Kennst Du Dietrich Bonhoeffer?

Verena Lüthi, 07.07.2020

Verena Lüthi
Verena Lüthi

Jung und Alt antworten oft auf diese Frage «klar, das war doch der Pfarrer, welcher von den Nazis umgebracht wurde.» Oder es kommt «nein, sagt mir gerade nichts», dann fahre ich so weiter:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Spätestens jetzt wissen die Meisten Bescheid, denn seine Texte kennt man einfach.  

Schon lange schätze ich Dietrich Bonhoeffers Schriften, Gedichte und Briefe, aber richtig neugierig bin ich geworden als ich von Jürgen Werth’s Buch gehört habe: «Lieber Dietrich….Dein Jürgen. Über Leben am Abgrund – ein Briefwechsel mit Bonhoeffer».

Eine kluge Idee, die Briefe Bonhoeffers, die er in den letzten zwei Jahren seiner Gefangenschaft geschrieben hat, zu beantworten – und das einfach so mal 75 Jahre später!

Dieser fiktive Dialog bringt Bonhoeffer seinen Lesern auf eine wohltuende Art näher. Obwohl schon ein Dreivierteljahrhundert vorbei ist, man versteht ihn, dies nicht zuletzt durch die Antworten von Jürgen Werth aus der heutigen Zeit. Durch diesen Dialog wirkt er vertrauter, überrascht stellt man fest, wie sich seine Ängste, seine Sorgen ohne weiteres in die heutige Zeit übertragen lassen. Es ist dieses Gespräch zwischen Bonhoeffer und Werth, das anregt, aufregt, ermutigt, vieles auch hinterfragt, eine Fülle von Anregungen über Gott, das Leben und die Welt.

Bonhoeffer zeigt, was es heisst, wenn man zwar mitten im Leben steht, und doch das Ende vor sich sieht. Wenn man realisieren muss, dass es kein Entrinnen gibt, obwohl man noch keine vierzig Jahre alt ist. Trotzdem kein Hadern, kein Auflehnen, keine Wutausbrüche. Bonhoeffers Briefe aus der Gefangenschaft sind erfüllt vom seinem unerschütterlichen, tiefen Glauben und der Sorge um das Wohlergehen seiner Lieben. Er bezieht die kirchlichen Feiertage mit deren Bedeutung in seine Briefe mit ein, verbindet damit Trost und Hoffnung.

So schreibt er seinen Eltern zum Pfingstfest über das Sprachenwunder, «Wenn die Kirche nicht der Ort ist, an dem sich die Menschen verstehen, wo dann?» Werth antwortet ihm aus heutiger Sicht; «Auch heute brauchen wir Pfingsten um einander wieder zu verstehen – vielleicht mehr denn je. So viele Menschen reden lautstark aneinander vorbei, weil sie nicht mehr hören können und schon gar nicht zuhören.»  

Jürgen Werth nimmt die Stimmungen aus Bonhoeffers Briefen auf, leidet mit ihm, philosophiert mit ihm über Fragen wie: Wer bin ich? Wer bist Du? Wer ist Gott?

Erstaunlich, wie ein junger Theologe sich schon sehr früh gegen die Nazibarbarei stellte, gradlinig und ohne zu zögern seinen Weg ging, nur getragen von einem tiefen Gottesglauben. Jürgen Werth ist es durch seinen fiktiven Briefwechsel mit Dietrich Bonhoeffer gelungen, seine philosophisch-theologischen Schriften in die heutige Zeit zu transferieren. Dadurch gewinnt die Fülle und die philosophische Weitsicht Bonhoeffer’s an eine fast unheimlich anmutende Aktualität. Was hätten wir noch alles von diesem Mann lernen können, wenn er länger hätte leben dürfen!

Ein schönes Buch, dass durch diesen fiktiven Briefwechsel über ein Dreivierteljahrhundert anregt, sich den grossen Fragen der Menschheit zu stellen.  

Lieber Dietrich - Dein Jürgen

Lieber Dietrich... Dein Jürgen
Über Leben am Abgrund - ein Briefwechsel mit Bonhoeffer

Autor: Jürgen Werth

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

www.gtvh.de

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