Siegertext und Interview mit Josefine Barbara Renner, Gewinnerin in Prosa im 7. Bodensee-Schreibwettbewerb

Verena Lüthi, 06.11.2020

Josefine Barbara Renner
Josefine Barbara Renner

Liebe Josefine Barbara, mit der Geschichte «Warum nicht jetzt» hast Du den 7. Bodensee-Schreibwettbewerb in Prosa gewonnen. Ich gratuliere Dir, deine Geschichte ist so bildhaft lebendig geschrieben, als ob ein Film vor einem abläuft. Erzähle uns etwas von Dir, wo und wie lebst Du?

Zurzeit lebe ich mit meinem Mann, dem Cellisten Hans-Hinrich Renner, auf der Schwäbischen Alb. In diesem Gemisch von Feldern, Obstwiesen, Schlössern und mittelalterlichem Baustil liegt viel Ruhe und reizvolle Natur. Und der Bodensee ist nicht weit. Aber ich bin im Saarland geboren, in der Landeshauptstadt aufgewachsen und von der Nähe zu Frankreich geprägt. Ich mag französisches Essen, die Sprache und Paris. Ich liebe es, in Cafés zu sitzen, umgeben von Geschäften, der Kultur und dem Treiben in der Großstadt. Das vermisse ich jetzt natürlich.

Man sieht es richtig vor sich, wie und wo Du lebst! Was machst Du beruflich? In den letzten Jahren habe ich als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im „Zimmertheater Tübingen“ und später in den „Ateliers im Alten Schlachthof, Sigmaringen“, einer Vereinsinitiative im Kulturbereich gearbeitet. Daneben begab ich mich als freiberufliche Theaterpädagogin und Dozentin in Arbeitsfelder wie Schulen, das Studium Generale einer Hochschule, Kunsthäuser oder kleinere Bühnen. In dieser Zeit entwickelte ich auch Kunst Dialoge mit Bildenden Künstlern, Schreibkurse für Kinder und ein Erzählcafé für Senioren. Seit September 2020 bin ich diplomierte Schreibpädagogin FSB und möchte mich im Wesentlichen jetzt auch auf diesen Bereich konzentrieren. Mein Wunsch-Neustart sozusagen!

Du bist demnach in der Kunst zu Hause und schreibend mit allen Altersgruppen unterwegs. Schreibst Du schon lange?
Ja. Mein erstes Gedicht „Ludwigskirche“ entstand vor ungefähr 35 Jahren. Als mir ein junger Musikwissenschaftler nach einer Chorprobe leidenschaftlich eine selbstgeschriebene Ballade über Schumann vorlas, dachte ich, wie mutig es sei, ein Gedicht zu schreiben und dies wie selbstverständlich, anderen vorzulesen! Motiviert setzte ich mich abends zu Hause hin und schrieb ein Gedicht über unseren Probenort, die Ludwigskirche, ein Saarbrücker Stadtwahrzeichen, erbaut von Barockbaumeister Friedrich Joachim Stengel. Dort habe ich mit Anfang zwanzig alle großen Bachschen Chorwerke mitgesungen, ein absoluter Lieblingsplatz von mir.

Also war es der Mut eines Chorkollegen, der bei Dir das Schreiben ins Rollen brachte! Was schreibst Du am liebsten?
Wie gesagt, fing ich mit Gedichten an. Eines wurde auch mit einem 1. Preis ausgezeichnet. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ hieß das Thema. Später wollte ich das Schreib-Handwerk lernen und wurde Gasthörerin im Seminar für „Allgemeine Rhetorik“ und im „Studio Literatur und Theater“ an der Universität Tübingen. Damals unter der Leitung des in Ostberlin geborenen Lyrikers Uwe Kolbe. Dort habe ich alles rund um das Schreiben aufgesaugt und mit einem Gedichtbändchen mein Abschlusszertifikat erworben. In den Studio-Seminaren lernte ich unter anderem Schriftstellerinnen wie Eva Demski oder Yoko Tawada kennen. Ich hatte ein Riesenglück!

Aber noch mehr Glück brachte mir die Zufallsbegegnung mit der sowjetisch- und deutsch-jüdischen Schriftstellerin Lia Frank, einer vielbeachteten Reformerin des deutschsprachigen Haiku. Sie lebte eine Zeit lang in Sigmaringen und ich konnte bei ihr zu Hause alles Wesentliche über das Haiku-Schreiben erlernen. Inzwischen bildet das Prinzip des Haiku die Grundlage meiner theaterpädagogischen Einstiegs-Methode: "San-Po" (japan. "Drei-Schritte"), die ich auch auf meine Schreibkurse übertragen habe. Lia Frank hat mir ein Universum nähergebracht, in dem es um sprachliche Präzision, um Augenblicke des Staunens geht und um das Entwerfen von „leerem Raum“ für die Lesenden.

Toll, so konntest Du etliche bekannte Autorinnen kennen lernen und sogar mit ihnen arbeiten. Welchen Stellenwert hat das Schreiben in deinem Leben?
In meinem Leben ist Schreiben einfach da! Am glücklichsten war ich bisher an Orten, an denen die Menschen geschrieben haben und darüber sprachen, so wie in den Tübinger Schreibseminaren. Als ich bei einer Italienreise die „Villa Massimo“ besichtigen durfte und die Künstleranlagen sah, vom Austausch der Stipendiaten hörte und von ihren Symposien, da wurde eine Sehnsucht in mir wach.

Solche Sehnsüchte wollen gepflegt sein! Hast Du Zeit regelmässig zu schreiben?
In den letzten fünfzehn Jahren habe ich im Rahmen meiner Berufe vor allem redaktionelle- und Pressetexte verfasst. Außerdem entwickelte ich Theaterstücke mit Laien, die ich dann in Szene setzte. Daneben pflegte ich meine Mutter. Nach ihrem Tod bin ich nun täglich für meinen Vater da. In diesen Zeiten bleibt weniger Energie für Künstlerisches.

Der Lehrgang Dipl. Schreibpädagogin im Frauenseminar Bodensee hat mich ins eigene Schreiben zurückgeholt und darüber bin ich dankbar und glücklich.

Was inspiriert dich? Wo findest Du deine Ideen?
Schon als Kind habe ich ununterbrochen irgendetwas erfunden und aus allem geschöpft. Aber besondere Inspiration finde ich bis heute in der Natur. Dort ist für mich alles an Schönheit und Ästhetik vorgemacht, was das Leben zu bieten hat. Farben, Formen, Muster, Verwandlung, Verlockung, alle Sinne bekommen zu jeder Tages- oder Jahreszeit Impulse.

In meiner Tübinger Zeit habe ich viele Gedichte und kurze Geschichten über den Fluss und die Neckarinsel geschrieben, dort spielt übrigens auch mein Text „Flussweide“. Ich wohnte und arbeitete damals im dortigen Zimmertheater und war so in direkter Nachbarschaft vom Hölderlinturm. Das ist natürlich Inspiration pur! In Memoriam habe ich die ersten Zeilen im Hexameterrhythmus begonnen.

Aber auch Großstädte haben einen enormen Reiz für mich, wenn ich, selten genug, dort bin. Die großen Museen, Theater, die zentralen Plätze. Ich sehe Geschichten, wenn ich Menschen beobachte und ich interessiere mich für Details: Welche Moden führen sie vor? Was essen sie? Wie lachen sie? Worüber reden sie?

Hast Du Schreib-Pläne und wie sehen die aus? An was bist Du aktuell dran?
In einem Schubladenschrank sammle ich in Kladden und Schachteln meine Gedichte und Kurzprosa. Hin und wieder gestalte ich Kalender, in denen ich eigene Fotos und verdichtete Gedanken mische oder ich binde verschiedene Texte zu thematischen Ausgaben zusammen, um sie guten Freunden zu schenken. Kürzlich habe ich mich mit Lyrik und Prosaminiaturen im Rahmen einer Textwerkstatt und mit meinem Konzept «Text Gewebe» an einer Ausstellung über das Kreative Schreiben beteiligt.

Als Nächstes plane ich auf der Nordseeinsel Amrum, Haiku und Zevenaare zu schreiben. Denn sowohl die japanischen Dreizeiler wie auch die holländischen Siebenzeiler bringen Momentaufnahmen durch Worte hervor, sie passen wunderbar zusammen. Und wer die Insel kennt, wird das Vorhaben verstehen.

Für längere Prosa hatte ich bisher nicht genügend Atem. Aber die Zeit im Frauenseminar Bodensee veränderte meine Sicht auf das Schreiben. Ich bekam Methoden an die Hand, Erlebtes mit Worten zu klären, Geschriebenes zu strukturieren, aber doch nicht immer alles im Blick haben zu müssen. Vielleicht liegt darin nun die Basis für ein Buch?

Liebe Josefine Barbara, das wünschen wir Dir von ganzem Herzen! Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine Zukunft.

Das Interview führte Verena Lüthi, Redaktion Julia Onken Online-Magazin

Der Siegertext von Josefine Barbara Renner:

„Warum nicht jetzt“
Flussweide

Regen und sie steht am Fenster, sieht unten den Fluss.
Wie schmutzig und schnell er vorbeischäumt.
Und oben die kleineren Häuser, erscheinen ihr schiefer als bunt.

Sie muss nachdenken, und will ein Stück gehen.
Vor ihrer Tür liegt die Flussinsel. Auf der einen Seite gesäumt von kahl geschnittenen Platanen und auf der anderen Seite von Flussweiden mit ihren Blätterschleppen. Noch kann sie ihre Perspektive auswählen. Natürlich möchte sie nicht im Regen stehen.

Fürs erste nimmt sie den Schirm.
Eigentlich gehört er nicht zu ihr. Aber sie hat keine Erinnerung, wie sie an ihn herangekommen ist.
Ein Begleitschirm. Ein in der Not durch Nässe getauschter Schirm. Sie hat ihn mitgenommen, irgendwo. Irgendwo anders würde sie ihn vielleicht stehen lassen.

Im Freien atmet sie durch. Dann spannt sie den Schirm auf. 
„Ich bin wie diese Ente dort“, denkt sie, „gegen den Strom.“ Von der Brücke schaut jemand herunter. Sie fühlt sich beobachtet und wechselt die Richtung. „Und immer noch ich!“
In der Zwischenzeit lässt sich der Schirm von einer Windböe umstülpen. Sie zieht den Knauf an sich und versucht mit einer Hand das Polyesterdach zurückzuklappen. Dabei bricht eine Speiche.
„Trau keinem Fremdschirm“, sagt sie sich und schießt den Knirps in den Wind.
Der Notschirm landet im Fluss. Ein Stück seiner Plane hat ein kleines Segel gebildet. So treibt er auf dem eiligen Wasser weiter zwischen zerplatzenden Luftbläschen, die aussehen wie Froschaugen.

„Ein kluger Mensch“, geht es ihr durch den Sinn, als sie den Fotografen 
am Ufer sieht, der dort unter herabhängenden Weidenzweigen steht,
wie in ein Regencape gehüllt.

Und sie bewundert seine Geduld, mit der er aufnimmt, was in den Blätternetzen der Flussweide hängen bleibt: Umsponnene Brotreste, eine Flasche ausgetrunkenes Mitternachtsbier oder Papiersalat, darunter eine aus dem Fenster gewehte Frühstücksbotschaft.
Sein Kameraauslöser schnarrt im Einklang mit dem herabrasselnden Regen.

Bevor ihn das Schirmschiffchen erreicht hat, rennt sie los.
Sie ruft. Sie winkt. Sie läuft zu ihm. Kalt fließt es über ihre Haare, ihre Wimpern und ihren Mund.
Über ihr tönt vereinzeltes Gurren im Wind.
„Hi Alex “, keucht sie. „Ich habe doch gesagt, warte lieber nicht auf mich!“
„Und ich sage, hör mal, klingt die Taube nicht wie ein: Und zu dir werde ich über den Fluss fliegen?
Er breitet ein Papierstück auf einem glänzenden Stein mit der Schuhspitze aus, bis es herzförmig ist. An den überhängenden Zweigen zittern spiegelnde Tropfen.
Sie steht da, mit zusammengedrückten Fäusten, als müsse sie jetzt sofort, die im Regen gesammelten Gedanken in Worte fassen.
Dann packt sie ihn am Arm: „Möchtest du bei mir einziehen?“
Den Mund offen, die Arme vornüber, bietet sie ihm ein Bild, das er mit einem wärmenden Kuss auflöst. „Ja!“, sagt er einfach und steckt seine Kamera weg.

Gemeinsam tappen sie über die samtigen Blätter der Allee, vorbei an durchnässten Parkbänken und am Taubenhaus, das auf seinem Sockel aussieht wie ein japanisches Schriftzeichen.
„Hölzerne Miniatur. Eine Windmühle ohne Flügel“, sagt sie.
„Aber die Vögel fliegen; ein und aus“, sagt er.
„Wusstest du, dass die Japaner eine Variante ihrer dreizeiligen Gedichte Senryū nennen? Übersetzt heißt es Flussweide. In siebzehn Silben gesammelte Launen und Begebenheiten deines Lebens.“

Nach dem Regenguss
bleibt ein Schirm auf der Parkbank -
Wer möchte tauschen?

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen