Jetzt erst recht!

Simone Buser, 27.08.2019

Simone Buser
Simone Buser

Der Kragen der verwaschenen Jeansjacke ist aufgestellt, bronzefarbene, aneinandergereihte Blätter schmücken deinen Halsausschnitt. Sie korrespondieren mit dem Blond deiner Haare. Gut gewählt. Meine Augen gleiten entlang der mittigen Zierfalte der weissen Bluse abwärts, zwischen den angewinkelten Beinen hindurch auf ein Paar signalrote, hochhackige Pumps! Die breiten Schnürsenkel sind nicht minder rot und vorne zu Schleifen gebunden. Ohne Lebensfreude trägt man die nicht, auch wenn man das Extravagante liebt. Sie stehen auf einem schwarzen Fussbrett, wirken drapiert, als gehörten sie zu einer grossen Puppe. Oberhalb die Beine, noch immer muskulös, aber ohne Vernetzung zur Schaltzentrale, das sehe ich sofort. Zum Verkümmern verurteilt. Der Bizeps dagegen, sprengt fast deinen Ärmelstoff.

Ich stelle mir vor, nie mehr aufzustehen. Wie damals als Kind, in der halbhohen Perspektive zu verharren, die Vertikale nur noch mittels Robotertechnik zu schaffen und so vielleicht mal ein paar Schritte zu laufen. «Klar ist es Scheisse, aber soll ich deswegen den ganzen Tag Trübsal blasen?» Ich erinnere ich mich an das kleine Mädchen auf dem alten Kinderfoto, das die orange, spröde Plastikfläche der Rutschbahn empor klettert. Hand biken ist immerhin eine Alternative.

Bahnrad-Weltcup im Velodrom Berlin. Hier hast du zweimal den EM-Titel geholt. Deine Ehrung zur „Radsportlerin des Jahres 2018“ steht an. Du rollst in die Arena. Dein erster Auftritt „Danach“. Tosender begeisterter Applaus. Alle sind sie aufgestanden für dich. Die roten Schuhe wirken wie ein feuriges Symbol des Aufbruchs! Im Publikum, dir direkt gegenüber, sitze ich. Eher klein gewachsen, strahlt deine innere Grösse bis zu mir. Die Nerven zucken in deinem Gesicht, es brodelt in deinem Gemüt. So unverfälscht winkst du in die Reihen, ich möchte dich umarmen. Du, Kristina Vogel: Deutsche Bahnradfahrerin der Superlative, elffache Weltmeisterin, zweifache Olympiasiegerin, 28 Jahre alt, geboren in Kirgistan, ehemalige Sowjetrepublik, bescheiden aufgewachsen in Erfurt (D) mit Mutter und Grossmutter. Alles an dir wirkt versöhnlich und gradlinig. Du bist schön, weil dein Lachen die Wolkendecke aufzureissen vermag.

Vernebelte Erinnerung an diesen Sekundenbruchteil, wo Himmel und Erde die Plätze tauschen. Mit 60 Stundenkilometern drehst du deine Runden. Ein Trainierender aus einem anderen Team steht mit seinem Rad auf der Bahn. Nach dem Zusammenprall bist du ansprechbar, er ist nur leicht verletzt. Man hat dich von den einengenden Turnschuhen befreit, nun liegen sie da, du hast nichts gemerkt, weisst instinktiv: «Das mit dem Laufen, das wird nichts mehr». Operationen, Bangen, eine Wirbelsäule wie ein IKEA-Klapptisch. Dem Tod wieder von der Schippe gesprungen. Den Rest siehst du nüchtern. Vom siebten Brustwirbel aufwärts, bist du noch immer die Alte. «Ich bin immer noch ich, einfach anders.»

Neun Jahre zuvor fliegst du auf dem Nachhauseweg ungebremst und unverschuldet mit Tempo 50 in die Seitenscheibe eines Kleinlasters. Das Metall in deinen Knochen ist geblieben, die Narben überschminkt, die Zähne stehen leicht vor.

Ein Goldkind bist du, Sportlerin der Superlative. Aber es ist dein Freigeist, der mir imponiert. Er windet sich, es tut mir weh, er windet sich in diesem unerhörten Unvermögen, nicht mehr uneingeschränkt Herr im eigenen Haus zu sein. «Es gibt so vieles, was ich noch tun kann.» Du wirst zur Perlentaucherin, erschaffst dir neue Beine, verschiebst Grenzen, erweiterst die Architektur des Lebens. Heute, nur ein Jahr später, bist du Stadträtin deiner Heimatstadt, Barrierefreiheit ist eines deiner Themen. Dein Leben zwängt sich nicht durch den Hintereingang. Du fährst auf Rädern und Rampen über den roten Teppich und als ausgebildete Polizistin bald wieder zum Dienst bei der Bundespolizei. „Ich bin stolz, dass ich die bin, die ich bin, um ein Vorbild zu sein». Wenn ich morgens meinen steifen Rücken strecke, denke ich manchmal an dich.

Die Liste der ersten Male ohne Hilfe wird länger und länger. Geduld hast du keine, aber zäh bist du. „Aufstehen im Sitzen» klappt schon, Autofahren, Reisen mit dem Zug und sogar fliegen im Tandem. Und da ist plötzlich Zeit für den langersehnten Hund, ein Konzert, die Muse für ein Glas Wein oder zwei.

«Es ist auch schön, frei vom Gedanken zu sein, dass es wieder besser kommt», hast du einmal gesagt. Aber was ist mit den Tagen, die einfach nur zum Heulen sind? Da sind Ängste, aber das schwarze Loch hat dich nie verschluckt. «Sich auch mal treiben lassen, am Ende wird schon alles gut.»

Einmal ein Champion auf Rädern sein? Vielleicht, eher nicht, Sport aber unbedingt und Bahnradsport-Expertin im ZDF bist du bereits. Erst einmal durchatmen, sich mit jeder Faser zurückerobern, auch für deine Liebe Michael und die Familie.

 „Seit dem Unfall fühle ich mich frei!» Darüber komme ich ins Grübeln, drohe mich im Dickicht der grossen Fragen zu verfangen. Das Hadern hält dich in den Klauen der Marter, das Trotzdem entlässt dich in ein neues Leben und das hast du gewählt.

«Trotzdem» ist ein bisschen wie «erst recht»,

wenn Türen zuschlagen, Räume nie betreten werden,

Luft nie geschnuppert

und in ihnen nie getanzt wird.

 

«Trotzdem» ist ein bisschen wie «erst recht»,

durch fremde Flure streifen,

unscheinbare Eingänge orten,

die Sinne nah zum Herzen gerichtet,

nicht nach den Sternen greifen,

sondern die Klinke drücken

und durch den Spalt schlüpfen.

 

«Trotzdem» ist ein bisschen wie «erst recht» für Kristina

und «machen ist wie wollen, nur krasser“, einer ihrer Leitsätze.

 

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