Handyterror

Julia Onken, 30.01.2017

123rf.com /  kasto
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Auf die mehrstündige Bahnfahrt hatte ich mich gefreut. Im Gepäck: die neue Biografie von Andrea Wulf über Alexander von Humboldt – 500 Seiten stark. Bereits die ersten Zeilen zogen mich in ihren Bann. Dann aber surrte das Handy des Herrn im Abteil gegenüber und es war aus mit dem Lesevergnügen. Er warf mit Begriffen wie Zahlungsforderungen, Betreibungen und dringenden Einspracheterminen um sich und machte einen verzweifelten Eindruck. Ich begriff sofort, dieses Gespräch wird nicht so schnell erledigt sein. Bald darauf stieg eine  ca. 40jährige, mit unzähligen winzigen aschblonden Löckchen verzierte Frau zu. Inspiriert durch das hitzig geführte Telefongespräch des hörbar Gepeinigten, holte auch sie ihr Handy und echauffierte sich  wohl bei ihrer besten Freundin - ebenfalls lautstark - über ihre pubertierende Tochter, für die Rücksicht ein Fremdwort sei, zudem kenne sie keine Anstandsregeln.

Da platzte mir der Kragen und ich rief ihr zu, dass sie das wohl von ihrer Mutter gelernt haben müsse. Und weil ich gerade so schön in Fahrt war, empfahl ich meinem Gegenüber Konkurs anzumelden.

Die beiden empörten sich. Die Frau schrie ins Handy: „eine alte Schachtel mischt sich ein!“ Der Mann brüllte „das ist eine Unverschämtheit!“ Weitere Fahrgäste gaben auch noch ihren Senf dazu. Ich blieb bei meinem Standpunkt: Wer im öffentlich Raum seine Privatangelegenheit ausbreitet, muss sich nicht wundern, wenn seine persönlichen Belange kommentiert werden.

In dieser heftigen Auseinandersetzung bahnte sich ein älterer Herr einen Weg durch die umstehenden Personen, entschuldigt sich für die Störung und bat darum, die Debatte etwas ruhiger zu führen – er würde so gerne in seinem Buch lesen.


2Kommentare

  • Monika Marti
    10.02.2017 13:28 Uhr

    Kürzlich ist mir exakt dasselbe passiert ... Mit dem Unterschied, dass nicht ich um Ruhe gebeten habe, sondern mein couragierter Sitznachbar. Da war schlussendlich ein Hickhack und Gekeife im Abteil - man hätte darüber eine Kolumne schreiben sollen ;-D. Liebe Julia. Wieder einmal hast du staatsbürgerlichen Mut bewiesen und ermunterst mich mit deiner Glosse, dasselbe ebenfalls zu tun: Mich für mich selber einzusetzen. Mir etwas Gutes zu tun. Damit eine Zugfahrt zu dem wird, was sie sein sollte - Zeit zum verweilen, ausspannen, nachdenken, lautlos arbeiten und lesen. Kurzgesagt: Um ausgeruht von A nach B zu gelangen.

  • 10.02.2017 17:24 Uhr

    Liebe Frau Onken,
    was wird mit uns wohl geschehen, wenn wir mit dieser VR- Brille konfrontiert werden. Wenn Nutzer aus ihrer virtuellen Welt wieder aufauchen ,die gerade dem Tod ins Auge geschaut haben und noch die Angst im Nacken verspüren. Dieses zurückkomen aus einer virtuellen Welt ist nicht immer einfach. Eine merkwürdige Taubheit für die Wirklichkeit entsteht.
    Aber vielleicht sind diese Menschen dann ungeheuer erleichtert wenn Ihnen eine alte Schachtel gegenüber sitzt.
    Und die alte Schachtel nimmt den Smartphonjunkie in den Arm wiegt ihn hin und her singt ihm ein Schlaflied, was hoffentlich wirkt. Und eine köstliche Ruhe breitet sich aus und wir können wieder staunen, schön ist die Welt.
    Herzliche Grüsse
    Annemarie von Gradowski

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