Interview mit Regula Stämpfli

Julia Onken, 02.07.2019

Regula Stämpfli
Regula Stämpfli

Der Muttermythos hält uns in Atem: allgütig, rundum liebend, allseits geduldig und vor allem selbstlos. Was sagst Du als Mutter von drei Söhnen dazu? Hast auch Du versucht, diese Formel zu erfüllen?

Mein erstes Kind hatte ich schon kurz nach dem Studium – da wusste ich als Historikerin und Feministin schon längst, dass es weder DIE MUTTER noch DIE MUTTERLIEBE gibt. Frauen werden seit Jahrhunderten nach den jeweiligen gesellschaftlichen Bedürfnissen erzogen, geformt, eingesperrt. Sandra Konrad nennt das in ihrem genialen Buch über die psychohistorischen Bedingungen weiblicher Sexualität präzise: „Sie will was er will“. Das alles war mir schon vor den Geburten meiner wunderbaren Kinder klar. Also habe ich von Anfang an bewusst versucht als Mensch eigenständig zu bleiben und mich von deutsch-schweizerischen Klischees zum Mutterbild und von den klassischen Frauenrollen zu befreien. Dies gelang mir sehr gut, da ich in Bruxelles arbeitete, wo Krippen und Tagesschulen normal sind und für die positive Entwicklung von Kindern als unabdingbar gelten.

Wenn Du zurückdenkst, als Deine Kinder noch klein waren, gingst Du in der Mutterrolle auf?

Ich war wohl die glücklichste Schwangere und eine der glücklichsten Mutter überhaupt! Letzteres aber nur, weil ich nicht 24 Stunden mit den Kids in einer kleinen Wohnung eingesperrt war, sondern von 9 bis 17 Uhr, manchmal auch 18 Uhr voll arbeiten konnte. An Wochenenden gab ich oft Kurse, da waren der Kindsvater und meine Mutter da, die den Kindern auch unglaublich viel Liebe und Zeit mitgegeben haben. Schlafmangel war zwar oft ein Thema, aber ich war wirklich jeden Tag dankbar in einer Umgebung zu leben, die Frauen in erster Linie als Menschen und nicht als Eigentum ihres Nachwuchs und des Erzeugers behandelte. Ich wusste seit ich selber Kind war: Es braucht ein Dorf, um Kinder grosszuziehen. Mein Dorf war Bruxelles mit staatlichen Krippen, Tagesschulen, Ferienlagern und einer Wochenarbeitszeit von 38 Stunden.

Hast Du in der Mutterrolle Deine intellektuellen Fähigkeiten, Deine kreative Begabung und Deine Stärke zu Denken im Dornröschenschlaf narkotisiert?

Hätte ich in der Schweiz gelebt, wäre dies sicher passiert und ich in eine lebenslange Depression verfallen. Ich weiss noch, wie einige meiner Studienkolleginnen, sobald sie Mütter wurden, ihre Berufswünsche völlig aufgegeben haben und bis heute extrem darunter leiden. Vielleicht sind deshalb soviele Frauen im späteren Alter so ungnädig, teilweise frustriert und oft extrem ungerecht gegenüber ihren jüngeren und gleichaltrigen Schwestern. Weil sie ihre Freiheit, ihren Mut, die weibliche Kraft nicht leben durften, da ihnen der Staat und die gesellschaftlichen Regeln Rollen zuschoben, für die sie gar nie geboren wurden. Da sind die deutschen und schweizerischen Mütterkulte echt pickelhart. Wie gesagt: Ich danke allen Göttinnen dieser Welt, meiner Mutter und meiner Grossmutter, dass sie als Arbeiterin, als Bäuerin mir ein Frauenleben vorgelebt haben, das sich nicht auf die Reproduktion von Nachwuchs beschränkte. Ich möchte allen Müttern und Nicht-Müttern zurufen: Helft mit, dass alle Frauen frei sind, frei zu sein! Die Verantwortung für Kinder allein der Mutter und/oder dem Vater aufzubürden konstruiert Gefängnisse, die schreckliche Familiendramen oder noch schrecklichere Jugendbehörden nach sich ziehen. Da sind andere Länder wie Frankreich, Schweden, Dänemark, Finnland wirklich Jahrzehnte der Schweiz und Deutschland voraus. 2019 hat die Unicef-Studie der Schweiz punkto Familienfreundlichkeit in Europa den letzten (!) Platz zugewiesen. Das männliche Ernährermodell hält sich in der Schweiz unglaublich hartnäckig.

Der Begriff «Begabungsstau» gehörte einst zum feministischen Vokabular, der dem Elend vieler Frauen, die hinter dem Kochtopf befürchteten zu verkümmern, Ausdruck verliehen. Ist das alles Schnee von gestern?

Überhaupt nicht und liebe Julia: Du hast dazu ja das beste und aktuellste Buch dazu geschrieben! In Deinem „Mit dem Herzen der Löwin“ erklärst Du den hohen individuellen Preis, der Weiblichkeit mit sich bringt. Es gibt eine unglaublich unheilvolle Allianz zwischen patriarchaler Macht und Frauen. Selbst Yuval Noah Harari, der Erklärungsguru des 21. Jahrhunderts zeigt sich etwas ratlos darüber, dass Frauen auf der ganzen Welt unterdrückt werden und es kein einziges Land gibt, das von Frauen regiert, gewirtschaftet, kulturell, gesellschaftlich und weiblich dominiert wird. Dabei ist es sehr einfach und Frauen wie Du und ich schreiben uns seit Jahrhunderten die Finger blutig: Männer haben überall auf der Welt das Wort und die Macht, Frauen zum Schweigen zu bringen und sie auf die entsprechenden Rollen festzulegen. Und will Frau nicht ihr Leben, ihre Liebe, ihre Anerkennung, ihr Dazugehören verlieren, was für jeden Menschen als soziales Tier überlebensnotwendig ist, schickt sie sich oft rein in diese unfassbar grausamen Bedingungen. Ja, viele Frauen gehen noch weiter und erfinden unglaubliche Begründungen, weshalb es „natürlich“, „göttlich“, „normal“ oder gar kulturell gerecht ist, beispielsweise Genitalien zu beschneiden, die eigenen Körperöffnungen zu verkaufen oder Frauenkörper von Kopf bis Fuss zu verhüllen oder in Pornofilmen zu enthüllen. Begabungsstau ist der courant normal für jede Frau: Von Geburt bis zu ihrem Tode und darüber hinaus. Denke doch nur an all die grossen Frauen in der Vergangenheit, die bis heute totgeschwiegen, verkannt und diffamiert werden!

Heute wird unter dem Begriff Feminismus gar manches zusammengemixt, was eigentlich nichts miteinander zu tun hat. Was sagst Du dazu?

Da bin ich ganz klar: Alle lebendigen Demokratien, die Frauen die Freiheit, frei zu sein wenigstens ansatzweise ermöglichen, gleichen einander. Die Bedingungen dazu sind unsere westlichen Verfassungen. Die sind im Kern unschlagbar gleichberechtigend und ich werde immer fassungslos, wenn irgendwelche dahergelaufene und von den Medien gehätschelte sogenannte „neue Feministinnen“ daherkommen und einen Feminismus verkaufen wollen, der weit hinter die Errungenschaften der französischen Aufklärung zurück geht – Stichwort sogenannte „Sexarbeit“ oder „Kopftuchfreiheit“. An solchen Frauen sieht man übrigens nicht einfach „das zweite Geschlecht“ nach Simone de Beauvoir, sondern das um jeden Preis anpassungsfähigste Geschlecht. Weil beispielsweise im westlichen Kapitalismus alles zur Ware verkommt, machen viele der gehypten Hashtagfeministinnen Frauenrechte zum postmodernen Ramschartikel, der dann für möglichst viele Likes oder organisierte Shitstorms auf dem „freien“ Markt verscherbelt wird. Mit Frauenrechten haben diese politischen Inszenierungen wenig zu tun, dafür viel mit der Propaganda für weibliche Marktkompatibilität.

Du bist nicht nur Mutter, sondern auch Tochter. Wie war Dein Verhältnis zu Deiner Mutter?

Eine ganz grosse Liebe. Ich vermisse sie sehr. Sie ist im November 2016 in meinen Armen gestorben.

War sie für Dich ein Vorbild?

Ja und wie! Meine Mutter hatte eine ungebrochene Lebensfreude, war gross und stark und hat sich gegen die Ungerechtigkeit der Welt und gegen sie persönlich, gut zu wehren gewusst. Sie war schlicht grossartig!

Was ist die schönste Erinnerung an sie?

Ihr Lachen, ihr gesunder Menschenverstand, ihre Neugier, ihre enorm witzigen Politikkommentare, ihren Apfelkuchen, ihr wunderschönes Gesicht der klassischen Diva, ihr Spiel mit meinen Kindern und ihren grossen Appetit (lacht herzlich). Ach, liebe Julia: Sie fehlt mir wirklich sehr: Meine Kinder und ich verdanken ihr unser wunderschönes Leben.

Dr.phil/Dipl. Coach Regula Stämpfli ist Politik-Dozentin mit Schwerpunkt Hannah Arendt, Demokratietheorie, Digitale Transformation und Bestseller-Autorin („Die Vermessung der Frau 2013“). Sie arbeitet als unabhängige wissenschaftliche Beraterin für die EU und gilt als eine der anerkanntesten Experten für Demokratie, Medien und Digitalisierung.

2013 hat sie im Frauenseminar Bodensee mit grosser Begeisterung ihr Coaching-Diplom abgeschlossen. 2016 wurde laStaempfli, so ihr Twittername, unter den 100 einflussreichsten Businessfrauen der Schweiz aufgeführt. Sie lebt nach vielen Jahren in der europäischen Hauptstadt nun im naturschönen München.

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