Gestrandet | Annelies Seelhofer

Annelies Seelhofer, 25.02.2022

Annelies Seelhofer
Annelies Seelhofer

Liebeskummer liess mich, eine damals junge Lehrerin, nach Schweden flüchten. Schon im Jahr zuvor hatte ich meine Sommerferien in der Nähe von Stockholm als willkommene Arbeitskraft verbracht. Damals war ich zum ersten Mal geflogen. Mit leisem Herzklopfen erinnerte ich mich an jenen Moment, als ich im Bahnhof Stockholm am Schalter ein Billett nach Enköping verlangt hatte. Kaum hatte der Beamte mir das Papier aushändigt, mischte sich ein junger Mann ein. „Zeigen Sie mal her! Hier steht doch Jönköping, ich meine aber „Enköping“ gehört zu haben.“ Tatsächlich! Mit seinem beherzten Eingreifen hatte mir der Mann glücklicherweise das Stranden an einem völlig unbekannten Ort erspart. Denn Enköping liegt nur wenige Kilometer westlich von Stockholm, Jönköping dagegen fast 350 km im Südwesten der Hauptstadt.

Doch diesmal hatte ich mein Kommen angekündigt. Ich wollte mindestens drei Monate in Schweden bleiben. Die Farmbesitzerin hatte unterdessen an einen völlig andern Ort gewechselt, ungefähr sechzig Kilometer östlich von Stockholm, mitten in einen riesigen Wald an einer Ostseebucht. Deshalb vereinbarten wir einen zeitlich verbindlichen Treffpunkt im Bahnhof Stockholm, denn allein hätte ich mein Reiseziel wohl nie gefunden. Damals gab es schliesslich noch keine Navis!

Erwartungsvoll schritt ich durch das riesige Menschengewühl in der Bahnhofshalle und suchte nach dem vereinbarten Treffpunkt. Plötzlich wurde ich angesprochen. „Was machst denn du hier? Wolltest du nicht erst morgen kommen?“ Verdattert schaute ich mir den Mann genauer an. Es war der Schwiegersohn meiner Arbeitgeberin, der zufällig gerade jemand Anderen abholen wollte. Ich frage mich noch heute manchmal, was ich wohl unternommen hätte, wäre dieses Zusammentreffen nicht passiert.

Erleichtert stieg ich wenig später samt dem andern Gast zum unerwartet aufgetauchten Chauffeur ins Auto. Die Fahrt dauerte recht lange. Die Strasse mündete schliesslich in einen Waldweg mit Wurzeln und überhängendem Geäst.

Direkt am Meer stand eine kleine „Sommerstuga“, ein rotbemaltes Sommerhäuschen, mein Refugium für die nächsten Wochen. Ich teilte es mit einer andern Schweizerin, die seit vielen Jahren bei dieser Schwedin arbeitete. Zwei Hunde hatten ebenfalls das Recht, in ihrem Bett zu schlafen, sodass ich beim Herabsteigen aus dem Kajütenbett stets aufpassen musste, nicht auf einen dieser Wollknäuel zu treten. Zu schnellem Einschlafen trug die Ostsee mit ihrem steten Wellenschlag bei.

Um die vierzig Hunde lebten auf dem Grundstück, wunderschöne Old English Sheepdogs, die nachts oft plötzlich in ein atemberaubendes Geheul ausbrechen konnten. Ein „Tyst!“ – Ruhe! – brachte die Meute jedoch rasch wieder zum Schweigen.

Während Kurzferien erlebte ich auf einer kleinen Schäreninsel vor Stockholm die erste Mondlandung. Als Bergbauerntochter hatte ich bis dahin noch nie etwas von Fernsehen gehört.

Schon am ersten Tag begann die Arbeit im Wald. Ein Stück Birkenwald sollte zu einer Weide für Rinder umgestaltet werden. Mir war die Arbeit mit Holz nicht unbekannt, hatte ich doch schon als Kind jeden Winter beim Holzen helfen müssen. Doch hier war ich nun allein auf mich gestellt. Alles musste von Hand gemacht werden. Da war keine Motorsäge vorhanden, nicht einmalein brauchbares Konzept.Der Sommer 1969 war heiss und trocken.Bei 35 Grad liess es sich gut im Bikini arbeiten. Die Mücken waren da dank der Nähe zur Ostsee glücklicherweise weit weniger zudringlich als im Landinnern.

Am 1. August - unserem Nationalfeiertag – war ich wie üblich am Holzverarbeiten auf dem Zugangssträsschen zum Haus. Plötzlich hörte ich ein fremdartiges Geräusch. Ein Taxi hielt genau vor dem „Böschelibock“, einer Vorrichtung für Holzwellen. Diese brauchte man zum Kochen und zum Heizen. Denn Strom gab es im ganzen Haus keinen, einzig eine Telefon- leitung existierte. Wasser musste aus dem Boden gepumpt werden, kühl und frisch.

Aus dem Taxi stiegen zwei junge Männer, ein Berufskollege aus dem Nachbarort der Wirkstätte vor meinem Schwedenaufenthalt und der Bruder eines von mir heimlich verehrten ehemaligen Schulkameraden. Dem Taxi gelang es danach, ohne „Baumkontakt“ umzudrehen und zurückzufahren.

Die zwei Männer waren mit Zelt und Verpflegung angereist. Da die Nächte im Hohen Norden im Sommer fast die ganze Nacht hell bleiben, konnten wir ausgiebig ohne Lampe jassen. Und weil Singen im Appenzellerland damals zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehörte, stimmten wir zwischendurch Lied um Lied an, dreistimmig natürlich. Das Echo von den nahen Schäreninseln her trug zu einem unvergesslichen Erlebnis bei.

Da ich unterdessen fliessend Schwedisch gelernt hatte, durfte ich nach Ablauf der Touristenfrist im Land bleiben. Während zwei Monaten versorgte ich nun eine sechsköpfige Familie auf dem Lande. Ende September kehrte ich nach dem unvergesslichen Sommer mit einem Airedale-Terrier namens Tenor in die Ostschweiz zurück und trat bald darauf eine herausfordernde Stelle an einer Mehrklassenschule an.

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