Klappe halten - weiterdrehen!

Christine Weiner, 08.07.2021

Christine Weiner
Christine Weiner

Oft bekommt man bei Schreibwettbewerben, Online-Seiten oder bei Ausschreibungen von Verlagen ein spezielles Thema genannt, zu dem man etwas schreiben soll. Das erinnert an die Schulzeit. Erinnern Sie sich an die Aufsätze nach den großen Ferien? Da lautete die Aufgabe regelmäßig: „Mein schönster Ferientag“ oder „Ein großes Erlebnis“. Ich war immer sehr inspiriert und schrieb wie wild – leider nicht nur ich, denn spätestens nach dem Vortrag des fünften „Schönsten Ferientags“ hatte ich eigentlich genug von Wald, Wiese und Strand. 

Auch die Wanderungen und Strandburgen, die Eisbecher und Familienfrühstücke ähnelten sich entsetzlich dem, was ich geschrieben hatte. Statt achtsam und respektvoll zuzuhören, formte ich mit Spucke lieber Papierkügelchen, mit denen ich munter durch das Klassenzimmer schoss. Der Bezug zum Wettbewerb: Sie schreiben, 100 andere auch, die Jury hört oder liest und beginnt irgendwann innerlich Papierkügelchen zu formen. 

Was tun? Wie schafft man es – selbst ein allgemeines - Thema so anzugehen, dass es neu ist und damit überrascht? Genau dies geschieht, wenn man ein Thema weiterdreht, wie man dazu im Journalismus sagt Mit diesem Weiterdrehen, sind Sie noch immer am Thema dran, betrachten es aber aus einer anderen Perspektive oder von einer anderen Zeitachse aus.

Das Thema „Streiten oder Klappe halten?“ könnte weitergedreht zum Beispiel die Geschichte einer Versöhnung sein; Das Wäre ein Verständnis oder ein anderes, dass nicht die Protagonistin, der Protagonist im Mittelpunkt des Textes steht, sondern es sein oder ihr Gegenüber ist, das wir als LeserInnen auf einmal begleiten. Wird dieser Mensch die Klappe halten? Kommt es zu einem Streit? Welcher Art von Streit? Laut? Leise? Tränenreich?

Möchten wir so vielfältig wie das Leben und die Menschen sein, dann könnte ein Weiterdrehen auch bedeuten, dass wir uns z.B. überlegen, wie jemand streitet, der vielleicht aus körperlichen Gründen seine Klappe halten muss, etwa, weil er oder sie stumm ist. Wie streitet ein Mensch ohne wütende Worte? Und wie streitet ein stummer Mensch mit einem Menschen, der spricht? Auf welche Weise findet hier Begegnung und Austausch statt? 

Sie merken sicher schon wie wunderbar kreativ dieses Weiterdrehen ist. Es eröffnet völlig neue Aspekte, denn es bedient sich nicht gradlinig an dem, was uns angeboten oder vorgesetzt wird. „Ich will nicht hören, wie ein Bäcker sein Brot bäckt“, rollte in meinen früheren Hörfunktagen meine Chefin mit den Augen. „Ich will wissen, warum er bäckt. Wieso dieser Beruf? Was hält ihn daran? What makes him tick?“ 

Auch Interviews sind nichts anderes als Geschichten, die wir erzählen. Sie werden langweilig, wenn biographische Daten der Reihe nach abgefrühstückt werden. Menschen wollen überrascht werden und unterhalten. Dies geschieht durch unerwartete Wendungen, Verwirrung, aber auch durch eine neue Sicht. Weiterdrehen ist ein großer Moment in der Erzählkunst, aber auch in einem Sachbuch, wenn ein Stoff nicht nach „Schema F“ behandelt wird. 

Wer ist darüber hinaus betroffen? Wer schaut einer Szene zu und erzählt uns aus dem Off? Was bewirkt die Handlung an einer ganz anderen Stelle? Wer hört es, wenn jemand die Klappe aufmacht? Sitzt er oder sie am Nebentisch? Wird ein Paar belauscht? Wie ist die Folgeszene, wenn ein Mensch, der eben noch die Klappe gehalten hat, den Streit verlässt. 

Weiterdrehen ist spannend und hilft uns, dass nicht nur die LeserInnen Spaß an einer Geschichte haben, sondern auch wir beim Schreiben. Im Sachbuch oder Film nennt man dieses vergnügliche Lernen übrigens: Infotainment. Mit Leidenschaft erleben wir dann einen Bäcker, der etwas in der Welt durch sein duftendes Brot bewegt und nebenbei, aber nicht am Rande, erfahren wir auch noch das Rezept. Diese Geschichten bleiben hängen, diese Geschichten fallen auf und diese Geschichten – gewinnen. ;-)

Meine heutige - hoffentlich anregende – Frage an Sie:

„Wie war ihr schönster Ferientag?“

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