Fragen einer Heilpädagogin

Karin Zimmermann, 12.06.2017

Ich arbeite seit gut 18 Jahren als Lehrerin und Schulische Heilpädagogin mit Kindern im Primarschulalter und ihre Fragen, ihre Aussagen, ihr Verhalten und auch ihre Frustrationen und Ängste rütteln immer wieder an mir und meinem (pädagogischen) Selbstverständnis sowie an meiner Sicht auf die Welt. Das ist gut so, denn es ermöglicht mir einerseits Selbsterkenntnisse und Erweiterung meiner subjektiven Eigenwelt und andererseits hilft es mir über die Mauer der pädagogischen Theorien und Konzepte zu klettern und dahinter  die Kinder mit ihren Welten, ihren Lern- und Entwicklungsbedürfnissen klarer zu erkennen. Nur dort kann Lernen und Entwicklung mit Leichtigkeit stattfinden. Das ist mir in den letzten Jahren so deutlich geworden.

Nun gab es letzthin während meiner Arbeit ein Begebnis, das mich aufwühlt und ratlos lässt.

In unserer Sonderwoche betreute ich während eines Workshops eine Gruppe Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse. Während sie an Gruppentischen zeichneten, sang ein Dreiergrüppchen einen Refrain und ich schnappte da mehrmals die Worte „Jugos“ sowie „verbrennt sie“ auf. Das stach mitten in mein Herz und mir schossen Gedanken durch den Kopf: „Rassismus“, „Feindbilder“, „Hassparolen“, „Entmenschlichung“, „was entmenschlicht ist, verliert seine Würde und den Schutz seiner psychischen und physischen Integrität“; „menschenverachtend gefährlich, solches Gedankengut!“; „so etwas darf man nicht singen, so etwas darf man nicht einmal denken!“.  Was tun? Ignorieren – das ist gleichbedeutend mit tolerieren und gut heissen. Verbieten? Belehren? Bestrafen? Damit wecke ich doch nur Widerstand und bestärke die Kinder in ihrem Tun oder sie verstehen nicht, warum sie etwas, was sie irgendwo aufgeschnappt haben, vielleicht von Erwachsenen, vielleicht von Personen, an welche sie emotional gebunden sind, nicht singen dürfen.

Ich finde auch im Nachhinein einfach keine Antwort darauf, wie ich mich in dieser Situation konstruktiv und echt hätte verhalten können und würde mich über eure Gedanken, Impulse, Ideen, Anregungen, links, Hinweise auf Unterstützungsangebote in so einer Situation sehr freuen!

Karin Zimmermann


3Kommentare

  • Meyer Renate
    15.06.2017 15:24 Uhr

    Machen Sie doch kein Drama daraus! Fragen Sie die Kinder einfach, woher sie dieses Lied haben und ob sie es
    gut fänden, wenn man statt Jugos ihre Namen verwenden würde im Zusammenhang mit Verbrennen!
    Holen Sie doch die Kinder dort ab, wo sie sich gerade befinden! Mit Drohungen und "Ach und Wenns" können
    die nichts anfangen.
    R. Meyer

  • Brigitte Hieornimus
    25.08.2017 10:22 Uhr


    Liebe Frau Zimmermann,
    die Gedanken und Unsicherheiten, die Sie angesichts dieses "Liedes" überfallen, sind verständlich.
    Wissen Sie denn, was genau Sie daran gehindert hat, sich authentisch zu verhalten? Es scheint, Sie verfangen sich in Gedanken, die sich weit aus der realen Situation entfernen. Kinder ahmen nach und lassen Frust ab - dort gilt es nachzufragen und genau zuzuhören.
    Die Idee von Frau Meyer ist durchaus umsetzbar und regt Kinder zum eigenen Denken an. Ich möchte Sie, liebe Frau Zimmermann ermutigen, gerade auf die Kinder zuzugehen, die sich "auffällig" verhalten und Interesse an dem "Unangenehmen" zu zeigen. Kinder halten uns oft einen Spiegel vor. Manchmal auch einen sehr unangenehmen. Sie werden auf diese Weise Zugang zu dem finden, was Ihnen Sorge bereitet.
    Herzliche Grüsse
    Brigitte Hieronimus
    Biografieberaterin/Dozentin am FSB

  • Margit Jäger
    27.12.2018 09:47 Uhr

    Liebe Frau Zimmermann
    Als diese drei Kinder "Jugos..... verbrennt sie" gesungen haben, waren Sie zutiefst schockiert. Sie fühlten sich in der Situation hilflos und wussten nicht, wie Sie sich verhalten sollten. Als engagierte Pädagogin und Lehrerin machen Sie sich im Nachhinein Gedanken, wie Sie in der von Ihnen beschriebenen Situation konstruktiv hätten reagieren können.
    Bei diesem Liedchen handelt es sich eindeutig um Rassismus gegen eine ethnische Zielgruppe. Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht sogar Kinder aus dieser ethnischen Gruppe anwesend waren und das Lied gegen diese Kinder gerichtet war? Dann würde es sich um Rassismus und Mobbing handeln.
    Als Lehrerin / Pädagogin sollten Sie in so einer Situation auf jeden Fall eingreifen. Als erstes wäre es wichtig herauszufinden, ob ein oder mehrere Kinder anwesend sind, gegen die das Lied gerichtet ist. Auf jeden Fall sollten Sie das Thema ansprechen und mit den Kindern anschauen und ihnen näher bringen, wie menschenverachtend ihr Liedchen ist. Sie sollten ihnen unmissverständlich klar machen, dass Mobbing - falls Mobbing vorliegt - und solche rassistischen Lieder von Ihnen keinesfalls geduldet werden.
    Ob dann tatsächlich ein Umdenken bei diesen Kindern stattfindet, liegt nicht in Ihrer Hand. Aber es ist wichtig, dass sie sensibilisiert werden. Es ist zu hoffen, dass sie durch das wiederholte beherzte Eingreifen verantwortungsvoller LehrerInnen, die da nicht einfach wegschauen, zum Nachdenken angeregt werden und letztendlich dazu kommen, sich von ihrer Herkunftsprägung zu distanzieren und sich ein humanistisches Weltbild zu erschliessen.
    Sie stehen mit diesem Problem jedenfalls nicht alleine da. Frau Susanne Wiesinger ist eine engagierte Lehrerin, die an einer sogenannten Brennpunktschule in Wien unterrichtet. Sie hat sich intensiv mit Rassismus im Klassenzimmer auseinandergesetzt. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Kulturkampf im Klassenzimmer". Es gibt auch Interviews mit ihr, die man auf youtube anschauen kann. Vielleicht kann Ihnen das helfen, mit neuen Gegebenheiten in unserem Kulturkreis umzugehen.
    Ich wünsche Ihnen viel Mut und Kraft für Ihre Arbeit mit den Kindern.
    Herzlich Margit Jäger,
    in Ausbildung zur psychologischen Beraterin FSB

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