Haut ab - ich bleibe noch!

Simone Buser, 17.11.2022

Simone Buser
Simone Buser

Mit jeder Falte löst sich eine Wurzel aus deiner irdischen Verankerung und mit jeder Spur, die die Schwerkraft an deinem Körper hinterlässt, scheinst du dem Himmel ein bisschen näher zu sein. Gerade so, als würden dir Ansätze von Flügeln wachsen, schaust du auf die Welt. Als verstecke sich hinter ihr eine, die mir noch verborgen ist.

Du kennst dich aus in den Jahrzehnten, die Räumen gleichen. Alle waren einmal dein Zuhause. Du hast dich in ihnen eingerichtet, die Bücher in ihren Bibliotheken verschlungen und versucht, das Beste aus deinem inneren Kern zu schälen. Und stets haben neue Generationen an die Türen geklopft und so manches Mal hast du aufbegehrt:

„Haut ab, ich bleibe noch!“

„Das kannst du nicht. Die Luft wird zu dünn. Du wirst ersticken!“

„Ich atme flach, spreche leise, lache nicht und bewege mich langsam. Basta.“

Da hat sich wohl ein Gaukler im Kopf eingenistet, wie eine Wanze im Bettlaken. Er gaukelt und verschaukelt, als wäre das Karussell zu stoppen. Aber auch er weiss, dass in jede Zelle der Aufbruch eingewebt ist wie der Tag in die Nacht und umgekehrt. Ein Raum krönt den nächsten und du stehst vor einer langen Ahnenreihe direkt hinter Mutter und mir. Unsere Welten überlappen sich und deine Wurzeln stärken unsere.

Oft hast du mich in deine Räume mitgenommen und noch immer nimmst du mich mit. Dann fuchtelst du die Spinnweben von den Türen, drückst die Klinken, als würde damit ein Schicksal besiegelt, überschreitest die Schwellen, als würde die kleinste Erschütterung eine Welt aus den Angeln heben. Du hast mir die Schleichwege abseits der Trampelpfade verraten und meine Sinne geschärft. Heute erkenne ich Gesichter hinter den Masken und lese zwischen den Zeilen. Deine Zeit ist auch ein bisschen zu meiner Zeit geworden, die ich betrete wie ein Schloss und auf deren Achse ich mich wie eine Zeitreisende bewege.

Plötzlich steht ein halbvoller Suppenteller vor mir und ich bin eine der Rotznasen am Tisch. Spitze Ellenbogen bohren sich von beiden Seiten in meine Rippen. Alles was ich höre sind Schlucklaute und das Kratzen der Löffel. Fleischklümpchen schwimmen wie frisch geschlüpfte Kaulquappen in einem Ozean, der über meinen Tellerrand in die Welt hinaus fliesst. Jede Welle spült eine Muschel an mein Ohr, die mir Geschichten zuflüstert und so reite ich auf einem Walfischrücken, tanze mit den Seepferdchen. Statt der Uhr kenne ich nur den Lauf der Sonne.

Mit dir hocke ich auch auf Bäumen. Das Transistorradio passt in jede Hosentasche und scheppert die Ohrwürmer direkt in unsere Beine, die über dem frisch gemähten Gras hin und her schwingen. Es gibt nur diesen Nachmittag, der alle Hoffnungen in sich konserviert und die Lebenslust schürt. Dieselbe Lebenslust, die uns immer übermütiger in den Räumen tanzen lässt, weil jeder Jahrring die Vergangenheit sanfter in dein Gedächtnis bettet.

Als ich klein war, vergrub ich mein Gesicht in deinem Bauch, der auch Ursprung für mein Leben ist. Seine Weichheit packte mich in eine Wattewolke, in die ich auch heute noch manchmal krieche. Für mich hatten alle Großmütter einen Bauch wie ein Kissen und so runden sich die Bäuche weiter im Kreislauf von Werden und Vergehen.

Jetzt sitze ich dir gegenüber und schaue voll Dankbarkeit in deine trüben Augen:

«Grosi, was wäre ich ohne dich? Was wäre die Menschheit überhaupt ohne Grosis?»

«Ach Kind, was du wieder denkst. Dann wären wir doch schon lange ausgestorben.»

Da ist sie wieder, diese entwaffnende Logik, die sich mehr und mehr im knorrigen Gebälk der Räume verliert. Während meine Erinnerungen kostbarer werden, fangen deine an, in Stücke zu zerfallen. Wenn dann die Gedankenfetzen im Kopf beginnen Achterbahn zu fahren und du uns beide verzweifelt in meinen Augen suchst, tauschen wir einfach die Rollen und ich entdecke das Grossmutter-Gen in mir.

Es schlummert in jeder Frau. Einmal entfacht, manifestiert es sich so vielfältig wie es Frauenleben gibt. Loslassen und Festhalten im Pulsschlag der Gezeiten ist fest in ihm verankert. Es verpuppt sich nach jeder Häutung stärker im Kokon wie in einem Raum. Denn in Räumen finden Metamorphosen statt und jedem Raum gehört ein Jahrzehnt.

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