Ich wünsch mir eine Enkelin

Silvia Trinkler, 02.10.2019

Silvia Trinkler
Silvia Trinkler

Ich kann mich genau erinnern an den Anbilck der entblössten Brust. Die Brust meiner Mutter. Gerade am Stillen meines kleinen Bruders. August 1966. Ich war viereinhalb Jahre alt. Schnelles überdecken mit den Kleidern. «Geh raus! Ich hab jetzt keine Zeit.»

Das meine Erinnerung an Nacktheit, an Körperlichkeit. Fasziniert hat mich die Haut meines Vaters. Weisse Ränder, neben braun gebrannter Haut. Dass seine Haut unter dem Stoff weiss war, das war spannend. Bräunen, Sonnenbaden, das war bei uns nicht angesagt. Braune Haut war eine Folge vom Arbeiten auf den Feldern. Bei mir war es immer rote Haut.

Samstags wurde in der kleinen Plastik-Wanne gebadet. Das dampfende Wasser wurde ins rosa «Badewännli» gefüllt und mit einem grossen Schuss Milch bereichert. Zuerst der Kleinste, mein Bruder. Dann meine Schwester und zum Schluss durfte ich mich splitterfasernackt ins lauwarme graubraune Wasser setzen. Im Milchwasser baden. Wir Geschwister. Samstags. Luxus pur.

Als junge Frau hatte ich das Glück an die richtigen Männer, an die richtigen Menschen zu geraten. Mit meiner Familie, meinem Mann, meinen Kindern, nackt sein, das war ganz normal. Saunabesuche, Ferien auf dem FKK-Campingplatz mit tausenden anderen nackten Menschen.

Die Geburten meiner Söhne: «Darf ein Assistenzarzt zuschauen?» Eine Praktikantin, mein Ehemann – sicher. Ich lag in den Wehen, mein Schamgefühl gab es in dem Moment nicht. Die Geburt eines Kindes ist das Natürlichste der Welt. Lern- und Anschauungs-objekte braucht die Medizin.

Sexualität war nie ein Tabu. Meine Kindheit hatte mich also nicht soooo tief geprägt. Aber nicht mit ALLEN Sinnen, nicht in allen Situationen. Im Dunkeln ja, bei Tageslicht nein! Sprechen darüber ja, anschauen nein!

Viele Jahre später

Winterferien mit dem kleinen Enkel, ein aufgewecktes Kerlchen. Wir dümpeln im Sole-Bad der Ferienanlage. Er fragt: «Nonna sind wir jetzt in der Bouillon?». Er kommt mir vor wie ein kleines Vögelchen.

Zwanzig Minuten später in der Familien-Garderobe. Der Kleine steht vor mir, dreht den Kopf schräg nach unten. Betrachtet mich: «Nonna, häs du Vagina?» - Erschreckt schaue ich mich um, wahrscheinlich erröte ich. Ich werde von einem zwei Jährigen inspiziert und schon treibt es mir die Schames-Röte ins Gesicht. Nonno grinst.

Am nächsten Tag. Nonno und Enkel planschen in der Badewanne. Seifenschaum überall. Ich komme rein: «So fertig für heute.» - Freudestrahlend steht der Kleine auf, Schaum rinnt in grossen Fetzen über seinen Körper. Er schaut nach unten zwischen seine Beine und sagt: «Lueg mal Nonna, ich han zwei Eier im Hosesack!» greift danach und begutachtet sie interessiert.

Vielleicht würde mir eine Enkelin helfen, meine eingeimpften Schamgefühle aus der Kindheit zu überwinden? Und die richtigen Worte zu finden?                                                                 

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