Fragen an den Philosophen

Eckart Ruschmann, 29.01.2020

Eckart Ruschmann
Eckart Ruschmann

Mich ärgert es sehr, dass einem in schwierigen Situationen stets das dumme Sprichwort vorgehalten wird: „Aus Schaden wird man klug.“ Muss man immer zu Schaden kommen, um etwas zu lernen? Ist es nicht möglich, durch Nachdenken wichtige Erkenntnisse zu gewinnen? Was sagt die Philosophie dazu?       Pauline

Liebe Pauline,

ja, ich stimme dir zu – das ist ein „dummer Spruch“ zum Thema „Klugwerden“. Und was ist überhaupt mit „Schaden“ gemeint? Das ist die „Außensicht“, wie sie bei einem Versicherungsunternehmen stattfindet, wenn man etwa fragt, ob nur „Sachschaden“ entstanden ist oder auch „Personenschaden“.

Ich möchte die Frage anders stellen, und dann werden wir zu anderen Antworten kommen. Das Thema, das dich beschäftigt, hat offenbar mit „Lernen“ zu tun. Wir Menschen sind lernende Wesen – und zwar während unseres ganzen Lebens. Wir versuchen etwas Neues zu lernen, dabei machen wir (vor allem anfänglich) Fehler, die uns zeigen, dass wir noch nicht so ganz genau wissen, wie es geht. Wir entwickeln ein „know how“, ein Wissen, wie es geht. Vieles lernen wir von anderen, wir übernehmen deren Wissen, ihre Fertigkeiten, doch vieles müssen wir uns auch selbst aneignen, durch Handeln und – wie du richtig sagst – durch Nachdenken, durch Reflexion, vor allem, wenn es darum geht, mit „Fehlern“ umzugehen und daraus zu lernen.

Mein Vorschlag ist also, die „Objektsprache“ zu vermeiden, und lieber die „Subjektsprache“ zu wählen und davon zu sprechen, dass wir immer wieder auch Fehler machen. Das ist aber nichts Schlechtes, sondern ein ganz natürlicher Aspekt des Lernens und Reifens. In der Psychologie gibt es das Konzept der „Fehlerfreundlichkeit“. Die Schweizer Psychologen Fritz Oser und Maria Spychiger haben ein Buch veröffentlicht, mit dem Titel „Lernen ist schmerzhaft. Zur Theorie des Negativen Wissens und zur Praxis der Fehlerkultur“.

Jeder Mensch macht immer wieder Fehler – das ist ein ganz normaler und konstruktiver Prozess, mit dem wir eben auch „negatives Wissen“ erwerben, also ein Wissen darum, was nicht geht und warum nicht. Mit dieser Haltung können wir uns getrost auf den Weg des „lebenslangen Lernens“ (LLL) begeben und verlieren die Angst, Fehler zu machen. Handeln und Reflektieren gehen dann Hand in Hand – „learning by doing“, Ausprobieren und achtsam dabei sein, gerade auch wenn etwas nicht so gut funktioniert, so lernen wir am besten.

Es gibt noch einen wichtigen Aspekt, der gerade im zwischenmenschlichen Bereich wichtig ist. Es kommt immer wieder einmal vor, dass wir andere Menschen verletzten, und ebenso werden auch wir von anderen verletzt. Leider ist es oft nicht so leicht, diesen „Schaden“, diese (seelische) Verletzung, mitzubekommen. Deshalb ist es wichtig, dass ein Mensch, der verletzt worden ist, das auf eine möglichst konstruktive Weise einbringt und damit dem anderen ermöglicht, den „Fehler“ zu erkennen und daraus zu lernen. Dabei sollte man möglichst keine Du-Aussagen machen („Du bist so grob und rücksichtslos“), sondern die eigene Reaktion auszudrücken (etwa das Verletztsein), verbunden mit einer klaren Aussage darüber, was es genau war, was mich verletzt hat. Dann, und nur dann, kann die andere Person erfassen, was sie „gesendet“ hat und welche Reaktion dadurch ausgelöst wurde, denn sehr oft ist dem „Sender“ nicht klar, was er beim „Empfänger“ anrichtet. So können „Fehler“ und der Umgang damit einen guten und konstruktiven Lernprozess des Miteinander ermöglichen.

Wenn ich versuche, nun einen neuen, besseren „Spruch“ zu diesem Thema zu formulieren, dann könnte das etwa so aussehen:

Wir Menschen sind lernende Wesen, unser ganzes Leben lang. Wir lernen gerade auch aus Fehlern, wenn wir gut und verständnisvoll damit umgehen, mit uns selbst und mit anderen, und mit der Haltung der „Fehlerfreundlichkeit“.

 

 

 

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