Irgendwann trifft's jeden!

Béatrice Stössel, 30.12.2021

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, ein gutes, gesundes und versöhnliches Jahr 2022.

Dem Thema „Dem Alter Würde geben“ stand ich vorerst ambivalent gegenüber. Wurde mir doch als Kind unermüdlich das 4. Gebot der christlichen Bibel vorgetragen:

"Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." (Ex 20,12)

Dies ist sicher nicht verkehrt. Doch als falsch empfand ich den Umstand, dass meine Mutter diese Order auf alle Erwachsenen und älteren Menschen ausdehnte. Das hatte wohl seine Berechtigung. Hörte ich, als junger Mensch den Alten, vermeintlich Erwachsenen, zu, war ich oft im Dilemma. Es wurde zwar Respekt eingefordert, doch durch verschiedene Handlungen und ihr Benehmen nicht gelebt. Weshalb es mir schwer fiel dieser Forderung nachzukommen.

Jetzt bin ich selbst bald siebenundsiebzig Jahre alt. Eine „Respektsperson“, wie sich meine Mutter auszudrücken pflegte, wenn sie von Erwachsenen sprach. Irgendwann triffts jeden!

Wie kann ich meinen Jahrringen Würde verleihen? Was lehrte mich das Leben? Manch Philosoph würde vielleicht die besseren Worte finden. So mäandere ich gedanklich durch die Jahre und tue mich schwer damit.

Bis am18.12.21 einem Samstag! Ich stand, mit Abstand, in der Warteschlange vor der Kasse. Mein Blick zielte auf die Schlagzeile der NZZ: „Was die Pandemie im Alter lehrt – Klara Obermüller geht in sich“. Meine Hand griff instinktiv nach der Zeitung. Das musste ich lesen! Und es lohnte sich! Die formulierten Ansichten, die Stellungnahmen, die Erkenntnisse trafen mich direkt ins Herz und waren höchst interessant. Welch kluge Frau. Klara Obermüller ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und war lange Jahre als Journalistin für namhafte Zeitungen unterwegs. Als inzwischen 81-jährige gehört auch sie zu den Menschen, die vor dem Virus geschützt werden müssen, war zu lesen. Wie sie darüber denkt, was es für sie bedeutete den 80. Geburtstag nicht mit Freunden und Familie feiern zu können. Die Erkenntnis, dass die Freunde wegsterben, sie selbst ebenfalls auf der Zielgeraden ist. „Mich quält das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft, dass ich all das, was ich jetzt verpasse, von Reisen bis hin zu kleinen geselligen Dingen, nicht oder nur noch bedingt nachholen kann.“ (Zitat: Klara Obermüller, NZZ vom 18.12.21) Dieser Satz beeindruckte mich und stimmte mich nachdenklich.

Mit jeder gelesenen Zeile wurde mir ihre klare Lebenshaltung, ihre schnörkellose Meinung bewusst. Je länger ich ihren Ausführungen folgte, desto tiefer zog ich vor ihr meinen Hut.

Alles was ich in diesem Bericht von Frau Obermüller las, widerspiegelte in meinen Augen, zu jedem Thema, eine tiefe Klarheit und eine immense Weisheit, die den Tatbestand: „Dem Alter Würde geben“ vollumfänglich erfüllte.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich viel zu wenig über und von dieser Frau weiss. Noch keines ihrer Bücher las, dass ich mich kaum an die Sendungen „Sternstunde Philosophie“ erinnere, welche sie über Jahre, bis 2002, moderierte. Ab sofort werde ich dies nachholen und hoffe, dass mir noch genug Zeit bleibt, um ihren Gedankengängen zu folgen.

Zum Thema „Dem Alter Würde geben“ habe ich meine Lehrmeisterin gefunden.

Liebe Frau Obermüller, ich bleibe ihnen auf den Fersen, wenigstens lesend. Sollte mir das Glück hold sein und ich sie auf einen philosophischen Spaziergang begleiten darf, geht das Getränk bei der Rast, selbstverständlich auf mich. Ich freue mich!

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