin alles im Kopf statt, dachte ich. Es gibt ja nichts, was nicht zuerst im Gedanklichen herumspukt. War nicht im Anfang das Wort? Und nur das Wort? Gehen nicht vom Denken alle Dinge aus? War nicht alles denkgeboren, denkgefügt, wie Buddha schon vor Christus erkannt hatte? „Ohne das Wort ist nicht eines geworden, das geworden ist.“ Sebastian existierte nur durch das Wort, das täglich wie ein Wasserfall auf mein Nudeln kochendes Dasein prasselte. Da geriet manches durcheinander. Seine Zauberworte beflügelten mich und verliehen mir eine beinahe unbeschreibliche Hausfrauenleichtigkeit.

Wurde die nackte Realität kurz eingeblendet, spielte sie sich nebenbei, auf einer anderen Etage ab: „Gestern habe ich den Strafantrag erhalten: 30 Monate. Und das bei einem dreimonatigen Aufenthalt unter freier Sonne! Wenn das so weitergeht, werde ich bei einer Lebensdauer von 65 Jahren noch weitere 34 Jahre einsitzen.

Wie ich das errechnet habe?

Ganz einfach. 65 Jahre = 780 Monate.

324 Monate habe ich hinter mir. Bleiben also noch 456. Davon ein Zehntel in Freiheit, der Rest hinter Gittern. Macht summa summarum: 34 Jahre im Knast.“

Über seine Delikte schwieg er sich aus. „Nur soviel. Alles im absoluten Alleingang. Keine Gewalttat. Nichts gegen Leib und Leben. Nur mit dem Köpfchen gearbeitet. Zahlen verschoben. Das ist alles.“

Seine erste Straftat hatte er sich als harmloser Kriegsdienstverweigerer, der zudem den Zivildienst verweigerte, geleistet.

„Ich bin doch nicht blöd! Ich spiele im Krieg nicht mit. Aber

beim Zusammenflicken bin ich wieder dabei.“ Er setzte sich kurz entschlossen ins Ausland ab. Als er nach drei Jahren zurückkam, führten sie ihn bereits im Flughafen ab: „18 il1onate, nackt auf den Arsch“, das heisst, unbedingt.

Im Hotel überreicht man mir am Empfang eine Nachricht von Wanda. Sie bittet um sofortigen Rückruf. Sie will von mir nur eines wissen, wie es Hubertus geht. Wann er freigelassen wird. Wie soll ich ihr klarmachen, dass mein Besuch völlig überflüssig gewesen ist? Dass Hubertus einfach auf seine Unschuld setzt, die sich, so rechnet er, zwangsläufig irgendwann herausstellen wird?

Ich telefoniere mit Felix. Ich habe die Nase voll und will heim. Felix meint, ich sei es einfach nicht gewohnt, dass etwas nicht so gehe, wie ich es mir in den Kopf gesetzt habe. Er hat nicht unrecht. Aber irgendwie finde ich es auch albern, mich wie eine Marionette in ein Spiel einspannen zu lassen, in dem die Karten nicht offen auf den Tisch gelegt werden.

„Ich will nicht als Wasserträgerin vom einen zum andern rennen, um hinterher festzustellen, dass ich nur leere Krüge transportiert habe. Ich packe die Koffer und fahre heim. Gleich morgen früh haue ich hier ab.“

„Überleg es dir noch mal.“

Am nächsten Morgen bin ich mit anderem beschäftigt. Nachts gegen drei Uhr werde ich von Wandas Ehemann gerufen. Die Wehen haben eingesetzt. Zwei Wochen vor dem errechneten Termin. Gestern Abend platzte die Fruchtblase, und das Fruchtwasser ergoss sich auf den düsteren Holzboden des ehelichen Schlafzimmers. Trotzdem legte sich Wanda ins Bett, wie wenn nichts geschehen wäre. Wie ich vermutete, will sie zu Hause gebären. Auf die sanfte Art. In der Badewanne. Mit einer sanften Hebamme. Ernst hat von allem keine Ahnung und nimmt an, ich sei über alles informiert. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander. Gegen sieben Uhr ist das Kind da, ein 3,2 Kilo schweres Mädchen, mit rötlichem Flaum auf dem Kopf. Hubertus' rotblondes Haar lässt grüssen.

Wanda liegt im stummen Glück, kraftlos und erschöpft. Ernst steht unbeholfen daneben, in stellvertretender Vaterschaft, dann geht er in den Stall. Die Hebamme wirbelt mit tausend Handgriffen geschäftig herum, und ich kümmere mich automatisch um Kinder und Haushalt. Visionen, wie auch immer, haben die Tendenz, sich zu erfüllen!

Da ich mich strikt weigere, dort zu schlafen, bin ich jeden Morgen mit einem unbeschreiblichen Chaos konfrontiert. Wanda ist derart schwach, dass sie kaum stillen kann. Das Kind schreit unentwegt. Die anderen ebenfalls. Dazwischen kochen - was ich noch nie konnte-, Wäsche waschen, putzen - alles Dinge, für die ich zu Hause jemanden engagiert habe. Vielleicht klappt Ernst auch noch zusammen, und ich melke auch noch dreissig Kühe um vier Uhr in der Frühe.

Ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie ich abspringen könnte, suche nach einer Ausrede, hoffe, Felix rufe an, er sei plötzlich krank geworden, ich müsse sofort zurückkommen. Nichts geschieht in dieser Richtung. Meine Fingernägel sind vom Haushalten und Putzen abgebrochen, meine Haare, die ich jetzt aus Zeitgründen selbst wasche, sind spröd und matt. Wenn ich in die Hotelhalle komme, könnte ich eher für eine Küchenhilfe oder eine Putzfrau gehalten werden als für einen Gast. Ich trage Gammelhose und Gammel-T-Shirt, die Raina letztes Mal bei mir vergessen hatte, als sie in meinem Bett einschlief und sieh später den Hotelbademantel überwarf und nach Hause fuhr.

Wie konnte es mich derart erwischen! Felix, dieser Idiot, hat mir auch noch zugeraten, auf Wandas Anruf einzugehen und mich auf diese unsägliche Geschichte einzulassen. Ihm würde ja soetwas niemals passieren. Er grenzt sich ab.

Gefallen Ihnen unsere Artikel? Wir freuen uns über ein Teilen auf Facebook. Herzlichen Dank!

Empfehlen Sie uns auf Facebook

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen