Interview mit Mathias Jung

Julia Onken, 27.12.2019

Mathias Jung
Mathias Jung

Julia:
Lieber Mathias, wir kennen uns schon lange. Auch wenn wir uns selten sehen, stehen wir trotzdem eigentlich immer miteinander im Kontakt, denn wir lesen voneinander, was wir geschrieben haben. Du hast eine Vielzahl von Büchern verfasst. Sind es fünfzig oder noch mehr?

Mathias:
Es sind sechzig.  Meine Frau, die zugleich die Verlegerin einer Mehrzahl meiner Bücher ist, meinte einmal sarkastisch. „Du schreibst Bücher, wie ein Kaninchen rammelt.“

Was für eine hübsche Metapher! Und wie es Kaninchen auch stets fleissig treiben, schreibst auch Du pausenlos weiter. Dein kürzlich erschienenes Buch über Seelenwunden ist vom Format her klein, der Inhalt indessen ist ein grosses Meisterwerk, und ich muss sagen, es hat mich zutiefst bewegt. Es geht darin um die Heilung des verletzten Kindes, und Du erklärst anhand des Märchens «Hans mein Igel», was die Stacheln für eine Funktion haben. Aber Du gehst darin ja weiter. Was ist zu tun, um Verletzungen aus der Kindheit zu heilen. Wie bist Du auf dieses Thema gestossen?

Wir alle gelangen nur mit Verletzungen über die unsichtbare Demarkationslinie vom Kind zum Erwachsensein. Mit Stacheln wie Aggression, Rückzug, Kommunikationsverweigerung, haben wir uns gegen familiäres Leid wie Vaterwunde, Mutterwunde, eine destruktive Geschwisterkonstellation, Gewalt, Missbrauch, Einsamkeit und vieles andere verzweifelt gewehrt. Das waren Schutzmechanismen. Nun hat sich aber im Erwachsenendasein die Situation grundlegend geändert. Keiner bedroht uns mehr. Wir sind stark geworden. Jetzt gilt es, die überholten Neurosen (Wahrnehmungs- und Handlungsverzerrungen) in einer aufdeckenden Arbeit zu erkennen und die Sollbruchstellen zu beseitigen. In meinem Büchlein führe ich als bordeigene Therapieinstrumente fünf Schritte an: Erinnern, Beweinen, Bewüten, Begreifen, Beenden. In dieser schmerzhaften Auflösung der Kindheitsdramaturgie befreien wir uns. Wir werden selbstbewusst und glücksfähig.

Du schreibst nicht nur Bücher, sondern bist auch als Psychotherapeut – vor allem auch mit Paaren – therapeutisch tätig. Welche Probleme finden sich in der Partnerschaft am häufigsten? Und was ist dagegen zu tun?

Es sind vor allem drei Themenbereiche:  Sprachlosigkeit. Berührungsarmut. Entwicklungsverweigerung. Das können ernsthaft Liebende in der Paarberatung gut aufarbeiten. Bereits der Gang zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten ist, salopp gesagt, schon die halbe Miete. Das Paar wirft sich nicht mehr Schuldvorwürfe an den Kopf, sondern analysiert die jeweils eigenen  A n t e i l e   der Beziehungskrise., Sie sprechen in Ichbotschaften und hören sich achtsam zu, nach dem Modell im Buch „Zwiegespräche“ nach dem verstorbenen  Paartherapeuten Michael Lukas Moeller.

Und was lernen dann Paare? 

Dabei küssen sich ihre Seelen. In der täglichen zärtlichen Berührung wiederum betritt am Ende Gott Eros die Bühne. In der Bereitschaft zur Entwicklung (statt: „Du bist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe“) werden sich die Liebenden, Heterosexuelle wie Homosexuelle, zu Entwicklungshelfern, zu Leitbildern wandeln. Sie beflügeln sowohl die jeweils individuelle Entwicklung wie die gemeinsame Paarevolution zu höheren, stabileren Paarsynthesen. Der anfänglich sexuelle Rausch, das Stadium der verminderten Zurechnungsfähigkeit, leistet dies auf Dauer nicht. Wo sieht man schon, dass mittelalterliche Paare Abend für Abend im Kronleuchter des Schlafzimmers schaukeln und Brunftgeräusche ausstoßen?

Ja. Da stimme ich Dir zu. Paarbeziehung ist immer auch Entwicklung, also eigentlich sind Schwierigkeiten auch Lektionen, um lieben zu lernen. Psychotherapie ist eines Deiner Themenbereiche, mit denen Du Dich beschäftigst. Aber Du hast auch eine Sonderreihe über Philosophen herausgegeben, die sich übrigens so spannend lesen wie Krimis. Was für einen Stellenwert hat die Philosophie in Deinem Leben?

Ich beantworte diese Frage mit den Worten des großen Schweizer Arztes und Psychoanalytikers Carl Gustav Jung (aus: „Probleme des Psychotherapie“): „Ich kann es kaum verschleiern, dass wir Psychotherapeuten eigentlich Philosophen oder philosophische Ärzte sein sollten, oder vielmehr, dass wir es schon sind, ohne es wahr haben zu wollen.“ Schon in meinem Philosophiestudium war ich fasziniert über die existenziellen Erkenntnisse und praktischen Handreichungen der Denker. Das moderne Leben ist heute eine Baustelle, der Mensch eine Bastelexistenz.

Wie meinst Du das?

Alle Traditionen müssen wir hinterfragen. Bei Sokrates  begegnen wir der Kraft des Zweifels („Ich weiss, dass ich nichts weiß“) und der fröhlichen Leiblichkeit, bei Seneca dem staatsbürgerlichen Engagements, bei Montaigne der Kunst des Sterbens, bei Denkern wie  Feuerbach, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche oder Sartre die Auseinandersetzung mit unserer metaphysischen Obdachlosigkeit. Mit Kant denken wir „ohne Leitung eine andere“. Mit Erich Fromms Sozialphilosophie ziehen wir das lebendige „Sein“ dem kapitalistischen „Haben“ vor. Bei Schopenhauer blicken wir in das Grauen der Welt. Dürrenmatt spricht als grimmiger literarischer Moralist vom „Irrenhaus Welt“. Das Denken macht uns widerstandsfähig im Sinne einer geistigen Resilienz.

Wir haben zusammen ein Buch geschrieben «Liebes-Pingpong – Das Beziehungsspiel von Mann und Frau». Es war uns ein Anliegen aufzuzeigen, dass es wichtige Beziehungsthemen gibt, die von Männern und Frauen unterschiedlich gesehen werden und oft zu Missverständnissen führen. Gibt es ein Thema, das Du nachträglich noch ergänzen wolltest? Und welches?

Ja, hinzufügen würde ich in einem Folgeband mit Dir, liebe Julia, eine schonungslose Schlammschlacht: Du ziehst her über die Kerle, ich über die Weiber. Dabei lieben wir doch die weiblichen Zicken und die männlichen Idioten. Nicht wahr?

Gut. Das machen wir.

Literatur

  • Onken/Jung, Liebes-Pingpong, das Beziehungsspiel von Mann und Frau, Kösel
  • Mathias Jung, Das sprachlose Paar – Wege aus der Krise, Emu Verlag
  • Mathias Jung, Seelenwunden – die Heilung des verletzten Kindes, Emu Verlag

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