Ich will leise sein

Zora Debrunner, 03.05.2021

Zora Debrunner
Zora Debrunner

Ich wuchs in einer braven gemischt-konfessionellen Familie auf. Der allwöchentliche Sonntagsspaziergang gehörte zu meiner (protestantischen) Erziehung dazu wie der Besuch der Sonntagsschule und das gemeinsame Fernsehschauen am Abend.

Mein Vater liebte es, spazieren zu gehen und so liefen wir Kinder und die Mutter mehr oder weniger enthusiastisch neben ihm her. Je steiler das Waldstück, desto besser gefiel es ihm. Er war, meiner Einschätzung nach, ein echter Waldliebender. Er pflanzte Tannen neben seinem Kaninchenstall, weil er diese Bäume so sehr liebte.

Als Kind hasste ich die Sonntagsspaziergänge. Sie waren mir viel zu hektisch. Ich liebte es, stehen zu bleiben, zu lauschen und dann weiter zu gehen. Leider gab es damals noch keine Digitalkameras, denn dann wäre ich noch langsamer gelaufen, weil ich noch sehr viel mehr durch die Linse gesehen und noch mehr Besonderheiten entdeckt hätte.

Heute ist alles anders. Ich liebe Spaziergänge, das Wandern frühmorgens bei leicht trübem Wetter. Die innere Ruhe, die einkehrt, sobald ich durch einen Wald laufe. Das Herzklopfen, wenn ich Geräusche höre, innehalte und warte, was um mich herum passiert. Die Ruhe, die über mich kommt, wenn ich mich konzentriere.

Es ist heute nicht viel anders, wie damals als ich noch ein kleines Kind war. Der Wald fasziniert mich. Ich muss und will leise durch ihn hindurch laufen, um all die anderen Bewohner nicht zu stören. Wenn ich einen von ihnen erblicke, halte ich inne, ganz gleich ob Amsel, Eichhörnchen oder Reh. Da fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind. Glücklich. Ganz bei mir.

Aber etwas fehlt mir, trotz meiner 43 Jahre: die Präsenz meines Vaters. Seinen lieben Blick, derweil er mir zuschaut, wie ich irgendwelche Büsche von nahem anschaue, die Blätter anfassen und spüren muss. Oder Losung fotografiere. Oder mich frage, welcher Berg nun welcher ist.

Doch gleichzeitig tröstet es mich, dass er bis fast zum letzten Tag seines Lebens so oft als möglich draussen war. An der Murg, an der Thur. Dass er Tiere beobachten konnte. Welche Freude es ihm bereitet hat, sie zu bestimmen. Oder mit seiner geliebten Frau darüber zu sprechen, was sie auf ihrem Spaziergang beobachten konnten.

Dieses Glück, als Kind der Natur begegnen zu dürfen, werde ich nie vergessen. Mein Vater hat mir sehr viel geschenkt. Ohne seine Liebe zur Natur wären für mich die letzten Monate der Trauer sehr viel schwerer gewesen. Ich wünschte mir, er würde er noch leben, um die nächsten paar Monate an meiner Seite zu sein.

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1Kommentar

  • Christine Augsburger
    05.05.2021 17:00 Uhr

    Liebe Frau Debrunner
    Ich hatte mit meinem Vater eine ähnliche Geschichte. Der Wald war auch etwas, das uns sehr verbunden hat.
    Durch ihn habe ich gelernt zu staunen über das Wachstum und die Farbenpracht der Pflanzen.
    Für mich sind es genau solche Erinnerungen, die mir wohl tun und oft ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn er mir fehlt.
    Die Erinnerung kann uns zum Glück auch durch das Sterben eines geliebten Menschen nicht genommen werden.

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