Gespräch mit ...

Verena Lüthi, 08.07.2021

Cornelia Luterbacher

Cornelia Luterbacher
44, Psychologische Beraterin FSB

leitet das Trauercafé im Online-Denkforum

Angelica Pechlaner

Angelica Pechlaner
50, Psychologische Beraterin FSB

leitet den Austausch für Angehörige von kranken Familienmitglieder im Online-Denkforum

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, ein Onlinecafé anzubieten zu diesen doch eher schwierigen Themen?

Cornelia: Viele Erfahrungen mit Sterben und Tod in meinem Umfeld haben mir klar gemacht, dass Menschen dringend einen Ort brauchen, wo sie über ihre Gedanken reden können. Wo sie merken, dass ihre Trauer wahrscheinlich «ganz normal» ist und sie nicht alleine sind mit ihren Gefühlen. 

Denn die ersten Monate sind nicht einfach, oft ist man wie erstarrt, der Alltag kann kaum bewältigt werden. Da kann es hilfreich sein, an einem neutralen Ort sich auszutauschen, verstanden zu werden, Fragen zu stellen, um Schritt für Schritt zurück ins Leben zu finden.

Angelica: Eine schwere Krankheit ist für die Betroffenen sowie für die Angehörigen eine unglaubliche Belastung. Die Diagnose trifft alle wie ein Hurrikan und man hat das Gefühl die Erde steht still. Ein Rezept, wie man einen solchen Schicksalsschlag bewältigt, gibt es nicht, da jeder Mensch anders damit umgeht. 

Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, wirkt sehr erleichternd und man spürt, dass man mit seinen Ängsten und Sorgen nicht allein ist. Das kann eine grosse Unterstützung sein. 

Nebst der schweren Diagnose sind es auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Betroffenen und den Angehörigen, die zu Spannungen führen können.

Es gibt Schwerkranke, die ein grosse Bedürfnis an Nähe haben. Andere brauchen mehr Abstand und sind gar ablehnend und wünschen sich einfach einen Alltag der so normal wie möglich ist. Für die Angehörigen ist es nicht immer einfach, diese Bedürfnisse richtig einschätzen zu können.
Die Liebe zu den erkrankten Familienangehörigen und die eigene Emotionalität sind oft eine grosse Herausforderung. 

Angehörige möchten für die erkrankten Lieben da sein und sie mit all ihren Kräften unterstützen. Nicht selten vergessen sie sich dabei selbst. 

Besonders herausfordernd wird es, wenn ihre Führsorge auf Ablehnung stösst. Sie fühlen sich zurückgewiesen was ihre eigenen Ängste vor Verlust und vor der ungewissen Zukunft verstärken.

Mit dem Austausch für Familienangehörige von Schwerkranken, möchte ich einen Ort schaffen, wo Ängste und Sorgen mit anderen Betroffenen geteilt werden können. 

Was habt Ihr für persönliche Erfahrungen zu Euren Themen?

Angelica: Mit dem Thema Krankheit wurde ich schon als kleines Kind konfrontiert. Meine Mutter war lungenkrank. Sie musste sich oft in Spitalpflege begeben und war anschliessend mehrere Wochen in Kur so dass ich als Kind oft von ihr getrennt war. Das war für uns beide belastend.
Leider wurde es nicht besser. Später war sie auf Sauerstoff angewiesen und erkrankte zusätzlich an einem Hirntumor. Für mich war die Situation oft kaum aushaltbar. Ich kämpfte mit ihr bis zum Schluss und bis zur Erschöpfung, was mich selbst an meine Grenzen brachte. Ich musste lernen mich abzugrenzen und mir Inseln zu schaffen, damit ich mich nicht selbst aufgebe.

Als dann letztes Jahr unser Sohn an Krebs erkrankte waren all diese Gefühle und Ängste auf einen Schlag wieder da. Eine Situation die ich fast nicht ausgehalten habe. Das eigene Kind so zu sehen, war sehr schwer. Ich dachte ich hätte mit der Krankheit von meiner Mutter schon so viel erlebt und gelernt. 

Weit verfehlt. Ich habe so unglaublich mitgelitten und merkte sehr schnell, dass ich wieder in meine alten Muster zurückfalle. Alles nahm überhand, ich konnte nicht mehr schlafen und mir wurde klar, dass ich professionelle Hilfe brauche. Für mich wurde es Zeit ins Urvertrauen zu kommen. Zu akzeptieren, dass ich es nicht beeinflussen kann und es vertrauensvoll in andere Hände legen muss.

Ich fühlte mich wir erstarrt und konnte am Anfang kaum klar denken. Hinzukam, dass wir innerhalb der Familie ein unterschiedliches Redebedürfnis hatten. Aus diesem Grund suchte ich nach Foren und Austauschplattformen. Es gibt zwar Selbsthilfegruppen für spezifische Themen, aber eine Plattform für einen offenen Austausch nicht. Ein Grund mehr, dass wir dieses Angebot hier ins Leben gerufen haben. 

Cornelia: Auch ich habe mehrere eigene Erfahrungen mit Verlust von geliebten Menschen. 

Ebenfalls habe ich schon Sterbende begleitet. In meiner Praxis ist sehr häufig «alte» Trauer ein grosses, oft unerkanntes Thema. und dabei erfahre ich oft:
Darf Trauer gelebt werden, wird der Weg frei für einen neuen Lebensabschnitt. 

In den vergangenen Jahren habe ich mich vielseitig zum Thema Trauer weitergebildet und seit 2020 biete ich am FSB das Ergänzungssemester Trauerbearbeitung an.
Weiter sammle ich Erfahrung als Begleiterin am Trauercafé des Kantonsspital St. Gallen. Leider mussten alle Trauercafés der Region coronabedingt in den vergangenen Monaten geschlossen bleiben.

Wie kann ich mir Euer Café vorstellen?

Cornelia: Wir treffen uns online jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 14.00 – 16.00 Uhr zum Austausch. In welche Richtung die Gespräche gehen, werden wir gemeinsam herausfinden.

Ziel ist, in einer Art Selbsthilfegruppe einander zuzuhören, Raum zum Erzählen zu bekommen, etwas über Trauer zu lernen, zu sehen wie andere mit Trauer umgehen, aber auch wieder Hoffnung zu erleben, dass das Leben weitergeht, ja weitergehen darf!

Angelica: Bei mir ist es dasselbe Prinzip. Wir treffen uns jeden dritten Donnerstag des Monats von 19.00 – 21.00 Uhr. Auch wir haben das Ziel, füreinander als Betroffene da zu sein und uns gegenseitig zu unterstützen. Wichtig ist für mich auch, dass jeder einzelne Teilnehmer genügend Raum bekommt, für sich selber und seine Ängste und Sorgen. Man braucht gerade als Angehörige von Schwerkranken in dieser Zeit unbedingt einen Ort, wo man sich austauschen kann. Das möchten wir mit unserem Café anbieten.

Gibt es da eine Obergrenze an Teilnehmenden?

Angelica: Nein, wer bei uns mitmachen möchte, ist herzlich willkommen. Allerdings würden wir nicht mit mehr als mit 10 Personen gleichzeitig arbeiten, ab da bilden wir eine zweite Gruppe.

Cornelia: Ja, das ist im Trauercafé auch so, zudem arbeiten wir beide mit Assistentinnen, die uns unterstützen.

Wo und wie können Interessierte weitere Informationen bekommen und sich anmelden?

Cornelia: Für das Trauercafé bei mir unter  mlntfltbrch

Angelica: Für den Austausch für Angehörige von Schwerkrankenbei mir unter nglcpchlnrmhr-shnch

Die Teilnehmer bekommen dann den Zugangscode, dieser braucht nur angeklickt zu werden, es sind also keine weiteren Installationen oder Zubehör notwendig.

Die Cafés sind ein Angebot des Online-Denkforums und des Bildungsfonds für Frauen, die Teilnahme ist kostenlos.

Liebe Angelica, liebe Cornelia danke für dieses Gespräch. Ich bin überzeugt, Ihr macht eine wertvolle Arbeit mit Eurem Engagement.

Verena Lüthi, Redaktion Julia Onken Online-Magazin

Mit einer freiwilligen finanziellen Unterstützung können auch Sie zum Erfolg des Projektes "Online-Café" beitragen. Der Verein Bildungsfonds für Frauen freut sich über einen Beitrag Ihrer Wahl, den Sie auf dieses Konto überweisen können:

RAIFFEISENBANK TÄGERWILEN IBAN: CH39 8080 8003 8175 0356 3 lautend auf BILDUNGSFONDS FÜR FRAUEN

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