Handy-Terror

Julia Onken, 26.01.2017

123rf.com, Konstantin Labunskiy
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Auf die mehrstündige Bahnfahrt hatte ich mich gefreut. Im Gepäck: die neue Biografie von Andrea Wulf über Alexander von Humboldt – 500 Seiten stark. Bereits die ersten Zeilen zogen mich in ihren Bann. Dann aber surrte das Handy des Herrn im Abteil gegenüber und es war aus mit dem Lesevergnügen. Er warf mit Begriffen wie Zahlungsforderungen, Betreibungen und dringenden Einspracheterminen um sich und machte einen verzweifelten Eindruck. Ich begriff sofort, dieses Gespräch wird nicht so schnell erledigt sein. Bald darauf stieg eine  ca. 40jährige, mit unzähligen winzigen aschblonden Löckchen verzierte Frau zu. Inspiriert durch das hitzig geführte Telefongespräch des hörbar Gepeinigten, holte auch sie ihr Handy und echauffierte sich  wohl bei ihrer besten Freundin - ebenfalls lautstark - über ihre pubertierende Tochter, für die Rücksicht ein Fremdwort sei, zudem kenne sie keine Anstandsregeln.

Da platzte mir der Kragen und ich rief ihr zu, dass sie das wohl von ihrer Mutter gelernt haben müsse. Und weil ich gerade so schön in Fahrt war, empfahl ich meinem Gegenüber Konkurs anzumelden.

Die beiden empörten sich. Die Frau schrie ins Handy: „eine alte Schachtel mischt sich ein!“ Der Mann brüllte „das ist eine Unverschämtheit!“ Weitere Fahrgäste gaben auch noch ihren Senf dazu. Ich blieb bei meinem Standpunkt: Wer im öffentlich Raum seine Privatangelegenheit ausbreitet, muss sich nicht wundern, wenn seine persönlichen Belange kommentiert werden.

In dieser heftigen Auseinandersetzung bahnte sich ein älterer Herr einen Weg durch die umstehenden Personen, entschuldigt sich für die Störung und bat darum, die Debatte etwas ruhiger zu führen – er würde so gerne in seinem Buch lesen.

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