Freund oder Feind?

Petra Sewing-Mestre, 03.05.2021

Petra Sewing-Mestre
Petra Sewing-Mestre

Fast klingt es wie das elfte Gebot: «Du sollst nicht werten!» Diesen mahnenden Satz findet man sehr oft in vielen Ratgebern über Achtsamkeit und Spiritualität. Am besten strebt man demnach nach der vollständigen Wertfreiheit und nimmt alles, was einem im Leben so begegnet, mit stoischem Gleichmut hin.

Ganz im Vertrauen gesagt, irritieren mich solche Aussagen – und das neutrale Zur-Kenntnis-Nehmen von Menschen und Dingen gelingt mir sowieso nicht. Mein innerer Seismograph nimmt unablässig zur Kenntnis, womit ich ihn konfrontiere und teilt mir innerhalb von Sekundenbruchteilen mit, ob ihm diese Dinge, Situationen und Menschen genehm sind oder eben nicht.

Warum bewertet der Mensch eigentlich alles und jeden?

Die Erklärung lautet wie folgt: Seit Urzeiten ist der Mensch mit einem Überlebenskompass ausgestattet. Dieses Warnlicht sichert das Überleben in einer feindlichen Umwelt voller Gefahren. Und es arbeitet blitzschnell. Alles das, was unsere fünf Sinne wahrnehmen, wird im Limbischen System des Gehirns dahingehend überprüft, ob es sich um Freund oder Feind handelt. Obwohl wir heute nicht mehr die potentielle Gefährlichkeit von Säbelzahntigern beurteilen müssen, arbeitet unser Gehirn immer noch wie das der Urmenschen. Diesen vollautomatischen Mechanismus können wir nicht abschalten, er ist Teil unseres genetischen Erbes und sichert auch heute noch unser Überleben.

Wir können aber in diesen Prozess eingreifen – um zu verhindern, dass unser urzeitlicher Autopilot uns vor die Wand fährt! Das Zauberwort heisst «Bewusstsein». Wir können lernen, uns unserer Bewertungen und Urteile bewusst zu werden, um den dahinter lauernden unbewussten Annahmen, Glaubenssätzen, Vorurteilen und Ängsten auf die Spur zu kommen.

Hilfreich wäre es auch, die einzelnen Begriffe im Wortfeld «Bewerten» genauer anzuschauen: Werten, bewerten, abwerten, beurteilen und verurteilen werden von uns oft gleichbedeutend verwendet. Aber nur einige von ihnen verursachen tatsächlich das bekannte mulmige Gefühl in uns.

Im Grunde geht es bei der Forderung des Nicht-Bewertens genau um diesen negativen Aspekt. Um das Ab-werten von Dingen oder Personen.

Wir brauchen uns also nicht zu schämen, wenn wir immer noch nicht wertungsfrei durchs Leben gehen. Menschliches Leben ist ohne Bewertung überhaupt nicht möglich. Es geht vielmehr um das Bewusstsein. Wir sollten bemerken, was wir genau tun – bewerten, abwerten oder sogar moralisch verurteilen.

Das Be- oder Abwerten anderer Menschen hat übrigens auch mehr mit uns selbst zu tun, als uns lieb ist. Zum einen ist damit natürlich die Frage verbunden «Was denken die anderen über mich?». Diese Frage lässt mich schlimmstenfalls mein Leben danach ausrichten, was andere für gut und angemessen halten.

Und zum anderen sagt meine Beurteilung anderer auch sehr viel über mich selbst aus. Wenn ich sehr negative Bewertungen vornehme, verursacht das sogar auch in mir negative Gedanken, Gefühle und Stresshormone.

In der modernen Psychologie gibt es viele Wege aus diesem Dilemma. Aber das ist ein anderes, spannendes Thema. Wenn gar nichts mehr geht und wir die Zielscheiben unserer Kritik am liebsten auf den Mond schiessen würden, hilft es, wenn wir uns eine ganz besondere Zauberfrage stellen: «Was ist, wenn diese Person ihr Bestes versucht?»

Mich persönlich bringt diese Frage immer wieder auf den Boden. Zorn und Wut verpuffen meistens fast augenblicklich und machen Platz für Nachsicht und Mitgefühl.

Wie sollte ich an meiner Wut festhalten können, wenn eine Person wirklich ihr Bestes gibt?

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