Ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen

Gaby Kratzer, 26.02.2019

Gaby Kratzer
Gaby Kratzer

Wie ein gerupftes Huhn sehe ich aus. Etliche Federn habe ich über die Jahre gelassen. Einzelne oder auch mal büschelweise gerupft, abgeworfen oder verloren. Darum bin ich heute „ICH“! Einige Verluste liessen noch Bessere und viel Schönere nachwachsen. Davon bin ich überzeugt. Etwas Schlechtes ergibt immer wieder etwas Gutes. Ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen. Einiges zwang mich in die Knie aber nie ganz zu Boden. „Aufrichten, Krone geraderücken und weitergehen!“

Jede/r ist frei Federn zu lassen oder sich dagegen zu entscheiden. Man kann sich verschliessen, sollte dann aber mit dem Resultat zufrieden sein und nicht andere dafür verantwortlich machen.

Alte Zöpfe abschneiden, Fünfe geradestehen lassen, sich gegenseitig arrangieren, damit es für alle passt. Kompromisse eingehen, sich in der Mitte treffen. Etwas hergeben, was einem eigentlich nicht in den Kram passt. Es können schmerzliche, freudige, ängstliche, erfüllende Momente sein. Man sagt auch Lehrgeld bezahlen.

Und da kann ich aktuell einhängen. Das ist mir nicht unbekannt. Letzten Samstag konnte ich einiges auf mein Konto „Lehrgeld“ einzahlen. Nur kurz: Wir hatten übers Wochenende Besuch. Cora mit ihrer 10-jährigen Tochter. Bei uns lag noch reichlich Schnee. Die beiden hatten einen Plastikschlitten dabei und wollten bei uns im Dorf den Hügel hoch, um zu schlitteln. Die Kleine hatte gerade mal Energie für 2 mal rutschen. Dann ich, die Supersportlerin, deren Fitness eher einem ausgelatschten Turnschuh gleicht, als einer Anita Weyermann zu ihren schlechtesten Zeiten. Sie ist sicher heute fitter als ich es je in meinem Leben war oder sein werde. Aber zurück zur glorreichen Idee die mich ritt. Ich schnappte mir den Schlitten und ging noch höher hinauf. So richtig hoch, denn da ist es so schön steil und ich wusste, dass es dann so richtig schnell werden würde. Geschwindigkeit - mein Thema. Es gab für mich also keinen Zweifel. „Ich kann das locker.“ Was sollte denn so schwer daran sein einen Bob zu lenken beziehungsweise geradeaus zu steuern. Das ging früher im Halbschlaf. Wahrscheinlich schlief ich damals ganz und träumte dies vom locker schlitteln. Seit wann bin ich wintersporttauglich? Nun gut. Ich hievte mich also auf den Plastik Bob. Der erste Gedanke: „Habe ich überhaupt Platz darauf? Das ist doch ein Kinderschlitten.“ Zum Glück bin ich in der Länge eher kurz geraten. Somit Problem zwar erkannt aber kein Grund nicht mit dem Bob den Hang runter zu düsen. Nächste Frage, die mich aber nur kurz beschäftigte: „Hält der Schlitten mein Gewicht aus? Tja, wird schon gehen.“ Nun stand ich also oben und wurde nicht nur von zwei Erwachsenen und einem Kind beobachtet (und ihr glaubt es nicht, sogar gefilmt – ich habe also Beweismaterial für meine Höllenfahrt). Nein, unsere Nachbarn waren zufälligerweise mit dem Hund unterwegs und konnten diese Meisterfahrt live miterleben. Also los. Draufsitzen, Zugschnur richten, Beine drauf, die Bremse links liegen lassen (wer braucht schon eine Bremse). Einen Stoss und runter. Fünf Meter - alles noch ok. Sieben Meter – der Schlitten schlingert schon. Zehn Meter - es warf mich bereits leicht links, dann rechts umher, schüttelt mich durch. Der Bob warf mich schlussendlich ab. Ich strampelte irgendwie mit den Beinen, weil ich instinktiv dachte, dass ich mich so Bremsen könnte. Mit meinem ganzen Gewicht knallte ich auf meinen rechten Arm. Der drückte beim Aufprall meine Rippen ein und hinterliess ein leicht stechendes Gefühl beim Atmen. Ich hatte mich beim Sturz, so masslos verkrampft, dass meine Zwischenrippenmuskulatur auf Muskelkater macht. Es schmerzt noch immer.

Meine Nachbarn waren verschwunden und meine mitgebrachten Zuschauer bogen sich vor Lachen. Auch ich hätte mich gerne vor Lachen im Schnee gewälzt aber meine Rippen liessen das nicht mehr zu.

Da habe ich schon wieder Federn gelassen. Nun sollte ich wirklich für die Zukunft einsehen, dass Aktivitäten dieser Art nicht mehr so „easy peasy“ gehen. Als Lohn kriege ich jetzt dafür noch schönere, weichere und leichtere Federn die für andere Aktionen passend sein werden. Das nächste Abenteuer kommt bestimmt.

2Kommentare

  • Anna Klassen
    01.03.2019 15:52 Uhr

    Liebe Gaby

    In deiner Geschichte kommt zum Ausdruck, dass du dich und das Leben immer wieder mit Humor nimmst und wie der Titel schon sagt, dich nie unterkriegen lässt. Wunderbar!

    Liebe Grüsse

    Anna

  • Birgit Dressler
    02.03.2019 08:23 Uhr

    Liebe Gaby

    Sehr ermutigend deine Geschichte.
    Dein Beispiel zeigt , Lebenserfahrung und
    viiiieeeelll Humor und Annahme letztendlich ,wie es ist!

    Übrigens , ich habe dich noch nie „ gerupft🦜“ gesehen. In Anknüpfung an deinen ersten Satz.

    Herzliche Grüsse
    Birgit

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