Gaby Kratzer - Bratpfanne und Lockdown

Gaby Kratzer, 30.05.2020

Gaby Kratzer
Gaby Kratzer

Lebensmittel einkaufen war erlaubt. Das Kochgeschirr dazu wurde untersagt. Machte dieses Vorgehen Sinn?

Erstaunt registrierte ich das Gespräch an der Kasse nebenan. Eigentlich wollte ich schon ungefragt einen Kommentar absetzen. Murmelte einfach leise vor mich hin: „Das geht dich nichts an. Schön ruhig bleiben.“ Für einmal meinen Senf bei mir behalten, mich beherrschen. Wer mich kennt, weiss, wie schwer mir so ein Vorhaben fällt. Darum auch das Gemurmel. Das liebten meine Eltern früher schon an mir. Und manchmal redet das Mundwerk, bevor das Hirn nach unten melden konnte: „Achtung Gefahr! Bitte Luke dichthalten und pressen.“ Warum ich mich mitteilen wollte? Eine ältere Frau stand in der Reihe der anderen Kasse. Mit einer kleinen Bratpfanne in der einen und in der anderen ihren Geldbeutel. Endlich vorne angekommen, um das Kochgeschirr zu bezahlen meint die Kassiererin: „Tut mir leid, ich darf ihnen diese Pfanne nicht verkaufen. Haben sie nicht gesehen, dass das Gestell mit einem Kleber abgeklebt ist?“ Leider war die Dame der deutschen Sprache nicht vollumfänglich mächtig und konnte dem Satz nicht richtig folgen. Ich sah die tausend Fragezeichen in ihren Augen, in meinen blitzte Unverständnis. Die Frau sah nicht aus, als würde sie die Pfanne aus Jux und Tollerei kaufen wollen. Stimmt es war Lockdown, es gab Bestimmungen vom Bund und die galt es einzuhalten. Kann ich absolut nachvollziehen. Trotzdem konnte ich meinen Mund am Ende nicht halten und rief rüber: „In der 50% Wühlkiste hinten, geht es aber, dass Stielkasserollen zum Kauf angeboten werden?“ Was war da verkehrt? Die Frau tat mir leid. Nun musste sie mit ihrem Fleisch kreativ werden.

Eine spannende Theorie eines Mannes kam mir zu Ohren aus Polizeikreisen. Er rief bei der Polizei an und beklagte sich, dass unter seinem Gartenhaus wohl 10 Fuchswelpen lebten. Die Polizei solle vorbeikommen und wegbringen. „Wissen sie Herr XY, Füchse sind vom 1. März bis zum 15. Juni in der Schonfrist. Die dürfen wir nicht wegbringen.“ „Das ist mir egal, die übertragen das Corona-Virus.“ Was will man da noch sagen.

Bringen wir es auf den Punkt. Die Zeit danach ist praktisch gleich wie die Zeit davor. Jedenfalls scheint es so, wenn man sieht, wie sich manche Leute nach der Lockerung benehmen. Die Bevölkerung ist gespalten. Die einen sitzen allein mit Maske im Auto und die anderen scheren sich einen Pfifferling darum, ob sie sich oder andere schützen sollen/wollen.  Während des Lockdowns las ich von unserer Schweizer Post: „Die Paketflut ist kaum zu bewältigen“. Scheinbar shoppten Herr und Frau Schweizer Online wie die Weltmeister. Trotzdem stauten sich in Zürich, bereits am ersten Montag, Menschenschlangen vor den Türen der Luxus-Bijouterie Bucherer und Luis Vuitton. Sind Luxusgüter nach einer (fast) einkaufsfreien Zeit ein Must-have? Auf eine Art unglaublich und doch kann ich verstehen, dass man sich nach so einer schwierigen und ungewissen Zeit etwas Schönes gönnen will.

Zudem bekenne ich mich schuldig. Auch ich war shoppen. Die Gartenmöbel hätte ich grundsätzlich vor dem Lockdown gekauft, aber ich war zu langsam. Auch ich fand mich in einer ellenlangen Warteschlange wieder, um meinen Einkauf zu berappen. Aber für 50% Rabatt stehe auch ich in die Reihe. Dummheiten sind weit weniger schlimm, wenn man sie selbst macht. Und Schönreden ist alles.

Am zweiten Samstag, nachdem die Restaurants wieder Gäste empfangen durften, war ich das erste Mal auswärts essen. Das Lokal, eher klein gehalten und wie meine Begleitung mir versicherte, ein sogenanntes Hipster Lokal. Alles war sehr eng. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Innenraum, in sogenannt normalen Zeiten anders aussieht. Am Fenster vorne war es immerhin schön hell, nicht wie im restlichen Raum.  Das Essen war zufriedenstellend aber nicht preisverdächtig. Dafür gäbe es bei Michelin keinen Stern, noch bei Gault Millau eine Mütze.

Was kommt wirklich danach? Wann ist danach? Wenn alle einmal krank waren und immun sind? Oder einfach, wer stark ist und über ein gutes Immunsystem verfügt überlebt? Wird es je wieder die gleiche Normalität geben, wie vor der Schliessung? Darf ich meine Freunde wieder ohne langes Überlegen umarmen oder muss ich erst nach dem genauen Alter fragen? Werden wir etwas aus dieser Krise lernen? Werden wir bewusster leben? Wird die Geburtenrate in ein paar Monaten drastisch erhöht sein? Die Scheidungsfälle auch? Müssen wir für immer auf unserer Hochpreisinsel ausharren? Haben wir richtig gehandelt mit der totalen Stilllegung? 1001 Frage.

Hätte ich verbindliche Antworten, auch nur auf einige Fragen, wäre ich eine weltbekannte Berühmtheit und würde später in allen Geschichtsbüchern auftauchen. Aber ich lasse Mister Corona, Daniel Koch den Vorrang. Er hat es gut gemacht.

Mein Nebenerwerb, die psychologische Beratung, wird aus dieser Zeit heraus boomen. Sobald die Menschen aus ihrer Lethargie aufwachen. Ich werde bereit sein.

Bis dahin arbeite ich an meinem Weltbestseller weiter und werde irgendwann auf diese Weise in den Geschichtsbüchern auftauchen. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

PS: Ich hoffe sehr, dass die ältere Frau, mittlerweile zu ihrer Bratpfanne gekommen ist und wieder viele Leckereien zubereiten kann.

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