Fragen an die Jurymitglieder des 7. Bodensee-Schreibwettbewerbs 2020

Verena Lüthi, 06.10.2020

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel
Eveline Keller
Eveline Keller
Gaby Kratzer
Gaby Kratzer

Du bist im Schreiben geübt. Hast selbst Bücher geschrieben oder bist gerade dabei ein Buchprojekt zu verwirklichen. An was arbeitest Du gerade?

Béatrice: Aktuell bin ich dabei mir einen weiteren Schreibtraum zu erfüllen. Ein Buch voller „Gute Nacht Geschichten für Erwachsene“. Alles alleine zu stemmen wäre ein zu grosser Kraftakt gewesen. Deshalb lud ich Preisträgerinnen und Autoren von Wettbewerben dazu ein, Prosa oder Lyrik Texte zu schreiben. Einige Damen und zwei Herren verfassen nun lustige, besinnliche, schräge, bis hin zu prickelnd erotische Geschichten. Eine Jury entscheidet, welche Beiträge es schaffen ins Buch aufgenommen zu werden. Nebst dem Schreiben kümmere ich mich um alles Organisatorische und die Vermarktung des Gemeinschaftswerkes.

Eveline: Soeben habe ich meinen dritten Krimi veröffentlicht und bin mit dessen Vermarktung beschäftigt.

Gaby: Zurzeit arbeite ich an einem Buchprojekt mit meiner besten Schreibfreundin. Ein weiteres Buchprojekt in der Schublade oder eher in meiner Denkstube, ist die Geschichte von Cora, deren Ehemann an einem Hirntumor starb, den er selbst als Kobold betiteltet. Eines Tages hatte sie genug getrauert und buchte sich Knall auf Fall eine Schiffsreise. Sind wir mal gespannt, was Cora alles erleben wird.

Hast Du ein Lieblingsbuch, dass Du gerade liest? Was liegt auf deinem Nachttisch?

Béatrice: Oh ja! DIE RICHTIGE FLUGHÖHE von Bertrand Piccard, dem Flugpionier, Arzt und Psychiater – seine Anregungen wie man sich dem Leben stellen kann, in dem man unnötigen Ballast abwirft und so offen wird für Neues, fasziniert mich. Es wird bestimmt mein Lieblingsbuch 2020.

Eveline: Schwierig, ich habe viele Lieblingsbücher, und das wechselt auch. Aktuelle Spitzenreiter im Moment sind: Unterleuten von Juli Zeh, oder The one plus one von Jojo Moyes, oder Camino Island von John Grisham.

Auf meinem Nachttisch liegt: Agent running in the field von John le Carré und Die Patientin von Christine Brand.

Gaby: Was heisst eines? Fesselnde Bücher gibt es einige. Biografien gefallen mir sehr. Ein Buch, welches mir bis heute noch präsent ist: Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand. Das vor allem wegen dem eindrücklichen Satz: «Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt!»

Auf meinem Nachttisch liegt «Älterwerden ist voll sexy, man stöhnt mehr! Das ultimative Lesekonfetti für Postjugendliche ab 50.»

Worin besteht der Unterschied zwischen der Funktion als Autorin einen Text zu schreiben und derjenigen einen fremden Text zu beurteilen?

Béatrice: In erster Linie darin, dass ich einem fremden Text und damit dem/der Verfasserin Respekt schulde. Egal was mir schon während des Lesens für Gedanken durch den Kopf gehen, ich muss mich in gewisser Weise daneben stellen und ganz neutral und unvoreingenommen an die Sache herantreten. Hier half mir meine Ausbildung zur Graphologin, da hatte ich mich an Vorgaben und Regeln zu halten und musste ganz systematisch vorgehen. So war es bei dieser Juryarbeit ebenfalls.

Eveline: Am wesentlichsten ist wahrscheinlich der Unterschied, dass wenn man selber etwas schreibt, es einem logisch erscheint. Bei einem fremden Text muss man je nach Art der Schreibweise, erst einen Bezug finden, sich hineindenken und sich so der Autorin annähern.

Gaby: Für mich sind das Welten. Als Autorin kann ich mich auf einen Text fokussieren und das Beste daraus machen. Als Jurymitglied muss ich mich auf verschiedene Texte konzentrieren und mich immer auf etwas Neues einlassen. Das ist teilweise sehr anstrengend. Eigene Texte sind in dieser Zeit praktisch nicht zu realisieren. Trotzdem ist es extrem interessant die Herangehensweise der Autorinnen zu den vorgegebenen Titeln zu sehen.

Auf was hast Du in Deiner Beurteilung besonders geachtet?

Béatrice: Dass ich mich an die Punkteskala hielt, die wir erarbeiteten. Nur so kann meiner Meinung nach eine faire Bewertung entstehen. Mir wurde zudem bewusst wie wichtig der „Rote Faden“ in einer Erzählung ist. Lesende sollten meiner Meinung nach von Anfang an verstehen, was der/die Autorin zu sagen hat. Komplizierte Satzstellungen und vermeintlich originelle Adjektive machen einen Text keinesfalls besser. Für mich musste ein Text einen Sinn ergeben!

Eveline: Nebst den üblichen Kriterien war mir wichtig, ob der Text mich berührt und wie steht es mit dem Humor? War der Text in sich logisch und stimmig.

Gaby: Für mich war besonders wichtig, dass eine Geschichte ansprechend ist und einen roten Faden hat. Wir hatten in der Jury einen Beurteilungsbogen mit dem wir die Geschichten bewerten konnten.

Wie muss man sich das vorstellen, liest Du alle Texte hintereinander oder verteilst Du das Lesen auf verschiedene Tage? Verändert sich auch die Meinung beim wiederholten Lesen?

Béatrice: Die Texte wurden nicht alle gleichzeitig eingereicht. Somit las ich sie ein erstes Mal bei deren Eintreffen oder wenn ich gerade Zeit hatte. Als die Eingabefrist abgelaufen war, setzte ich mich hin und las alle Beiträge zum Wettbewerb erneut und verteilte die Punkte. Danach liess ich alles ein paar Tage ruhen, las und beurteilte erneut. Dieses Vorgehen wiederholte ich dreimal und stellte fest, dass sich der erste Eindruck nur geringfügig veränderte. Was gut war blieb gut und schlecht Geschriebenes verbesserte sich auch durch mehrfaches Lesen nicht.

Eveline: Ich habe alle Texte mehrmals und an verschiedenen Tagen gelesen, damit ich nichts übersehe, und damit meine Tages-Stimmung keinen zu grossen Einfluss darauf hat.

Gaby: Bei diesem Wettbewerbe wurden rund 35 Geschichten eingesendet. Eine Unmöglichkeit alle hintereinander zu lesen. Ich persönlich habe die Geschichten über mehrere Tage gelesen und bewertet. Auch nach mehrmaligem lesen der Texte blieb meine Meinung dieselbe. Zu Beginn dachte ich auch, dass sich meine Meinung nach wiederholtem lesen verändern könnte, was sich aber nicht bestätigte.

Was möchtest Du sonst noch über Deine Erfahrung als Jurymitglied sagen?

Béatrice: Übung macht den Meister, sich nicht entmutigen lassen, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Einfach weitermachen. Das schreibe ich mir nach der Arbeit als Jurymitglied selbst wieder auf meine Fahne. Oder um es mit den Worten von Michelle Hunziker zu sagen: „Dranne bliebe!“

Eveline: Es hat mich überrascht, wenn man versucht objektiv zu urteilen, wie schwierig es doch ist, wirklich allen Kandidatinnen gerecht zu werden.

Gaby: Jurymitglied zu sein, ist eine anspruchsvolle Arbeit und nicht zu unterschätzen.

Ich bedanke mich bei meinen Jurykolleginnen für die tolle Zusammenarbeit.

Béatrice, Eveline und Gaby wir danken Euch für euer Engagement und wünschen Euch weiterhin viel Erfolg mit euren Schreibprojekten.

Das Interview führte Verena Lüthi, Redaktion Julia Onken Online-Magazin

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