Heiliger Vater

Julia Onken, 23.12.2016

Ich falle gleich mit der Türe ins Haus – oder besser gesagt, in den Vatikan.

Ich möchte mich im Namen aller betroffenen Frauen bei Ihnen bedanken: Während des Heiligen Jahrs, das bis zum 20. November 2016 dauerte, erlaubten Sie den Priestern, Frauen die eine Schwangerschaft unterbrochen haben, die Absolution zu erteilen. Das ist eine grosse, weise und weitherzige Geste Seiner Heiligkeit, die nicht genug gewürdigt werden kann.

Nun geht das Leben auch nach dem 20. November 2016 noch weiter und ich mache mir Gedanken darüber, wie Frauen zukünftig mit der Schuldproblematik umzugehen haben, wenn sie sich einer Schwangerschaftsunterbrechung unterziehen. Ich versichere Seiner Heiligkeit, dass es kaum Frauen gibt, die diesen Schritt leichtfertig tun, sondern erst nach reiflicher und oft qualvoller Überlegung. Und es ist ein himmelschreiendes Unrecht, wenn diese Frauen nicht nur mit dem Stigma der Tötung eines Kindes von der Kirche verflucht werden, sondern gleichzeitig auch noch die soziale Ächtung und gesundheitliche Beeinträchtigung zu tragen haben, unter Umständen mit schwerwiegenden Folgen. Ganz abgesehen davon wäre die Frage nach dem Verursacher zu stellen. Bekanntlich werden Frauen nicht schwanger, weil sie zu viel Kuchen gegessen haben, sondern weil sie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatten. Der Mann bleibt hier völlig unbescholten – als ob ihn alles nichts im geringsten anginge.

Aber vielleicht wäre es gut, dieses tiefgreifende Thema nochmals gründlich zu diskutieren. Wie Sie sehen, heiliger Vater, verwende ich den Terminus „Abtreibung“ bewusst nicht, sondern ich spreche davon, dass eine Schwangerschaft unterbrochen wird.  Denn über die Beseelung des Fötus existieren aus philosophischer und theologischer Sicht unterschiedliche Theorien. Eine davon geht von der Suksessivbeseelung aus, danach die Beseelung stufenweise stattfinden soll. Ein Fötus habe zuerst eine pflanzliche Seele, dann eine empfindende tierische Seele, erst nach 40 bzw. 90 Tagen habe der Fötus eine vernunftbegabte Seele. Wenn nach der Befruchtung die Zellteilung in der Gebärmutter beginnt, ist also in den ersten Wochen noch kein Körperhaus vorhanden, in das eine Seele einziehen könnte. Mit einem Schwangerschaftsabbruch wird lediglich verhindert, das sich das zu Werdende entwickelt. Etwa zu vergleichen mit dem Bau eines Hauses, mit dem ersten Spatenstich ist noch kein Haus vorhanden, in das man einziehen könnte.

Karl Rahner sagte dazu: „Auch aus dogmatischen Definitionen der Kirche ist nicht zu entnehmen, daß es gegen den Glauben wäre, wenn man annähme, daß der Sprung in die Geist-Person erst im Lauf der Entwicklung des Embryo geschieht. Kein Theologe wird behaupten, den Nachweis führen zu können, daß Schwangerschaftsunterbrechung in jedem Fall ein Menschenmord ist “

Ich habe in vielen Gesprächen mit Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung gezogen haben, immer wieder festgestellt, dass sie im Bewusstsein handeln, lediglich eine unbeseelte Zellformation daran zu hindern, sich zu einem Fötus zu entwickeln und keineswegs ein bereits vorhandenes Kind zu töten.

Ich bitte Seine Heiligkeit, diese Überlegungen wohlwollend zu prüfen und sich dafür einzusetzen, Frauen aus dem Bann von Schuld zu erlösen.

In tiefer Dankbarkeit wünsche ich Ihnen, Heiliger Vater, ein gesegnetes Weihnachten.

Julia Onken

3Kommentare

  • Eliane W.
    27.12.2016 07:28 Uhr

    MOrd ist MOrd. Pabst hinten oder vorne. Frau Onken sollte sich schämen.

  • Susanne V
    04.01.2017 14:56 Uhr

    Ich bin ganz der Meinung von Frau Onken. Wir haben überhaupt kein Recht zu Urteilen. Und es stimmt, dass nur die Frauen von den Urteilenden beschuldigt werden. Was wissen wir den wie es den Frauen geht die so einen Schwangerschaftsabbruch machen müssen. Von Mord ist wohl kaum die Rede! So ein Abbruch ist tragisch genug ohne dass wir einander noch beschimpfen müssten.

  • Rosanna Eigenleib
    05.01.2017 19:40 Uhr

    Liebe Eliane W.
    Es ist sehr bedauerlich, dass Sie Ihr Herz und Ihren Verstand so eingeschnürrt haben. Was ist mit all den Frauen, die abtreiben, weil sie vergewaltigt wurden. Oder Frauen, die von einem ungeliebten Ehemann immer wieder und wieder geschwängert werden. Versetzen Sie sich bitte einmal in diese demütigende Situation. Wollen Sie wirklich der Richter sein, die Frauen ächten!!!
    Diese Frauen stehen unter grossem Druck. Sie müssen entscheiden, ein Kind zu gebären, das sie täglich, minütlich, ja jede Sekunge an die demütigende Situation erinnert. So etwas kann nicht jede Frau so einfach wegstecken. Wenn Sie das können, beneide ich Sie nicht um die Bürde, die Sie sich da aufgeladen.
    Ich finde Frau Onken zeigt Verständnis und das sollten alle Frauen unter einander tun. Wie Frau Onken geschrieben hat, die Entscheidung abzutreiben ist ein langer schmerzlicher Prozess, den jede Frau durchläuft...

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